"Feuer in Papiertüten": Sloterdijk liest und denkt vor Publikum in Chemnitz

Der Star-Philosoph Peter Sloterdijk hat seinen im März gescheiterten Besuch in Chemnitz nachgeholt. An zwei Abenden führte er vor allem Selbstgespräche.

Chemnitz .

Denken, hat Peter Sloterdijk einmal gesagt, sei so, wie Feuer in Papiertüten zu transportieren. Der Satz führt vor, wie der inzwischen 72-jährige Denker aus dem Badischen weit über die Fachwelt hinaus populär werden konnte: In seiner herausragenden Formulierungskunst erreicht er einen Grad an Anschaulichkeit, der das Begreifen zu einer fast körperlichen Erfahrung macht, einem Gefühl von Freude und Lust. Das war schon bei seinem ersten philosophischen Bestseller so, der "Kritik der zynischen Vernunft", die in den 1980er-Jahren vor allem auch von interessierten Laien gekauft und bewundert wurde.

Peter Sloterdijk, Sohn einer deutschen Mutter und eines niederländischen Vaters, wurde zwei Jahre nach Kriegsende in Karlsruhe geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik und folgte mit Anfang 30 einem indischen Guru (Bhagwan), den nicht wenige für einen Ganoven hielten. 25 Jahre lang hatte Sloterdijk einen Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne, deren Rektor er 14 Jahre lang war. Ab 2002 moderierte er mit Rüdiger Safranski für zehn Jahre eine Spätabendsendung im ZDF: "Das philosophische Quartett".

Als Welterklärer hat sich Sloterdijk mit der hierzulande einflussreichen Frankfurter Schule und ihren "Habermasiaden" kritisch auseinandergesetzt. Während sein eigenes Werk - von wohlwollenden Fachkollegen, es gibt auch andere - als originelle und zeitgemäße Anverwandlung älterer Theoriebestände gepriesen wird, kultiviert er das Image des Außenseiters und ist in seinen öffentlichen Äußerungen nicht frei von Larmoyanz. Die Leiterin der Chemnitzer Volkshochschule, Grit Bochmann, stellte Sloterdijk bei seinen beiden Auftritten am Sonntag- und Montagabend als einen führenden Intellektuellen des Landes vor. Sloterdijk sah keinen Grund, dem zu widersprechen.

Er hatte bereits am 8. März dieses Jahres eine Veranstaltung der Volkshochschule zu deren 100-jährigem Bestehen bestreiten sollen. Eine "Verkettung unglücklicher Umstände", so Bochmann, habe dazu geführt, dass der damalige Besuch nicht zustandekam und das bereits versammelte Publikum nach Hause geschickt werden musste. Sloterdijk machte sich das Missgeschick am Ende zu Nutze und amüsierte das Publikum, indem er einen "Chemnitz-Effekt" erfand: "Sie waren am 8. März bestellt und sind am 18. November pünktlich da!" Nach dem Motto von Carl Einstein: Zu spät komme man immer rechtzeitig. Sloterdijks (gespieltes) Erstaunen und sein Lob auf die Chemnitzer Geduld und Gastfreundschaft ließen sich danach mehr erahnen als hören. Der gelegentlich fast selbstvergessen-murmelnde Vortrag des Weisen mit dem Schnauzbart steigerte zwar die Spannung und das Gefühl von Intimität im Saal, ging aber auf Kosten der Verständlichkeit.

Die Lesung - er selbst bezweifelte am Montag, ob diese Bezeichnung angemessen sei - beschränkte sich auf einige Auszüge seiner beiden Journale "Zeilen und Tage", die Begebenheiten der Jahre 2008 bis 2010 (Band 1) und 2011 bis 2013 (Band 2) umfassen. Notate aus dem "Flugsand der Erinnerungen", gewandet in das "Sonntagskleid der Sprache", das er ihr auch werktags anlege. Manches ließe sich einfacher sagen, wäre dann aber weniger schön. Der Vortrag mäanderte von Person zu Person und von Ort zu Ort, der Abend hätte fast ein Register verdient; die Auswahl der Anekdoten war auf Wirksamkeit getrimmt. Es wurde geschmunzelt und gelacht, meist wohl aus nicht ganz uneitlen Motiven: Man konnte sich gemeinsam geistreich fühlen.

Dabei hielt längst nicht alles einer zweiten Überlegung stand: Den Vorwurf des allzu Anekdotischen, dem der rote Faden fehlt, hielt Sloterdijk sich noch vom Leibe, indem er "Unverantwortlichkeit" für seine Denkskizzen reklamierte: Sie seien niemals auf Veröffentlichung hin gedacht und festgehalten worden. Gelegentlich wurde er pauschal und populistisch, beglich Rechnungen mit akademischen Gegnern, stellte eigene Überlegenheit zur Schau. Und, ja, wie er über Frauen spricht und schreibt, etwa "die" Ungarinnen in Budapest, die ihn an "Putzlappengeschwader" erinnerten, klingt nach ranzigem Pennälerwitz, wenn nicht Schlimmerem, Traurigerem. Hat sich jede Zuhörerin, jeder Zuhörer dabei wohlgefühlt?

Die ganz großen Kontroversen ließ er aus, die Thesen seiner "Regeln für den Menschenpark" oder die "Revolution der gebenden Hand", weitgehend auch die kritischen Zeitdiagnosen zur Ära Merkel. Die Flüchtlingspolitik hatte Sloterdijk mehrfach deutlich kritisiert, unter rechtspopulistischen Intellektuellen hat er einige Fans. In Chemnitz kam es aus Zeitgründen nur am Sonntagsabend zu einer kurzen Diskussion.

Insgesamt waren zu den beiden Lesungen reichlich 230 Gäste in die Volkshochschule gekommen - zweimal beinahe vollbesetzter Saal, ein schöner Erfolg für den Veranstalter. Zum eigentlichen Thema des Volkshochschul-Jubiläumszyklus', "Visionen - In welcher Gesellschaft wollen wir leben", trug Sloterdijk nicht wirklich Substanzielles bei. Aber dafür bleiben ja noch seine Bücher.

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