Die beiden Geschwister Tarja und Charlotte eint ein Schicksal, sie haben ihre Mutter verloren. Doch auch wenn die große Schwester schon vor einiger Zeit ausgezogen ist, sehen sie sich mehrmals pro Woche.
Für Tarja Frenzel ist Charlotte eigentlich nur eines – ihre Schwester. Mehrmals pro Woche kommt sie zu Besuch. Die 20-Jährige lebt auch in Chemnitz, hat eine Ausbildung zur Fleischerin gemacht und arbeitet mittlerweile beim Wirtschaftshof Sachsenland. Ihr erster Weg führt die große Schwester an diesem Tag direkt zu Charlotte, oder einfach nur Lotte, wie sie auch genannt wird. Tarja steigt über das Gitter in den Spielbereich der Kleinen. Dort liegen Kuscheltiere und jede Menge quietschende und tutende Spielsachen. Lotte liebt das. Die ganze Zeit klingelt irgendein anderes. Ihr kleines Lenkrad, das in einer abenteuerlichen Konstruktion an der Wand befestigt ist, ist sogar so etwas wie ein Trainingsgerät. Um dort ranzukommen, muss sich die Vierjährige hinstellen. So wird ganz spielerisch das Stehen geübt.
Die Familie glaubt, bald wird Charlotte sprechen können
Nun sitzt Tarja neben Charlotte und diese kuschelt sich sofort an sie heran. „Ich werde abgeknutscht“, ruft die 20-Jährige und lacht. Dabei schaut Charlotte ihrer großen Schwester auf den Mund. „Sie beobachtet die Lippen, das macht sie in letzter Zeit sehr oft“, erzählt Sven Brand. Er glaubt, dass es nicht mehr lange dauert und Lotte wird versuchen, zu sprechen. Vor ein paar Monaten hatte Sven Brand noch gewettet, dass es Ende des Jahres so weit sein könnte. Ganz wird das wohl nicht mehr klappen, aber die Anzeichen mehren sich.
Er ist der Vater der Vierjährigen und war der neue Partner von Tarjas Mutter. Als Charlotte geboren wurde, lebten alle noch unter einem Dach. Wer die Geschichte der Familie kennt, für den scheint das eine Ewigkeit her zu sein.
Die Vierjährige leidet an einem seltenen Gendefekt. Das Chromosom 15 ist einmal zu viel da, um es ganz sehr vereinfacht zu sagen. Die Folgen: Menschen, die das haben, haben sprachliche und kognitive Entwicklungsverzögerungen. Auch eine verminderte Muskelspannung, Probleme bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken, eine Autismus-Spektrum-Störung sowie eine teils schwer behandelbare Epilepsie gehören dazu.
Unzählige epileptische Anfälle als Baby
Auf Charlotte trifft das alles zu. Und Letzteres war so schlimm, dass sie äußerst starke Medikamente nehmen musste, um die vielen epileptischen Anfälle unter Kontrolle zu bringen. Sie bekam vielleicht deshalb eine schwere Krebserkrankung und als diese Anfang des Jahres überstanden war, starb ihre Mutter Tanja völlig überraschend. In der Küche der Wohnung im Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses fiel sie einfach um.
Nicht nur Charlotte verlor an jenem Tag ihre Mutter. „Sie war die tollste Mum der Welt“, sagt die 20-Jährige. Immer wenn sie in die Wohnung kommt, in der sie selbst einmal gelebt hat, fühle sie sich ihrer Mutter näher. „Ich sehe sie hier überall, das ist schön.“ Sie könne Sven Brand verstehen, den das aber erdrückt. „So viel Mum um ihn herum.“
Manchmal kommen einfach die Tränen
Das ist eine der Gründe, warum Sven und Charlotte umziehen wollen. Zudem befindet sich ihre Wohnung im Dachgeschoss eines Hauses ohne Fahrstuhl. Mit einer behinderten Tochter wird das auf Dauer und je größer sie wird immer belastender. „Es ist aber auch komisch, hier zu sein. Ich denke oft, sie kommt gleich in den Raum“, sagt Tarja. Und Sven nickt – „so fühlt es sich an.“
Es gebe viele Tage, an denen sie einfach anfängt zu weinen, wenn sie an ihre Mutter denkt. Beim Schminken an diesem Morgen kamen ihr beim Blick in den Spiegel die Tränen. Sie sieht ihr sehr ähnlich. „Oder auch wenn ich bestimmte Musik höre.“
Das Band zwischen ihr und und ihrer Schwester Charlotte ist aber besonders. Sie sei dann viel ruhiger, kuschelt viel. „Ich habe sie einfach nur lieb“, sagt Tarja. Sie sei der letzte Teil von ihrer Mama und werde ihr immer ähnlicher. (aed)
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