Frank und Gunther Liebers (von links) sind nach einem Schicksalsschlag auf den Rollstuhl angewiesen. Von zu Hause aus können sie aber am Vereinsleben der Modelleisenbahner Chemnitztal teilnehmen, hier beim Erstellen eines Schaltplanes für eine TT-Anlage.
Frank und Gunther Liebers (von links) sind nach einem Schicksalsschlag auf den Rollstuhl angewiesen. Von zu Hause aus können sie aber am Vereinsleben der Modelleisenbahner Chemnitztal teilnehmen, hier beim Erstellen eines Schaltplanes für eine TT-Anlage. Bild: Andreas Seidel
Chemnitz
"Leser helfen": Trotz Rollstuhl-Schicksal per Mausklick in die weite Welt

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Seit Unfall und Operationen teilen zwei Brüder ein gemeinsames Handicap. Damit sie wieder am Vereinsleben teilnehmen können, werden Spenden bei "Leser helfen" gesammelt.

Markersdorf.

Eigentlich sollten in der Adventszeit die Züge der Nenngröße TT auf der Modelleisenbahnanlage von Gunther Liebers längst ihre Runden drehen. TT ist eine genormte Baugröße und die Abkürzung des englischen Table Top, was Tischfläche bedeutet (sinngemäß: passt auf einen Tisch). Auch die Bahnschranken, Häuser und andere Details in der fiktiven Gebirgslandschaft sollten funktionieren. "Ich wollte meine Anlage digital umstellen", sagt der 68-Jährige. Per Decoder und einer Software würden Fahrzeuge, Weichen und Signale gesteuert. Doch der langjährige Chef des Modelleisenbahnvereins Markersdorf/Chemnitztal hat seine Anlage schweren Herzens abgegeben. Sie steht im Vereinsheim auf dem Museumsbahnhof Markersdorf-Taura. Dort hatte er sich bis Anfang 2018 jeden Mittwoch mit Bastlern getroffen.

Doch vor knapp vier Jahren veränderte ein tragischer Unfall sein ganzes Leben. "Es war am Abend des 29. Januar 2018", erzählt der jetzige Rentner. Er wollte zu Bett gehen und stolperte. Er fiel unglücklich auf einen Heizkörper. Dort lag er dann regungslos. "Ich hörte es krachen und dachte zuerst an einen Schlaganfall", sagt Ehefrau Birgit. Doch im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass das Rückenmark in Höhe des vierten und fünften Halswirbels verletzt war. Nach mehr als einem dreiviertel Jahr Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Kreischa kehrte er auf den Rollstuhl angewiesen nach Hause zurück.

Es dauerte einige Monate bis er sich wieder zurück ins Leben kämpfte. "Anfangs hatte mich der Mut verlassen", sagt der Markersdorfer, der mit seiner Frau eine Elektronikfirma betreibt. Er hatte Schmerzen, jede Bewegung fiel schwer, ständig war er auf Hilfe angewiesen. Seitdem braucht er regelmäßige Physio- und Ergo-Behandlungen. Es gelingt ihm jetzt, einen elektrischen Rollstuhl zu steuern.

Seine Hände kann Gunther Liebers nur eingeschränkt nutzen, mit ihnen fast nichts greifen. Mit der rechten Hand steuert er per Hebel den Rollstuhl. Und er lernte es, wieder den Computer zu bedienen. "Das ist eine tolle Errungenschaft", sagt der gelernte Werkzeugmacher und Elektriker. Die Maus des Rechners steuert er durch Kopfbewegung. Über die Infrarot-Kamera am Monitor werden durch die Kopfbewegung Punkte erfasst und so die Tastatur betätigt. Die Enter-Taste kann er mit einem Finger der rechten Hand drücken. "So kann ich wenigstens noch etwas am Leben teilhaben, beispielsweise Prüfprotokolle für die Elektrofirma erstellen", erläutert er.

Per Mausklick habe er so eine Tür in die weite Welt geöffnet, sagt er. Denn durch sein Handicap könne er nicht mehr reisen oder längere Ausflüge unternehmen. Ähnlich ist es seinem Bruder Frank ergangen, der 2020 nach einem internistischen Eingriff ins künstliche Koma fiel. Ein Vierteljahr bangte die Familie um sein Leben. Der heute 61-Jährige überlebte - aber ist heute wie sein Bruder an den Rollstuhl gefesselt.

Inzwischen hat sich Gunther Liebers auch wieder den Schaltplan für seine TT-Anlage vorgenommen und erhält Unterstützung von seinem Bruder. "Ich will die Digitalisierung vollenden", sagt der Bastler. Aber dazu sei er auch auf die Hilfe der Vereinsfreunde angewiesen, die dann seine Ideen umsetzen. Noch hat er die Vereinsräume nicht mehr von innen gesehen, denn der Rollstuhl kann die Treppe nicht überwinden.

Der Wunsch, regelmäßig am Vereinsleben teilzunehmen und auch anderen Besuchern mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen den Weg zu ebnen, könnte bei einer "Leser helfen"-Aktion der "Freien Presse" Wirklichkeit werden. "Aufgrund des Schicksals dieser beiden einst aktiven Vereinsmitglieder wurde die Idee geboren, einen rollstuhlgerechten Zugang zur Modellbahnhalle auf dem Museumsbahnhof zu gestalten", sagt Robin Helmert, Chef des Eisenbahnvereins, Eigentümer des Museumsbahnhofs Markersdorf-Taura. Über das Förderprogramm "Lieblingsplätze für alle - Barrierefreies Bauen 2021" seien zudem Fördermittel in Höhe von 25.000 Euro vom Landratsamt Mittelsachsen in Aussicht gestellt worden. Nun müssten noch Spenden gesammelt werden, damit der Eigenanteil von 11.350 Euro finanziert werden kann.

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