Liveticker zum Nachlesen: Die "Freie Presse"-Leserdebatte mit Angela Merkel

120 Leserinnen und Leser der "Freien Presse" diskutierten am Freitag nach der tödlichen Messerattacke vom 26. August mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Folgen für die Stadt und die Politik der Regierungchefin.

17.57 Uhr: "Freie Presse"-Chefredakteur Torsten Kleditzsch beendet jetzt die Leserdebatte mit der Bundeskanzlerin. Er spricht allen seinen Dank aus, vor allem der Kanzlerin, dass das Gespräch zustande gekommen ist. Die Kanzlerin erwidert den Dank und sie spricht diesen Dank auch jenen aus, die etwas gegen sie vorbringen wollten.

17.55 Uhr: Die Kanzlerin sagt: Wir haben über den Migrationspakt intensiv verhandelt. Bis gezielt Falschinformationen gestreut wurden, waren alle mit dem Vertrag einverstanden. Wenn ich jetzt nach Afrika fahre, und dort sollen auch Grenzkontrollen stattfinden, dort sollen biometrische Pässe ausgegeben werden, dann ist das in unserem Interesse. Wir dürfen uns nicht von diesen gezielten Falschinformationen steuern lassen.

17.51 Uhr: Ein weiteres Statement aus dem Publikum: Ich war beim Stadtfest dabei. Dann kam der unschöne Zwischenfall. Ich bin in diesen Trauermarsch hineingekommen. Als Verantwortlicher in der Jugendarbeit und im Vereinssport sehe ich mich nun einem Rufmord ausgesetzt, weil ich dort gesehen worden bin. Ich bin der Meinung, da muss die Regierung etwas tun. Und ein weitere Anmerkung aus dem Plenum: Wenn man sich im europäischen Ausland nicht einigen kann, dass der Migrationspakt richtig ist, warum unterschreibt Deutschland dann diesen Vertrag? Ich bitte Sie, Frau Bundeskanzlerin, bitte schaffen Sie eine europäische Lösung.

17.49 Uhr: Ein Leser erklärt: Ich bin kein Befürworter Ihrer Politik. Wir schaffen das nicht. Denn die Grundvoraussetzungen sind dafür nicht gegeben. Sind Sie noch die richtige Kanzlerin für Deutschland? Merkel: Schon die Bundestagswahl hat in einem sehr kontroversen Klima stattgefunden. Und aus dem Ergebnis haben sich zwei Möglichkeiten für eine Regierung ergeben, beide mit mir als Kanzlerin. Und die Ergebnisse demokratischer Wahlen sollten wir alle akzeptieren. Ein Land, das auch stolz auf sich sein kann, sollte versuchen, seine Probleme zu lösen. Ich arbeite daran, die Zahl der zu uns kommenden weiter zu reduzieren. In der Europäischen Union kann man nichts beschließen, was nicht einstimmig beschlossen wird. Wir haben viel erreicht. Und wir sind nur über eine einzige Frage nicht einer Meinung: Wenn in Italien und Spanien Flüchtlinge ankommen, sollen wir da alle mithelfen oder geht uns das nichts an? Und wir können nicht ein gemeinsames Europa schaffen, wenn wir sagen: Wenn ein Land am Mittelmeer liegt, hat es Pech gehabt. Und ich sage noch einmal: Wir können diese Probleme bewältigen.

17.43 Uhr:  Frage aus dem Publikum: Gucken Sie eigentlich noch die Heute-Show? Oder schmieden Sie schon Pläne gegen Oliver Welke? Angela Merkel: Also, wenn ich das mal gucke, kann ich Ihnen sagen, dass ich sehr gern über mich lache.

17.42 Uhr: Ein Vertreter des Stadtschülerrates: Hass und Hetze wären mit Bildung nicht passiert. In Chemnitz gibt es nicht genug Lehrer. Würden Sie von einem Verschlafen der Bildungspolitik reden? Merkel: So weit würde ich nicht gehen. Die Bedürfnisse haben sich schneller entwickelt als die Möglichkeiten. Und es gab auch einen Kampf um die besten Lehrer zwischen den Bundesländern. Da wird jetzt gegengesteuert. Aber Sie haben Recht und wir arbeiten daran. Es ist als Thema erkannt.

17.41 Uhr: Ein Mann stellt sich als 61-jähriger Chemnitzer vor: Ich habe 27 Jahre CDU gewählt, bis 2017. Seitdem kann ich CDU nicht mehr wählen. Ich bin stolzer Sachse, stolzer Chemnitzer, stolzer Bürger Deutschlands. Meine Frage: Warum stimmen unsere Nachbarländer in Europa gegen den Migrationspakt, aber die CDU und die GroKo nicht? Und meine letzte Frage: Wann treten Sie zurück? Die Kanzlerin antwortet: Ich bin gewählt für diese Legislaturperiode, ich bin bereit, bis zum Ende der Legislaturperiode meine Aufgabe auszufüllen. Ich werde nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren, damit die Partei die Möglichkeit, einen neuen Parteivorsitzenden zu wählen. Zum Migrationspakt: Alle Länder haben zwei Jahre lang intensiv an dem Vertrag gearbeitet. Und dann ist allein mit dem Stichwort Migration Verunsicherung gestreut worden. Was wir aber nicht machen dürfen, ist doch, dass wir uns die Tagesordnung von denen vorgeben lassen, die Hetze verbreiten. Migration ist ein internationales Problem, es geht vor allem um Arbeitsmigration. Und wir als Deutschland sind besonders davon betroffen. Und wir haben ein Interesse, dass die Bedingungen in allen Ländern verbessert werden. In dem Pakt wird beschrieben, wir kämpfen gegen illegale Migration. Und wir müssen unsere Grenzen schützen. Es müssen in jedem Land humanitäre Grundstandards gelten. Wenn wir nur immer warten, bis das Problem bei uns auftaucht, werden wir es nicht lösen. Und jetzt werden Lügen in die Welt gesetzt, und diese Lügen müssen wir entlarven. Dieser Pakt ist in unserem elementaren Interesse, und wir haben weiter die Möglichkeit, unsere eigenen Gesetze zu machen.

17.32 Uhr: Eine Leserin fragt: Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe, mich für Ihre Arbeit zu bedanken. Wir müssen uns bewusst machen, in was für einem Land wir leben. Die Renten steigen, wir haben ein gutes Gesundheitssystem, wir haben gute Lebensbedingungen in Deutschland und in Chemnitz. Und wir werden gerade reduziert auf ein Asylproblem. Die Medien haben Kräften wie Pegida eine überdimensionale Plattform zu geben. Warum schafft die Politik es nicht, zu vermitteln, wie gut es uns in Deutschland geht? Merkel: Ja, wir müssen aber auch über die Probleme reden. Ich glaube, das viele nicht dafür hierher gekommen sind, um zu hören, dass jemand die Merkel lobt. Aber es bildet vielleicht auch einen Teil der Bevölkerung ab. Was uns ein bisschen abhanden gekommen, ist die Toleranz. Wir müssen unterschiedliche Meinungen aushalten.

17.28 Uhr: Eine Frau meldet sich zu Wort: Danke, dass Sie da sind. Ich habe eine Bitte und eine Einladung. Mich haben die Ereignisse erschüttert, auch das, was jetzt auf der Hartmannstraße läuft. Am Kindertag, dem 1. Juni, haben die Rechten aufgerufen, nach Chemnitz zu kommen. Ich hoffe, dass sich die Mitte, dass sich die demokratische Mehrheit findet und sich dort zeigt. Ich lade Sie ein, kommen Sie am 1. Juni nach Chemnitz, stellen sich an die Spitze dieser demokratischen Mehrheit. Die Kanzlerin sagt dazu: Zusagen kann ich das nicht, aber Ihr Anliegen verdient absolute Unterstützung, das ist ja klar.

17.26 Uhr: Leser: Ich denke, das Hauptproblem der Politik ist die Kommunikation. Und es ist Aufgabe der Bundesregierung, dafür eine Strategie zu entwickeln. Ich glaube, dass die Fähigkeit zur Aufnahme von Nachrichten völlig überschätzt wird. Wir werden alle überflutet mit Informationen. Merkel: Sie haben Recht. Und wir überdenken permanent unsere Kommunikationsstrategie, gerade mit Blick auf die sozialen Medien. Ich mache jede Woche ein Video-Podcast zu einem bestimmten Thema. Aber die Frage ist auch, wie das verbreitet wird, zum Beispiel bei Facebook. Und da ist es so, dass wir kaum noch verstehen, wie dort die entsprechenden Nachrichten zu den Menschen kommen. Und wir als Politiker sprechen vielleicht zu kompliziert. Und wir müssen das ändern. Denn wenn Sie das nicht erreicht was wir sagen, müssen wir es besser machen.

17.22 Uhr: Ein Leser fragt: Haben Sie bezogen auf die Flüchtlingspolitik Fehler gemacht? Sie haben 2004 mal gesagt, Multikulti ist gescheitert. Die Kanzlerin: Der Satz "Multikulti ist gescheitert" war darauf bezogen, dass es keine Zukunft hat, wenn wir die Integration nicht hinbekommen. Was die Situation 2015 betrifft, lag der Fehler vor 2015. Wir haben seitdem vieles unternommen, und trotzdem sind wir nicht am Ende, die illegale Migration zu verhindern. Wenn wir Menschen Aufnahme geben, dann muss das eine bewusste staatliche Entscheidung sein. Wir mühen uns um eine Lösung in Syrien, wir bekämpfen den IS. Aber das "Schaffen" ist ja noch nicht beendet, wir arbeiten ja weiter an den Lösungen.

17.20 Uhr: Ein Leser erklärt: Sie haben 2004 gesagt, Multikulti ist gescheitert, dann kam das Jahr 2015. Es kommen weiter sehr viele Menschen in dieses Land. Wie sollen wir das schaffen? Merkel: Multikulti ist gescheitert war darauf bezogen, dass sich Menschen integrieren müssen, dass Vielfalt allein nicht reicht. Wir haben seit 2015 viel unternommen, sind aber noch nicht am Ende der Arbeit, die illegale Migration zu bekämpfen. Das haben wir noch nicht so weit hinbekommen, wie ich mir das wünsche. Es wird aber auch nie null illegale Integration geben. Sie können sagen, das geht mir alles zu langsam, das würde ich verstehen. Aber ich habe den Anspruch, diese Probleme zu lösen.

17.18 Uhr: Eine Leserin: Ich bin Ehrenvorsitzende einer der größten Förderschulen in Sachsen. Seit Jahren kämpfe ich dafür, dass Mütter, die ihre behinderten Kinder gepflegt haben, zu DDR-Zeiten, Rente bekommen. Merkel: Ich glaube, das Anliegen ist im Grundsatz sehr gerechtfertigt. Aber die Frage ist, was kann man rückwirkend tun. Ich schaue mir das Problem noch einmal an, aber rückwirkend ist das wie gesagt nicht einfach. Heute bekommen Sie für Pflege entsprechende Leistungen.

17.17 Uhr: In die Diskussion sind die Leser eingestiegen. Eine Frau fragt: Wissen Sie, was die Leute Ihnen übel genommen haben: Dass Sie nach der Wahl gesagt haben, wir haben nichts falsch gemacht. Angela Merkel antwortet: Der Satz war ja völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden. Wenn der Satz so allein steht, dann weiß ich natürlich, dass er so nicht geht. Aber was wäre gewesen, wenn ich gesagt hätte, heute Nacht ist es über mich gekommen, ich hätte den ganzen Wahlkampf anders führen müssen. Aber jetzt muss ich mal fragen: Was hat Sie an dem Satz denn so gestört? Die Frau aus dem Publikum: Es ging darum, eine Antwort zu finden auf das Chaos, auf diesen Satz "Wir schaffen das". Wir hätten alle gedacht, dass Sie sagen, ja, wir haben Fehler gemacht und wir müssen das jetzt schnell korrigieren. Angela Merkel: Also, ich habe den Satz "Wir schaffen das" gesagt, weil ich gesehen habe, was da für eine Aufgabe auf uns zukommt. Was wäre ich für eine Bundeskanzlerin, wenn ich gesagt hätte, nein, wir schaffen das nicht. Aber ich habe mich danach ja nicht hingesetzt und zugesehen, wie es weitergeht. Wir haben das Abkommen mit der Türkei gemacht, um zu verhindern, dass die Schleuser die Oberhoheit bekommen. Aber es musste doch ein Ende haben, dass Flüchtlinge im Meer ertrinken. Ich bin so kritisiert worden für das Türkei-Abkommen, aber ich wusste doch, dass wir etwas tun müssen. Mein Fehler lag vor der Ankunft der Flüchtlinge, dass wir nicht früher geholfen haben - das wir legal entscheiden können, wir kommt zu uns und wer nicht, und das nicht der Schlepper entscheidet. Ich habe gesehen, dass alle nicht auf eine solche Aufgabe vorbereitet waren. Aber wir müssen doch bei den Ursachen beginnen, und das machen wir das auch heute noch, siehe Afrika. Ich habe den Satz auf den Wahlkampf bezogen, als Frage, wie der Wahlkampf war. Und da habe ich empfunden, dass wir im Wahlkampf nicht viel falsch gemacht haben.

17.06 Uhr: Jetzt sind gleich die Leser mit ihren Fragen dran, es wird etwas umgebaut. Kleditzsch fragt Merkel derweil: Was haben Sie bei den Basketballern der Niners erfahren? Ich habe heute mit vielen Menschen gesprochen. Es war eine repräsentative Gruppe. Diese Gespräche helfen. Und ich habe gemerkt: Chemnitz ist eben mit seinen Problemen keine besondere Stadt.

17.05 Uhr: Thomas Höppner fragt: Als ich Ihren Satz gehört habe, "Wir schaffen das", da habe ich gedacht, ja, das ist meine Kanzlerin. Aber seitdem habe ich weniger Vertrauen, weil ich sehe, dass da eben vieles nicht funktioniert. Ich sehe, dass da viele Minister eben keine Fachleute sind, wenn die Familienministerin plötzlich Verteidigungsministerin wird, da habe ich meine Zweifel. Angela Merkel antwortet: Ich bin als Physikerin Bundeskanzlerin geworden, ich glaube, das geht. Aber man muss sich mit Sachverstand umgeben. Ich glaube nicht, dass jeder, der gedient hat, der Soldat war, ein besserer Verteidigungsminister wäre.

17.01 Uhr: Merkel zu den Rechtsextremen: Man kann nicht alles verstehen. Das ist wie in der ehemaligen DDR: Man muss nicht zur Stasi gehen, wenn man Karriere machen will. Man muss nicht andere Menschen verfolgen, wenn man unzufrieden ist.

17 Uhr: Angela Merkel: Mir ist in der Diskussion heute mit den Menschen hier noch kein einziges Problem begegnet, das es in anderen Städten nicht auch gibt. Zu den rechtsextremen Demonstrationen: Es gibt Leute, die haben offene Vorurteile gegenüber Menschen, die anders aussehen. Und da muss man einen Strich ziehen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn man einen Menschen für sein Aussehen verfolgt, geht das nicht. Und das muss man auch so benennen.Merkel zu den Rechtsextremen: Man kann nicht alles verstehen. Das ist wie in der ehemaligen DDR: Man muss nicht zur Stasi gehen, wenn man Karriere machen will. Man muss nicht andere Menschen verfolgen, wenn man unzufrieden ist.

16.58 Uhr: Dirk Richter: Wir erleben ja jetzt gleich eine Demonstration von Pro Chemnitz. Was würden Sie denen sagen, wenn Sie mit denen reden würden? Angela Merkel: Das Traurige ist ja, dass da Gruppen dabei sind, denen geht es ja nicht ums Reden. Da geht es nur darum, andere zum Schweigen zu bringen. Wenn jemand sich hinstellt und schreit, das habe ich erlebt, dann bleibt für das Reden keine Zeit mehr. Alle, die reden wollen, mit denen müssen wir reden. Klaus Peter Olivo: An dem Donnerstag, als der Ministerpräsident in Chemnitz, im Stadion war, hätte man ein ganzes anderes Bild von Chemnitz in die Welt tragen können. Die Chemnitzer haben den Eindruck, zumindest anhand der Medienberichterstattung, dass in der Stadt immer noch 200.000 Nazis durch die Stadt laufen. Angela Merkel fragt: Hatten Sie diesen Eindruck? Olivo: Ja, den hatte ich. Chefredakteur Torsten Kleditzsch schaltet sich ein: Die Debatte hat sich sehr schnell versachlicht. Sie ist weggegangen von der Frage, warum ist das in Chemnitz passiert, zu den grundsätzlichen Problemen.

16.54 Uhr: Leser Klaus-Peter Olivo: Frau Merkel, wie können wir das Ansehen von Chemnitz wiederherstellen? Mich hat die Medienberichterstattung sehr geärgert. Wie haben Sie die Berichterstattung empfunden? Merkel: Wenn ich als Bundeskanzlerin so etwas gefragt werde, bin ich eher vorsichtig (schmunzelt), weil da gleich alle sagen, die will doch nur eine gute Berichterstattung. Aber: Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Und in meinem Wahlkreis sagen mir Menschen oft, dass sie nur mit drei Zeilen vorkommen, wenn sie etwas Gutes tun. Auf der anderen Seite kann man nach Ereignissen wie in Chemnitz nicht sagen: Ach, eigentlich ist unsere Stadt zu 90 Prozent in Ordnung, über die zehn Prozent muss man nicht so berichten. Aber Sie, wie Sie jetzt hier stehen, müssen sich diesen Schuh doch auch nicht anziehen. Sie sind andere Chemnitzer. Punkt, Ende. Sie leiden darunter, dass diese Stadt in diesem Licht dasteht. Und die, die damit gar nichts zu tun haben, dürfen doch nicht sagen, es ist der Journalist, der Chemnitz schlecht macht. Sie müssen Ihre Stimme erheben.

16.48 Uhr: Leserin Dr. Agnes Klafki fragt: Es ist schön zu hören, dass es mehr Fachkräfte gibt in Sachsen. Aber im Gesundheitswesen haben wir einen Problem. Uns fehlen 25 Hausärzte in der Stadt. Wie kann man das Problem lösen? Kann man nicht über eine medizinische Fachrichtung an der Universität in Chemnitz denken? Und wenn ich mir die Bürokratie in Deutschland ansehe, gerade für Ärzte, da muss ich sagen, das wird keine Ärzte nach Chemnitz bringen. Angela Merkel: Die Gefahr, dass die Gesetze bürokratisch sind, ist natürlich da. Da muss ich noch mal mit dem Gesundheitsminister sprechen. Was die universitäre Ausbildung betrifft: Natürlich spielt der Studienort eine Rolle. Aber wir haben den Numerus Clausus beim Medizinstudium in Deutschland, und die, die das haben, wären manchmal nicht die einfühlsamsten Hausärzte. Und deswegen bieten manche Bundesländer die Möglichkeit, dass auch andere junge Leute Medizin studieren können, die eben kein 1,0 haben als Abiturnote. Ich glaube aber, dass mehr Praxen kommen müssen, die von den Gemeinden selbst betrieben werden, wo Mediziner angestellt werden. Ich glaube, dass es Regionen gibt, wo man keine Mediziner findet, die sieben Tage die Woche für ihre Patienten da sind. Die technische Ausstattung wird auch immer anspruchsvoller. Aber Chemnitz ist ja eine Großstadt, in Sachsen gibt es ja Regionen, wo es noch schlimmer ist. Da hilft nur eins: Glasfaser hinlegen und dann Telemedizin machen.

16.41 Uhr: Leser Dirk Richter: Wo kommt denn da jetzt die Unzufriedenheit her, die man überall spürt? Merkel: Ein gängiges Argument war ja: Guck mal, da kommen jetzt so viele Flüchtlinge, da ist plötzlich Geld da, vorher nicht. Der Unterschied ist auch sehr groß geworden zwischen den Spitzengehältern und den durchschnittlichen. Ich kann verstehen, dass diese Welt Fragen aufwirft. Dirk Richter: Wäre es nicht gut, wenn von Anfang an politische Entscheidungen richtig erklärt werden? Das Gefühl habe ich nicht. Merkel: Das sehe ich anders. Das passiert in all meinen Bundestagsreden und in den Medien, wo der Meinungsdiskurs abgebildet wird. Aber: Es ist vielleicht das Bürgergespräch zu kurz gekommen. Das ist auch eine Aufgabe für alle Bundestags- und Landtagsabgeordneten.

16.36 Uhr: Leser Dirk Richter: Ich kann in der Runde durchaus auch mal sagen, dass wir glücklich sein können, in welchem Land wir leben. Wohnung, Kleidung, Zugang zu Bildung sind für uns selbstverständlich, das ist es anderswo nicht. Wie können wir es schaffen, wieder stolz zu sein auf unser Land? Die Kanzlerin: Man muss stolz sein, auf das was klappt, man muss auch das ansprechen, was nicht funktioniert. Sie in Sachsen haben doch viel getan für die Wende in der DDR, das kann ich als Norddeutsche sagen. Ich habe in Leipzig studiert, ich weiß natürlich, dass sich Chemnitz immer ein wenig benachteiligt fühlt gegenüber Leipzig. Aber natürlich, Sie können stolz sein auf das Land, auf Sachsen und auf Ihre Stadt.

16.34 Uhr: Leserin Agnes Klafki: Vor wenigen Tagen ist das Ergebnis des Sachsenmonitors bekannt geworden. Das hat mich sehr traurig gemacht. Insbesondere in Chemnitz fühlen sich viele Menschen als Bürger zweiter Klasse. Wie kann man das ändern? Merkel: Das ist so, das kann man nicht wegdiskutieren. In vielen Lebensläufen war nach der Wende eine große Kraftanstrengung nötig. Und vielleicht haben viele auch das Gefühl, dass das nicht gewürdigt wird. Viele sehen ihre Enkel nicht mit aufwachsen, weil die Kinder in den Westen gegangen sind. Ich freue mich, dass sich das jetzt wieder umkehrt, dass es hier wieder viele Arbeitsplätze gibt, und immer mehr Menschen zurückkommen. Jetzt ist die Wende fast 30 Jahre her, vielleicht eine Phase der Reflexion, in der man darüber nachdenkt, ob das damals alles so gerecht zuging. Auf der anderen Seite: Wir haben so viel geschafft, hinbekommen und aufgebaut in Deutschland. Wir sollten vielleicht selbstbewusster auftreten. Klafki: Bei vielen Menschen kommt das aber leider nicht so an. Merkel: Ja, aber wir haben alle nur ein Leben. Und vielleicht können wir ja auch Stolz sein auf das, was wir geschafft haben.

16.30 Uhr: Chefredakteur Torsten Kleditzsch fragt die Kanzlerin: Was ist mit den Intensivstraftätern, warum gibt es zwischen den Bundesländern keine Datenbank, um deren Identitäten und Straftaten abzugleichen? Die Kanzlerin antwortet: Ich habe mit dem Ministerpräsident Sachsens gesprochen, wer sind die Intensivstraftäter? Das ist eine sehr kleine Gruppe, wir müssen aufpassen, dass Flüchtlinge nicht unter einen Generalverdacht geraten. Aber wir müssen uns natürlich auch um diese Intensivstraftäter kümmern, und ja, wir sind da besser geworden. Es gibt ein gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum, ich weiß aber jetzt nicht, ob die sich auch um Intensivstraftäter kümmern. Torsten Kleditzsch: Nein, das tun sie nicht. Angela Merkel: Gut, dann müssen wir uns darum kümmern. Der Ministerpräsident wird sich das notieren.

16.28 Uhr: Chefredakteur Torsten Kleditzsch: Es gibt ja auch Probleme, Identitäten festzustellen. Leser Thomas Höppner: Unsere Welt ist so vernetzt, aber es gibt kein bundesweites Register, in dem man Straftäter registrieren kann. Wird sich das ändern? Merkel: Ja. Und wenn wir jetzt jemandem nachweisen können, dass er seine Identitätsfeststellung bewusst erschwert, ist das auch ein möglicher Grund, ihn wieder zurückzuschicken.

16.27 Uhr: Klaus-Peter Olivo fragt: Glauben Sie, dass die Gesetze ausreichend sind? Die Kanzlerin antwortetet: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben ja immer wieder nachgebessert bei den Gesetzen. Wer seine Papiere fälscht, wer seine Identitäten fälscht, der hat sein Recht verwirkt, Asyl zu bekommen. Wir versuchen Schritt für Schritt, aus schrecklichen Erfahrungen unsere Lehren zu sehen. Es passieren aber leider immer noch Dinge, aus denen wir wieder Lehren ziehen. Was uns aber auch umtreibt, ist die Frage, wer darf arbeiten. Wer nicht arbeitet, kommt nicht unbedingt auf bessere Gedanken. Aber es kann auch nicht jeder arbeiten, der zu uns kommt, denn wenn sich das rumspricht, kommen noch mehr Menschen zu uns.

16.23 Uhr: Klaus-Peter Olivo fragt: Was denken Sie selber, wenn Sie nach schrecklichen Ereignissen wie der Gruppenvergewaltigung in Freiburg hören, dass fünf von acht Verdächtigen bereits als Straftäter in Erscheinung getreten sind? Merkel: Das müssen wir verbessern. Damit kann niemand zufrieden sein. Es passieren viele schreckliche Dinge, aber da müssen wir natürlich handeln. Ich verstehe, dass das viele aufregt, aber das rechtfertigt nicht, wiederum Straftaten zu begehen. Wir haben viele zusätzliche Polizisten eingestellt. Die Gerichte müssen schneller arbeiten. Natürlich sind wir auch herausgefordert gewesen, durch die vielen Flüchtlinge, die gekommen sind.

16.21 Uhr: Die Kanzlerin sagt: Das Ereignis Ende August hat die Menschen aufgewühlt. Es hat Demonstrationen gegeben, das ist das gute Recht der Menschen. Das rechtfertigt nicht, dass rechtsradikale Symbolik verwendet wird. Aber es gibt Unzufriedenheit, darüber muss man reden, dafür bin ich ja auch hier. Was mich bedrückt, ist, dass es in der Folge von Ende August das Gefühl von Sicherheit in der Stadt verloren gegangen ist. Das muss uns als Vertreter des Staates natürlich beschäftigen, das kann uns nicht egal sein. Wir haben Fragen der Grenzkriminalität, auch Drogenschmuggel. Freie Grenzen können ja nicht bedeuten, dass Drogen hin und her transportiert werden. Und das erregt natürlich die Menschen.

16.18 Uhr: Leser Dirk Richter: Es gibt eine Menge Unzufriedenheit in der Stadt. Was machen wir mit den Unzufriedenen hier? Wie kann man denen zeigen, dass sich etwas ändert?

16.17 Uhr: Die Kanzlerin antwortet: Dankbar, dass mich heute zwei Personen begleiten, cie Oberbürgermeisterin von Chemnitz und der Ministerpräsident von Sachsen. Ich habe überlegt, wann der beste Zeitpunkt ist zu kommen. Mein Gesicht ist polarisierend, das weiß ich. Ich wollte nicht in der ganz aufgeheizten Stimmung kommen. Chemnitz ist für mich eine wichtige Stadt, war hier schon mehrmals. Wenn ich an Chemnitz denke, dann als Physikerin, an die Ingenieure hier in der Stadt, an den Chef der Fraunhofer-Gesellschaft, der ja Chemnitzer ist. Warum bin ich hier? Ich möchte sehen, was in der Stadt geschieht. Die Stadt bewirbt sich für den Titel Kulturhauptstadt, hat ein tolles Theater, eine tolle Universität. Ich habe gesehen, dass die Bahnstrecke nach Chemnitz nur eingleisig und nicht mal elektrisiert ist. Deswegen bin ich hier, um das auch hautnah zu erleben. Und ich bin hier, um mit den Chemnitzern zu diskutieren.

16.15 Uhr: Merkel macht einen entspannten Eindruck.

16.14 Uhr: Dirk Richter beginnt: "Die Ereignisse in der Stadt haben mich sehr beschäftigt. In den vergangenen Wochen und Monaten ist bereits viel Positives in der Stadt passiert. Ich habe das Gefühl, dass die Stadt wieder etwas zur Ruhe gekommen ist. Deshalb auch meine Frage: "Warum sind Sie jetzt hier in Chemnitz?"

16.11 Uhr: Merkel an das Podium und das Publikum: "Danke, dass Sie sich gemeldet haben, ich bin gespannt auf das, was uns erwartet."

16.10 Uhr: Die Kanzlerin ist da. Beifall in der Hartmannfabrik.

16.02 Uhr: Die Berichterstattung zum Demo-Geschehen rund um den Merkel-Besuch in Chemnitz setzen wir im zweiten Liveticker fort.

15.57 Uhr: Die Kanzlerin wird etwa zehn Minuten später kommen als geplant.

15.50 Uhr: Es wird jetzt noch ein paar Minuten dauern, bis die Kanzlerin eintrifft. Swen Uhlig bittet die Gäste noch um etwas Geduld, "dann starten wir mit der Debatte."

15.49 Uhr: Dirk Richter hat nach den August-Ereignissen eine eigene Kundgebung auf dem Neumarkt angemeldet. Er gehöre keiner Partei an, aber ihn ließen die Ereignisse nicht kalt. Aufgewachsen ist Richter im Heckert-Gebiet - in einem Plattenbau. Nach dem Abitur studierte er an der TU Chemnitz Print- und Medientechnik sowie Sportwissenschaften; zugleich war er als Leistungssportler aktiv. Heute ist er Vertriebs-Chef einer IT-Service-Firma in Chemnitz. Dirk Richter ist verheiratet und hat drei Kinder.

15.45 Uhr: Thomas Höppner wuchs im Nordosten der Stadt auf, in Furth. Er hat Multimedia-Technik an der Hochschule Mittweida studiert. Anschließend arbeitete er zunächst als selbstständiger Kameramann, bis er im Jahr 2014 bei einer Videoproduktionsfirma in Chemnitz angestellt wurde. Zwei Jahre später stieg er in das Unternehmen ein und ist seitdem Miteigentümer. Die Firma produziert Imagefilme und Werbespots. Thomas Höppner ist verheiratet und hat zwei Kinder.

15.43 Uhr: Klaus-Peter Olivo wuchs auf dem Kaßberg auf, machte zunächst eine Ausbildung zum Mechaniker im VEB Buchungsmaschinenwerk. 1988 hatte er ausgelernt, zwei Jahre später wurde er zunächst mit Kurzarbeit konfrontiert und wenig später mit Arbeitslosigkeit. Er ließ sich zum Vertriebsfachmann umschulen. Seit 25 Jahren vertreibt er für eine Chemnitzer Firma Bürokommunikationslösungen; sein Job führt ihn durch ganz Europa. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

15.41 Uhr: Agnes Klafki wuchs in Schloßchemnitz in einem katholischen Elternhaus auf, studierte an der TU Dresden Medizin. Sie lebte und arbeitete in Island, im fränkischen Bamberg und in Dresden. 2006 kehrte sie in die Region Chemnitz zurück, arbeitete in verschiedenen Kliniken und ließ sich zur Internistin ausbilden. Im April 2017 eröffnete sie eine eigene Praxis im Flemminggebiet. Agnes Klafki ist verheiratet und hat zwei Söhne.

15.40: Uhr: Swen Uhlig, Lokalchef der "Freien Presse", stellt die vier Leser vor, die gleich auf dem Podium mit der Bundeskanzlerin diskutieren werden. Agnes Klafki, Klaus-Peter Olivo, Thomas Höppner und Dirk Richter, alles gebürtige Chemnitzer, die auch die aktuelle Entwicklung miterlebt haben.

15.39 Uhr: "Freie Presse"-Chefredakteur Torsten Kleditzsch begrüßt die Leserinnen und Leser in der Hartmannfabrik. "Es sind schreckliche Ereignisse in Chemnitz gewesen, die uns diesen Anlass beschert haben", sagt er. "Normalerweise beschränken sich Journalisten darauf, solche Ereignisse abzubilden. Wir wollen dazu beitragen, dass ausreichend viele Menschen im Gespräch bleiben. So verstehen wir unsere Verantwortung. 'Der andere könnte Recht haben', diesen Satz haben wir uns als Leitlinie für dieses Gespräch gewählt."

15.39 Uhr: Die Veranstaltung besteht aus zwei Teilen. Vor der Debatte unter allen Teilnehmern diskutieren vier Leserinnen und Leser direkt mit der Bundeskanzlerin in einer Art Rundtischgespräch. Wir stellen die vier Leser kurz vor.

15.30 Uhr: 16 Uhr startet parallel zu diesem Ticker ein Livestream unter www.freiepresse.de/livestream

15.22 Uhr: In einer halben Stunde diskutieren Leserinnen und Leser der "Freien Presse" mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Gewalttat von Chemnitz und die darauffolgenden Auseinandersetzungen in der Stadt. 120 Frauen und Männer haben die Chance auf die Debatte mit der Regierungschefin. So läuft die Veranstaltung heute ab.

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