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Das dampfende Wunder vom Erzgebirge: Was ist das Geheimnis der Preßnitztalbahn?

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Die „Freie Presse“-Entdeckertour macht am Samstag Station bei dem umtriebigen Eisenbahnverein in Jöhstadt. Was dessen Mitglieder seit mehr als 30 Jahren leisten, ist deutschlandweit einzigartig.

Chemnitz/Jöhstadt.

Es ist der 8. Mai 1987. Ausgerüstet mit Kamera und Schwarz-Weiß-Film, ist Eisenbahnfan Bernd Koller aus Netzschkau im Vogtland unterwegs im Erzgebirge. Er will den Zustand der alten Preßnitztalbahn im Foto festhalten. Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit der letzte Dampfzug Jöhstadt verlassen hatte. Auf dem kurzen Abschnitt zwischen Wolkenstein und Niederschmiedeberg, wo die Bahn wegen des Kühlschrankwerks noch wirtschaftliche Bedeutung hatte, war 1986 schließlich auch Schluss.

Die Schmalspurbahn verband das Städtchen Jöhstadt an der Grenze zur damaligen ČSSR mit Wolkenstein an der Strecke Annaberg-Chemnitz. Doch in den 1980er-Jahren kam schrittweise das Aus.

Die Bilder, die Bernd Koller für die Ewigkeit festhält, wirken, als seien seit dem Bahnzeitalter schon Ewigkeiten vergangen. Das Jöhstädter Bahnhofsgelände: eine öde Brachfläche, alle Gleise längst herausgerissen. Hinterm Bahnhofsgebäude: ein Gerüst, ein Betonmischer, Sand, Baumaterialien. Hier soll eine Kinderkrippe entstehen. Der Lokschuppen: verlassen, die Fensterscheiben eingeschlagen. Das Bahnhofsgelände in Schmalzgrube: Wo einst Schienenstränge lagen, steht plötzlich eine Lagerhalle. Auch in Wolkenstein sind erste Gleise und der Bahnsteig der Kleinbahn bereits verschwunden.

1892 eröffnet, hatte die kleine Bahn die Zukunft in den entlegenen Winkel des Erzgebirges gebracht. Nur 90 Jahre später war sie schon Vergangenheit geworden, marode, unwirtschaftlich. Der Staat entschied, das Geld fortan lieber in die Straße und ein Containerterminal in Annaberg-Buchholz zu stecken.

Stiller Protest gegen das Schmalspurbahn-Aus

Was die Leute vor Ort davon hielten, auch das hat Bernd Koller im Foto festgehalten. "Stoppt den Wahnsinn", hatte jemand ans Bahnhofsgebäude in Jöhstadt gepinselt. Und: "Rettet unsere Bahn". Das war mit weißer Farbe übertüncht worden. Doch die Kritiker hinterließen auf der Farbe einen neuen Schriftzug. "Wir wollen keinen Kindergarten", hieß es nun unter anderem. Die Fotos aber legten nahe: Das Bahnzeitalter im Preßnitztal ist endgültig zu Ende, es führt kein Weg daran vorbei.

Ein typischer DDR-Neubaublock, der gleich neben dem Bahnhof in Jöhstadt wenig später hochgezogen wurde, schien das zu besiegeln. Deckel drauf, Klappe zu, Affe tot. Der Zug endgültig abgefahren?

Oder doch nicht? Nur 15 Monate, nachdem die Fotos entstanden sind, folgt im Dörfchen Mauersberg, hoch über dem Preßnitztal gelegen, ein Treffen, das die Weichen in eine andere Richtung stellt. Nur wissen das die Beteiligten vielleicht noch gar nicht. Während unten im Tal mit Hubschrauber-Unterstützung noch Gleise und Brücken demontiert werden, treffen sich oben fünf Enthusiasten, die die Erinnerung an die Bahn nicht sterben lassen möchten. Sie gründen die IG Preßnitztalbahn, unter dem Dach des Kulturbunds der DDR. Ziel: Erhaltung von Sach- und Zeitzeugnissen der stillgelegten Schmalspurbahn.

Noch einmal zwölf Monate vergehen, und der stillgelegten Schmalspurbahn folgt ein ganzes Regime aufs Abstellgleis. Die Mitglieder der IG, die bisher vor allem Arbeitseinsätze organisiert haben, wittern ihre Chance. Am 27. Oktober, also nur gut drei Wochen nach dem Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik, wird die Interessengemeinschaft in einen eingetragenen Verein umgewandelt. Kleine Brötchen will der fortan nicht mehr backen. Das offizielle Ziel lautet nun: Aufbau der Museumsbahn Jöhstadt-Schmalzgrube mit Verlängerungsoption bis Steinbach.

Die ursprüngliche Idee war, die Gesamtstrecke wieder aufzubauen, sagt Mario Böhme. "Das war illusorisch, aber richtig. Wenn du überall nur Probleme siehst, fängst du gar nicht erst an."

Und im Preßnitztal fangen sie nicht nur an. Da bringen sie die angefangenen Dinge auch zu Ende. "Hier haben einfach viel Verrückte zusammengefunden", sagt Mario Böhme. Böhme ist mittlerweile Vereinschef. Es ist kurz vor Pfingsten und sitzt in einem Bierzelt gleich neben dem Jöhstädter Lokschuppen. Die Preßnitztalbahner bereiten sich aufs kommende Festwochenende vor, den wichtigsten Termin im Vereinskalender. Gegenüber dem Foto von 1987 ist das Bahnhofsgelände nicht wiederzuerkennen. Und das halbe Preßnitztal auch nicht.

Die Vereinsmitglieder haben in den vergangenen 34 Jahren die Strecke von immerhin acht Kilometern bis Steinbach wieder aufgebaut, Brücken ertüchtigt, dazu Bahnhöfe und Haltepunkte schick gemacht. Sie haben den Lokschuppen hergerichtet, eine neue Fahrzeughalle im Stadtteil Schlössel errichtet. Sieben betriebsfähige Dampfloks und drei mit Dieselmotoren sind mittlerweile in Jöhstadt zuhause. Mehr als ein Dutzend Reisezugwaggons und eine Reihe von Güterwagen stehen zur Verfügung. Man könnte meinen, im Preßnitztal geschieht ein Wunder.

Und schließlich haben die Vereinsmitglieder aus dem Hobby einen Beruf gemacht. Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn mbH, Ausgründung aus dem Verein, ist heute deutschlandweit mit Eisenbahndienstleistungen unterwegs - und hat mehr als 240 Mitarbeiter.

Über diesen Erfolg reden sie in Jöhstadt gar nicht so gerne. Lieber stellen sie das ehrenamtliche Engagement des Vereins in den Mittelpunkt. 600 Mitglieder hat der mittlerweile. Die kommen aus Deutschland - und darüber hinaus. Geschichten wie die von Jürgen Herold sind typisch für die Preßnitztalbahn.

Herold stammt aus Ostwestfalen, lebt seit 1990 in Bayern. Ins Erzgebirge kam er zum Urlaub, fuhr mit der Preßnitztalbahn. Es gefiel ihm gut, er kam öfter.

Mit Rippenprellung den Aufnahmeantrag geholt

Irgendwann rutschte er beim Einsteigen auf einem Trittbrett aus, knallte gegen den Waggon. Für ihn womöglich ein Zeichen. Aber ein positives. Jürgen Herbert zog sich eine Rippenprellung zu - und holte sich Aufnahmeantrag. "Wir kannten am Anfang niemanden", sagt er. Heute hat er neben seiner Wohnung in Bayern auch eine in Jöhstadt. Im Vorstand kümmert sich um das Marketing des Vereins. Seine Frau und er helfen auch im Barwagen mit, wenn dort ausgeschenkt wird. Längst ist auch sie bei der Preßnitztalbahn heimisch geworden.

Sie ist nicht die einzige Frau. Ute Claußnitzer etwa ist im normalen Leben Chemikerin an der TU Bergakademie Freiberg. Stehen in Preßnitztal aber Fahrtage bevor, macht sie sich auf den Weg nach Jöhstadt, um die Lokomotiven anzufeuern. Denn sie ist Heizerin. Stunden bevor die Lokomotiven losfahren können, müssen sie auf Betriebstemperatur gebracht werden. "Aber langsam", erzählt Ute Claußnitzer. Die Kessel stehen unter hohem Druck, das Material darf nicht überbeansprucht werden. Die Heizerin muss die Temperatur langsam steigern. Ein perfekter Ausgleich zum Job, wie sie erzählt. Die Konzentration auf das Wesentliche, auf den Moment.

Der Enthusiasmus, die Energie, die Expertise - all das steckt an. "Wir haben hier Lokführer dabei, die kennen ihre Lok in- und auswendig", sagt Jürgen Herold. "Die können sie auseinandernehmen und wieder zusammenschrauben - und es passt alles."

Für ihre Fans ist die Preßnitztalbahn einzigartig. "Ich kenne viele Schmalspurbahnen, in Deutschland und dem angrenzenden Ausland", erzählt Jürgen Herold. "Keine ist vergleichbar mit der hier. Bei jeder Wetterlage ist es anders. Aber egal, wann du fährst, es ist immer wunderschön." Das hat sich längst herumgesprochen, weit über das Erzgebirge hinaus. Jürgen Herold hat schon Fahrgäste aus Norwegen kennengelernt, aus England, aus Island. Wer einmal kommt, kommt zurück. "Wir haben eine unheimlich hohe Zahl an Wiederholungstätern", sagt Mario Böhme. Auf 35.000 Fahrgäste kommt die Preßnitztalbahn im Jahr. Mehr als zu Zeiten des regulären Betriebs, wie man in Jöhstadt stolz verkündet.

"Die Strecke ist sehr idyllisch", findet Thomas Bradler. "Aber das ganz, ganz besondere hier ist: Hier gibt es noch das alte Flair der alten Eisenbahn." Bradler kommt aus Berlin, ist Herausgeber mehrerer Eisenbahnmagazine. Er lässt sich kein Fest der Bahn im Erzgebirge entgehen. "Der Verein ist sehr, sehr rührig", findet Bradler. "Es passiert ständig etwas Neues."

DDR-Wohnblock soll wieder weg

Für Mario Böhme ist das das Geheimnis hinter dem Erfolg des Vereins. Dass nie Stillstand herrscht. Dass sich der Verein nie ausruht auf seinen Lorbeeren. Dass also weniger Wunder geschehen, sondern ständig gearbeitet wird. Mit seinem Einsatz gelingt es dem Verein immer wieder, Fördermittel an Land zu ziehen. "Man muss erst mal Leistung erbringen, um Leistung zu bekommen", sagt Vereinschef Böhme. Die Unterstützung ist kein Selbstzweck, sondern kommt der ganzen Region zugute. "Der Grund, dass die Leute hierher kommen", findet Böhme, "ist die Eisenbahn".

Neue Ziele, neue Vorhaben gibt es nach wie vor. Aktuell wird eine Brücke erneuert. Außerdem will der Verein den Neubau-Block neben dem Bahnhof Jöhstadt wieder abreißen lassen. Denn die Züge sollen irgendwann wieder vorm Bahnhof abfahren. Dort liegt zwar inzwischen wieder ein Gleis, aber das kann nur vom Streckenende aus erreicht werden. Nach Steinbach können die Züge vom Bahnhofsgleis aus starten. Dafür steht der Wohnblock im Weg. Der Verein hat ihn erworben, der Abriss wird vorbereitet. Für die verbliebenen Mieter hat sich der Verein schon um Ersatz gekümmert. "Bahnhof Jöhstadt Blockfrei", so nennt sich die Aktion - in Anlehnung an die Eisenbahnsprache, bei der ein Streckenabschnitt als Streckenblock bezeichnet wird. "Streckenblock frei" heißt: Der Lokführer kann den vor ihm liegenden Abschnitt in Angriff nehmen.

Das ist längst nicht alles. In Oberschmiedeberg wurde jüngst der alte Bahnhof wieder in Betrieb genommen. Das Streckengleis bis Steinbach fehlt noch, aber auch das scheint nur eine Frage der Zeit. Selbst das große Ziel, den Wiederaufbau der gesamten Strecke, haben sie in Jöhstadt noch lange nicht abgehakt. Mag es auch so illusorisch erscheinen wie vor 34 Jahren. Die Vereinsmitglieder bleiben dran.

"Wir sind keine Modeerscheinung", sagt Mario Böhme. Bei der Eröffnung des Bahnhofs Oberschmiedeberg im Januar hat er die "Oberschmiedeberger Erklärung" mit unterzeichet. Darin wird gefordert, die historische Bahntrasse zu erhalten und vor Überbauung und Fremdnutzung zu schützen. "Zukünftigen Generationen muss die Möglichkeit des Betriebs einer Bahnlinie Jöhstadt-Wolkenstein erhalten bleiben", heißt es in der Erklärung. Die Bürgermeister und Stadt- und Gemeinderäte aller umliegenden Kommunen schlossen sich diesem Gedanken an.

Wer die bisherige Geschichte des Vereins der Preßnitztalbahn kennt, für den stellt sich angesichts dessen also nur noch die Frage, wann die Dampfloks wieder durchs ganze Preßnitztal bis Wolkenstein schnaufen. Dass sie das eines Tages wieder tun werden, das scheint schon so gut wie besiegelt. Der Tag wird kommen, und mag er noch so fern sein. (fhob)

Entdeckertour: Die "Freie Presse"-Entdeckertour macht am Samstag, 22. Juni, von 10 bis 17 Uhr Station bei der Preßnitztalbahn in Jöhstadt. Fahrzeughalle und Lokschuppen können besichtigt werden, es gibt ein Lesezelt und ein Gewinnspiel. Der Eintritt kostet 5 Euro für Erwachsene, 2,50 Euro für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Unter 6 Jahren kostenfrei. Mit Pressekarte 1 Euro Rabatt. Zwischen Schlössel und Jöhstadt ist ein historischer Zug mit Diesellok unterwegs. Unabhängig von der Entdeckertour fahren von Schmalzgrube nach Steinbach die regulären Dampf-Züge.

Mehr: www.freiepresse.de/entdeckertour

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