Intendant Ingolf Huhn über den Abschied vom Eduard-von-Winterstein-Theater

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Intendant Ingolf Huhn zum Abschied über Schauspieler mit Durchhaltevermögen und ewige Herausforderungen

Annaberg-Buchholz.

Mit einem Gassenhauer verabschiedet sich Ingolf Huhn von seinem Publikum im Erzgebirge. Der Intendant des Eduard-von-Winterstein-Theaters inszeniert Carl Zellers "Der Vogelhändler". Am Sonntag ist Premiere an den Greifensteinen. Dort fällt am 29. August auch der vorerst letzte Vorhang für ihn nach mehr als elf Jahren im Erzgebirge. Antje Flath hat mit ihm über vergessene Stücke, gallische Dörfer und nicht enden wollende Probleme gesprochen.

"Freie Presse": Die "schönste Felsenbühne Europas" - die Freilichtbühne an den Greifensteinen - war das erste, was Sie vor vielen Jahren vom Winterstein-Theater kennengelernt haben. Nun steht dort Ihr Abschied bevor. Werden Sie sie vermissen?

Ingolf Huhn: Ganz sicher. 2009 habe ich dort noch vor der Zeit als Intendant die Operette "Der Bettelstudent" inszeniert und mich sofort in die Bühne verliebt. Da kannte ich vom anderen Theater noch fast nichts. Es ist die einzige naturbelassene Freilichtbühne in Deutschland, und sie ist so wunderbar frei und offen. Wenngleich die große Spielfläche auch eine große Herausforderung darstellt.

Auf einer anderen Bühne führen sie derzeit ebenfalls Regie: im "Jedermann" vor Sankt Annen in Annaberg-Buchholz. In einer kleinen Rolle sind sie darin sogar als Schauspieler zu erleben. Für sie ein besonderes Stück?

Eines meiner Lieblingsstücke, das ich in 20 Jahren an fünf Häusern inszeniert habe - aber nirgends so lange wie in Annaberg-Buchholz. Seit zehn Jahren spielen wir es nun schon. Und haben gleich noch etwas Einzigartiges zu bieten: Nenad Žanić spielt seit zehn Jahren den "Jedermann". So lange hat das bisher noch keiner geschafft. Mit der Mammon-Szene der Inszenierung ist uns auch unser bisher größter Auftritt gelungen: zur Eröffnung des Kirchentages in Dresden vor zehn Jahren. Da haben wir vor rund 60.000 Gästen live gespielt. Dazu kamen rund zwei Millionen Fernsehzuschauer.

Für Aufsehen sorgen Sie seit ihrem Amtsantritt in Annaberg-Buchholz im Januar 2010 regelmäßig auch mit ihren Ausgrabungen, unter anderem mit "Götz von Berlichingen", Mangolds "Tanhäuser" und dem "Obersteiger". Was reizt sie an diesen vielfach vergessenen Kompositionen?

Ich nenne es gern "Dienst an der Gattung". Derzeit gehören bei Oper und Operette etwa 60 bis 70 Werke zum Standardrepertoire auf den Theaterbühnen. Es gibt aber rund 6000. Und davon viele, die sich lohnen. "Der Obersteiger" beispielsweise bietet als bergmännische Operette eine wunderbare Verbindung zum Erzgebirge. Das Stück ist für mich ein Stück Bergwerksleben und ein Stück Sankt Annaberg; auch wenn der Obersteiger kein fleißiger und braver Bergmann ist, sondern ein Müßiggänger, der allen Frauen - allen Spitzenklöpplerinnen - den Kopf verdreht.

Stichwort Carl Zeller: Mit ihm hatten Sie noch große Pläne. Doch diese wurden jäh durchkreuzt. Bleiben also Wünsche für die künftige Regiearbeit?

Fast 100 Jahre nicht mehr auf der Bühne, wollten wir im Haus Zellers "Der Kellermeister" aufführen, die dritte seiner drei großen Operetten. Für das Ensemble des Hauses wäre das einerseits die Fortsetzung der überaus erfolgreichen Inszenierung "Der Obersteiger" gewesen. Zum anderen hätten wir Zellers erfolgreiche Operetten-Trilogie auf der Freilichtbühne an den Greifensteinen mit dem "Vogelhändler" komplettiert. Der kommt nun auch auf die Bühne, aber aus dem "Kellermeister" ist leider coronabedingt nichts geworden. Auch bei der Inszenierung "Die Hochzeit des Jobs" von Joseph Haas sind wir leider nur bis zur Generalprobe gekommen. Am nächsten Tag mussten wir den Spielbetrieb einstellen. So gibt es schon noch eine lange Liste von Stücken, deren Aufführung reizvoll wäre. Und dass ich im Annaberger Theater allein der Größe des Hauses und des Ensembles wegen nicht zu einer Wagner-Inszenierung kommen würde, das war mir bewusst, als ich mich auf die Intendanz eingelassen habe.

Dafür haben Sie das Publikum gemeinsam mit Dramaturgin Annelen Hasselwander mit anderen Geschichten überrascht?

Ja. Neben der Oper "Der Löwe von Venedig" des Annaberger Komponisten Heinrich Köselitz alias Peter Gast haben wir auch viele eigene Stücke mit regionalem Bezug entwickelt, angefangen von den Historienspielen zum Reformationsjubiläum bis zum Jubiläum 70 Jahre Freie Republik Schwarzenberg mit der Dramatisierung des Stefan-Heym-Romans. Sehr stolz bin ich zudem auf die Lange Nacht des Gegenwartstheaters. Damit haben wir eine Form gefunden, auch aktuelle Themen gut zu verkaufen. Denn ansonsten finden die Stücke des Gegenwartstheater vielfach nur ein begrenztes Publikum.

Sie sagen vom Theater in Annaberg: "Wir sind das letzte kleine gallische Dorf." Wie lange wird das altehrwürdige Haus diesen Kampf noch führen können?

Es ist ein kleines Theater. Dass wir dennoch ein Vollprogramm anbieten und das noch dazu mit Orchester, ist eine tolle Sache. Darum werden wir im Ausland - aber vielfach auch in Deutschland - durchaus beneidet. Wir haben lange gekämpft um das, was der Freistaat jetzt an finanzieller Unterstützung leistet. Dennoch ist auch das nur eine befristete Stabilität. Die Finanzierung des Hauses bleibt eine Herausforderung - für den Landkreis als alleinigen Gesellschafter, der sich hier sehr engagiert, und für den Steuerzahler, dessen Geld über den Kulturraum zu uns fließt. Dabei ist unsere Nähe zum Publikum ein enormer Gewinn. Hier im Erzgebirge funktioniert Theater nur, wenn man eine Ästhetik mit dem Publikum entwickelt, sodass am Ende des Abends alle glücklich aus dem Theater ge- hen.

Das Erzgebirge ist Ihnen eine neue Heimat geworden. Werden Sie der weiterhin treu bleiben?

Das will ich auf alle Fälle. Ich bin ja auch Botschafter des Erzgebirges. Und das endet ja nicht. Zudem werde ich schon im September wieder in einem ganz anderen Format wieder in Annaberg-Buchholz zu sehen sein. In der Reihe der Sommermusik in Sankt Annen wird am 11. September an die Ereignisse vor 20 Jahren in New York erinnert. Unter dem Titel "20 Jahre Nine Eleven" wird es ein Programm für Orgel und Rezitation geben, das ich zusammen mit dem Organisten Christoph Schoener aus Hamburg gestalte.af

Die Operette "Der Vogelhändler" hat am Sonntag Premiere auf der Freilichtbühne an den Greifensteinen. Beginn ist 15 Uhr.

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