Ehemalige Schülerin sagt im Prozess gegen Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs aus

Im Sex-Prozess gegen einen ehemaligen Lehrer aus dem Erzgebirge hat die zweite der betroffenen Schülerinnen ausgesagt.

Aue/Chemnitz.

Am zweiten Prozesstag im Missbrauchsverfahren gegen einen ehemaligen Schulleiter (heute 56) aus dem Erzgebirge am Landgericht Chemnitz ist am Dienstag eine junge Frau (heute 33) gehört worden, mit welcher der Mann zwischen 1997 und 2000 mehrfach Geschlechtsverkehr gehabt haben soll.

Verteidiger Reinhard Röthig wollte wissen, wann das erste Mal gewesen sei. "In Paris", sagte die Zeugin. "Dieser Abend war in meinem Leben, glaube ich, der schlimmste Abend." Sie war elf Jahre alt. Ihr Lehrer, der auch ihr Sporttrainer war, hatte sie zu einem großen Sportereignis mit nach Frankreich genommen, als Auszeichnung für gute Leistungen. Bei einer Vernehmung durch die Polizei vor zwei Jahren hatte die junge Frau allerdings ausgesagt, dass der Mann zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte, als sie neun war. "Ich denke, wenn jemand seinen ersten Geschlechtsverkehr hatte, wird er sich daran erinnern", hielt ihr der Verteidiger vor. Darauf die Zeugin: "Der schön war! Wenn Sie das erste Mal mit meinem Freund wissen wollen, kann ich Ihnen dazu Informationen geben. Weil das schöne Dinge waren." Als sie den Geschlechtsverkehr in Paris beschreiben sollte, sagte sie: "Ich weiß, dass ich jetzt eine freche Antwort gebe, aber wenn Sie Ihren Mandanten fragen, kann er es Ihnen sagen."

Zwei Stunden lang versuchte die Verteidigung die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu erschüttern. Die junge Frau, die schwanger ist und von einer Vertreterin der Opferhilfe begleitet wurde, stand das Verhör durch. Das Angebot von Richter Frank Schmidt, die Verhandlung zu unterbrechen, nahm sie nicht an.

Als vor zweieinhalb Jahren der erste Prozess gegen den Schulleiter am Amtsgericht Aue lief, hatte ihr ein ehemaliger Klassenkamerad einen Zeitungsausschnitt via Facebook geschickt. "Ich habe den Artikel gelesen und wusste sofort, um wen es ging", sagte sie dem Gericht. "Ich hatte gedacht, ich sei die Einzige gewesen. Dass ich dieses Schicksal halt bekommen habe. Und ich habe es mitgenommen. Ich habe mein Leben auf die Reihe bekommen." Als sie erfuhr, dass es noch jemanden gab, habe ihr das leidgetan. "Ich dachte, wenn ich was gesagt hätte, hätte ich das dem anderen Mädchen ersparen können."

Verteidiger Röthig hatte am ersten Prozesstag ein Gutachten beantragt, das klären sollte, ob die Möglichkeit besteht, dass die junge Frau ihre Aussagen nur gemacht hat, um die Anschuldigungen des anderen Mädchens (heute 22) zu stützen. Das Gericht lehnte den Antrag am Dienstag ab. Die Glaubwürdigkeit der Zeugin könne der Richter selbst beurteilen.

Der Angeklagte hatte der jungen Frau Liebesbriefe geschrieben. Diese sind heute Beweisstücke. Von Richter Schmidt auf den Charakter der Briefe angesprochen, sagte der Angeklagte: "Den Wortlaut würde ich heute nicht mehr wählen. Aber man kann es so auffassen."

Im Prozess geht es um sexuelle Kontakte mit zwei Mädchen, die zum Zeitpunkt der Taten jeweils im Grundschulalter waren. Der Angeklagte bestreitet, dass er Sex mit seinen Schülerinnen hatte. Am Amtsgericht Aue wurde er in einem Fall aus Mangel an Beweisen freigesprochen, im zweiten wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Am Landgericht werden derzeit beide Fälle in einem Berufungsverfahren neu aufgerollt. Die jungen Frauen treten als Nebenklägerinnen auf.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Haju
    03.10.2019

    Ja, das ist so ein Fall "Komma wenn keine Gewalt im Spiel ist". -

    Aber auch heutzutage wird völlig gewaltfrei gemobbt. Die Mobber sollten rausfliegen, denn sie bedeuten Milliardenschäden für die Wirtschaft. Leider werden aber "sachlich falsche Behauptungen bzw. nicht unmittelbar überprüfbare Tatsachenbehauptungen" quasi mündlich frei "geschaltet", was Mobbing darstellt und dann eigentlich einer zivil-gerichtlichen Klärung bedarf.

  • 1
    1
    Haju
    03.10.2019

    Auch "Ich weiß, dass ich jetzt eine freche Antwort gebe, aber" sowas gehört aus psychologischen Gründen eigentlich auf Seite 1 der Printausgabe.



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