Nach "Leser Helfen"-Aktion: Profis aus Zschorlau nehmen sich Pauls Auto vor

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Bald wird die Familie des schwer kranken Jungen aus Aue wieder mobil sein. Die Fachleute der Reha Automobil-Technik Zschorlau sind auf behindertengerechte Umbauten spezialisiert. Sie machen fast alles möglich.

Zschorlau.

Das Auffälligste an der kleinen Autowerkstatt am Rand des Zschorlauer Gewerbegebietes dürfte die Tatsache sein, dass hier vor allem Vans auf den Arbeitsbühnen stehen. Kleintransporter vieler Marken und Farben, die alle eins gemeinsam haben: In der Werkstatt der Reha Automobil-Technik werden sie ausgeschlachtet, bekommen neue Teile eingebaut und am Ende rollen sie als Hightech-Gefährte vom Hof, die behinderte Menschen mobil machen.

Seit letzten Freitag steht auch der Ford Tourneo Custom hier, den der Verein "Leser helfen" für Paul Nitzsche (16) aus Aue gekauft hat. Seit zehn Jahren sitzt Paul nach einer schweren Hirnhautentzündung im Rollstuhl. Für jeden Ausflug benötigt seine Familie ein Auto, das einen Rollstuhl transportieren kann. Soll es in den Urlaub gehen, muss zusätzlich Pauls Pflegestuhl mit auf Tour. Selbst ein Besuch im Stadion beim FC Erzgebirge war zuletzt nicht möglich, weil der 22 Jahre alte Familien-Van den Geist aufgegeben hat.

Die Leser der "Freien Presse" haben geholfen - 70.000 Euro kamen bei der Spendenaktion Ende 2020 für Paul zusammen. Nach coronabedingten Verzögerungen in einem Ford-Werk in der Türkei ist das Auto endlich eingetroffen: fünfeinhalb Meter lang und zwei Meter hoch, bietet es eine Menge Platz für Pauls Rollstuhl. Aber Platz ist nicht alles.

"Wir haben die hintere Sitzreihe herausgenommen und den Fahrzeugboden mit Alu-Systemboden verstärkt", erläutert Matthias Schuster (63), der Inhaber der Reha Automobil-Technik. "Im Aluboden sind Raster-Schienen integriert, welche die Befestigungssysteme für die Rollstuhl- und Personensicherung aufnehmen. Vier Gurte sichern den Rollstuhl. Für Paul gibt es Becken- und Schultergurt." Außerdem erhält das Auto eine ausklappbare Rampe. Einer der entfernten Sitze wird wieder eingebaut, sodass Pauls Ford sechs Sitzplätze, einen Rollstuhlplatz und viel Stauraum haben wird.

Die Reha Automobil-Technik ist deutschlandweit eine von wenigen Firmen, die solche Umbauten vornehmen. Matthias Schuster hat den Betrieb 1990 gegründet. Bis heute wurden in Zschorlau mehr als 4600 Fahrzeuge behindertengerecht ausgestattet. Aus einem Einmann-Betrieb ist eine Firma mit sieben Mitarbeitern geworden. "Diese Arbeit hat sich für mich und meine Mitarbeiter zu einer Berufung entwickelt", sagt der Inhaber. "Zu sehen, dass die Nutzer unserer Fahrzeuge wieder selbstständig mobil sein können, macht uns Freude. Wir können Menschen helfen, die Hilfe brauchen."

Neben Pauls Auto steht ein VW-Kleintransporter, der für einen jungen Mann umgebaut wird, der trotz einer Muskelerkrankung bald wieder selbst am Steuer sitzen soll. Oder, na ja, am Joystick. Dieser steuert Gas und Bremse. Ein Minilenkrad, das mit einer Hand bedient werden kann, ist für die Lenkung zuständig.

Eines der bemerkenswertesten Autos, das die Werkstatt verlassen hat, verfügte über eine Sprachsteuerung für Blinker, Licht, Hupe und andere wichtige elektrische Funktionen. An die 90.000 Euro kostet solch ein Umbau. Ohne Kostenträger wie eine Berufsgenossenschaft, die Agentur für Arbeit, das Integrationsamt oder eine Rentenversicherung ist das kaum zu stemmen.

In Pauls Fall sind viele Erzgebirger eingesprungen, die sich an der Spendenaktion beteiligt haben. Die Familie freut sich bereits auf die ersten Ausflüge. "Was bekommst du bald?", fragt Christina Nitzsche ihren Sohn. Paul, der erst seit anderthalb Jahren wieder sprechen kann, lächelt und antwortet: "Ein Auto." Der Wagen wird tatsächlich auf seinen Namen zugelassen, fahren muss aber die Mutti. "Zuallererst steht ein Familienausflug nach Krauschwitz bei meinem Schwiegersohn auf dem Plan", sagt Christina Nitzsche.

Seit fünf Jahren erledigt die Reha Autotechnik übrigens alle Umbauten für den Verein "Leser helfen", sechs sind es allein in diesem Jahr.

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