Unser blaues Wunder

Mit 22 Bestandteilen rückt das Welterbe die Schätze der Bergbauregion in den Fokus - und mit ihnen Geschichten, (Berg)Leute und Zukunftsideen. Heute: Schindlerswerk in Zschorlau und seine Verbindung nach Freiberg.

Zschorlau/Freiberg.

Nicht einmal millimetergroß und doch weltweit begehrt: Pigmente, die einst in Schindlerswerk in Albernau hergestellt worden sind, galten als Exportschlager aus dem Erzgebirge. Kobaltblau und Ultramarinblau begründeten den herausragenden Ruf der Farbmühle am Fluss der Zwickauer Mulde. Ob zunächst im Porzellan- oder Glashandwerk oder später in anderen Industriezweigen: Die Erzeugnisse aus dem Tal der Zwickauer Mulde waren begehrt und kostbar. Angesichts der unterdessen vom Zahn der Zeit angenagten Fabrikgebäude staunt der Besucher, dass das zwischen Bockau und Albernau nahe Aue im Westerzgebirge liegende Blaufarbenwerk über Jahrhunderte als bedeutender Standort der Branche galt.

Geschäftsführer Gerd Bochmann registriert regelmäßig das Erstaunen seiner Gäste, an solch traditionsreicher Stätte zu stehen. Und kennt längst deren Frage: "Was hat etwa ein in Haushalten gehütetes Porzellanstück oder das zur Reinigung geschätzte Wäscheblau mit der Bergbaugeschichte zu tun?" Der sein Berufsleben lang mit dem Betrieb verbundene, 68-jährige Blaufarbenwerker verweist darauf, dass die 22Welterbestätten nicht allein den Abbau von Erzen im Bergwerk verkörpern. "Unser Werk ist ein einzigartig erhaltenes Beispiel für die weitere Aufbereitung, insbesondere die Verhüttung bergmännisch gewonnener Erze. In unserer früher manchmal als Bergfabrik bezeichneten Hütte wurde aus in Schneeberger Gruben gefördertem Erz ein kobalthaltiges Glas gewonnen, das in feinste Teile zermahlen wurde", so der Chemiker. "Der Schneeberger Bergherr Erasmus Schindler begründete vor 370Jahren dank Erzfunden, vorhandenem Wasser und Holz hier eine Blaufarbenproduktion."

In einem mit vier weiteren sächsischen Blaufarbenwerken aufgezogenen Verbund wurden die sächsischen Kobaltfarben vermarktet und etwa in Delfter Porzellan verarbeitet. Reichlich 200 Jahre lang habe die Produktion der Farben floriert. "Das Kobaltaufkommen in heimischen Gruben ging zurück, ab den 1850-er Jahren war guter Rat gefragt. Und der kam mit der Neuerung, synthetische Pigmente herzustellen", so Bochmann. "Die Produktion wurde umgestellt, und ab 1855 eroberte das bei Schindlers hergestellte Ultramarinblau die Welt." Schindlerswerk ist dabei eng mit dem Wissenschaftler Clemens Winkler verbunden, dem Entdecker des Elements Germanium und späteren Rektor der Freiberger Bergakademie. "Die wahrscheinlich weltweit erste nach seiner Erfindung errichtete Anlage zur Rauchgasentschwefelung wurde hier in Betrieb genommen."

"Ultramarin dient als optischer Aufheller. Dank eines physikalischen Effektes wird bei seiner Verwendung aus dem Gilb grau, das als strahlendes Weiß wahrgenommen wird." Und das wussten Geschäftspartner in mehr als 130 Ländern zu schätzen, bis in die Südsee und den Orient wurde das zumeist in kleine Würfel gepresste und verpackte Wäscheblau ausgeliefert. Zur neuerlichen Blütezeit in den 1920-er Jahren waren etwa 200 Personen beschäftigt. "Bis in DDR-Zeiten wurden diese Artikel hergestellt. Ab den 1970-er Jahren galt für die Planwirtschaftler im VEB Kombinat Lacke & Farben Berlin Wäscheblau als nicht mehr zeitgemäß, eher altmodisch. Mit der Einstellung der Wäscheblauproduktion wurde ein als rentabel geltendes und Devisen bringendes Erzeugnis aufgegeben."

Das Interesse der Fachwelt begründet sich nicht nur aus den Herstellungsprozessen und der Innovationskraft der Betreiber. "Der Standort als ein Komplex von 15 Gewerbegebäuden und zehn Wohnhäusern unterschiedlicher Ausstattungsform ist in dieser geschlossenen Form einzigartig. Schindlerswerk ist ein verbliebenes Beispiel einer erzgebirgischen Montansiedlung. Wir verweisen auf Teile des Hüttenkomplexes, wie auf Magazin, Herrenhaus, Direktorenvilla und Arbeiterunterkünfte."

Gerade die Abgeschiedenheit sehen nicht nur Denkmalfachleute als einen Grund, überhaupt noch über dieses Blaufarbenwerk zu verfügen, so der Firmenchef. Der fühlte sich, ein Berufsleben lang hier tätig, mit der Wende verantwortlich, die Geschicke in die Hand zu nehmen und den Betrieb vor der Abrissbirne zu bewahren. "Zwei Gesellschafter wagten die Privatisierung des vordem staatlich gelenkten Standortes und gründeten ein neues, weiter in der Branche tätiges Unternehmen."


Schindlerswerk in Zschorlau

Unter den 22 Welterbestätten der Montanregion kommt Schindlerswerk ein Alleinstellungsmerkmal zu: Es ist der einzige der 22 jetzt anerkannten Welterbekomplexe, der weiterhin als Produktionsstandort genutzt wird.

Seit zwei Jahren engagiert sich ein Förderverein, der unter dem Gesichtspunkt der musealen Nutzung Schindlerswerk behutsam sanieren und gleichzeitig als Produktionsstätte den wirtschaftlich nötigen Raum geben will. (hey)

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