Mut zur Veränderung - ein Ort der Trauer wandelt sich

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Ein Mauerstück des Oelsnitzer Friedhofes ist in Teilen kaputt. Anders als wenige Meter weiter unterhalb, wo ein Teilstück komplett ersetzt wurde, sollen Neues und Geschichtsträchtiges nun miteinander verwoben werden. Das ist hier durchaus nichts Neues.

Oelsnitz.

Ein Ort der Ruhe, der Trauer und des Gedenkens. Ein Ort der Traditionen. So stellt man sich die letzte Ruhestätte der Verstorbenen vor. Auch ein Ort moderner Kunst, von Experimenten? Der Friedhof hinter der Oelsnitzer Christuskirche ist ein Beispiel dafür, dass es funktionieren kann. Dass Tradition Neues nicht ausschließt. "Wir wollen Altes bewahren, aber auch den Mut haben, Neues zu wagen", sagt Matthias Häschel.

Der Friedhofsmeister steht in der Friedhofskapelle. Hinter ihm ist in leuchtenden Farben zu sehen, was er meint. Als die Kapelle vor mehr als 20 Jahren von Grund auf saniert wurde, hatte man den Mut, neue, moderne Bleiglasfenster gestalten zu lassen. Auch wenn man - bei moderner Kunst nicht ungewöhnlich - sich erst "hineinsehen" muss in die Motive. Wenn mancher für sich erst herausfinden muss, was er da überhaupt sieht, und wenn die intensive Farbigkeit im ersten Moment ungewöhnlich für den Ort erscheint, so ist im Zusammenspiel mit den im alten Design gestalteten Bänken und dem traditionellen Fußboden letztlich etwas Einzigartiges und Würdevolles entstanden - genau richtig für einen Ort zum Abschiednehmen.

"Friedhöfe sind nicht nur alt und verstaubt", sagt Häschel. Das Leben sei endlich, sagt er, der Tod gehöre zum Leben. Aber die Gesellschaft verändere sich, und der Friedhof sei auch eine Antwort darauf. So gibt es auch bei der Grabgestaltung immer neue Ideen - moderne Glaselemente in einer Urnengemeinschaftsanlage ebenso wie Findlinge als Grabsteine.

Auch die Angebote ändern sich. Beispiel Grabpflege. Auf den beiden Oelsnitzer Friedhöfen ist es seit 1993 möglich, diese Aufgabe den Friedhofsmitarbeitern zu überlassen. Der Grund: Weil viele Menschen immer älter werden und die Kinder eines verstorbenen 90-Jährigen kaum 20Jahre lang die Pflege übernehmen können, sagt Häschel. Oder auch, weil der Job oder die Liebe die Nachfahren "irgendwohin in die Welt" verschlagen haben.

Es gebe verschiedene Möglichkeiten, dieses Angebot zu nutzen - sowohl für Urnen- als auch Sargbestattungen, in Neuoelsnitz auch für ein Reihengrab. "Alle Varianten werden sehr gut angenommen." Bei etwa der Hälfte der Grablager - insgesamt liegen hier etwa 2500 Menschen - übernehme man als Friedhof die Pflege.

Oder das Beispiel Baumgrab. Da sieht sich der Friedhofsmeister ein wenig als Getriebener, der reagiert hat. Denn mit dem Trend hin zum Friedwald stellte sich die Frage: Warum Gleiches nicht auf dem Friedhof anbieten? Seit 2018 können Verstorbene nun auch auf dem Oelsnitzer Friedhof unter einem Baum bestattet werden, gleiches ist auch in Neuoelsnitz möglich. Mit einem Vorteil gegenüber dem Friedwald, findet Häschel. Im Wald übernehme allein die Natur die Grabpflege - "aber wie sieht es dann aus?"

Eines der Baumgräber befindet sich vor einem neuen Stück Mauer. Abriss und Neubau haben rund 10.000 Euro verschlungen. Unterstützung für solche Maßnahmen bekommt die Kirche von der Stadt - denn hier finden auch weltliche Bestattungen statt. Seit vielen Jahren stelle man jährlich 20.000 Euro für investive oder Instandhaltungsmaßnahmen auf den Friedhöfen in den Haushalt ein, bestätigt Antje Lohse, Fachbereichsleiterin Finanzen. Je 10.000 Euro für Oelsnitz und Neuoelsnitz. Die Auszahlung erfolge nach Vorlage von Rechnungsbelegen.

Diese Unterstützung wird die Friedhofsverwaltung auch für das nächste große und wahrscheinlich auch teurere Projekt benötigen. Wieder geht es um eine kaputte Mauer - die soll aber nur dort ergänzt werden, wo eine Sanierung nicht mehr möglich ist. Man wird am Ende sehen, wo neue Sandsteinelemente eingesetzt wurden und wo sich historisches Mauerwerk befindet. "Die Alten haben etwas Schönes geschaffen, das erhalten wir", sagt der Friedhofsmeister. Nicht ohne es durch Neues zu ergänzen, wie an vielen Stellen auf diesem Friedhof.

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