Umgehen mit Worten von Sterbenden

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Sterben und Tod sind Tabuthemen. Viele Sterbende und ihre Familien sind froh, wenn sie neben der medizinischen Betreuung einen emotionalen Beistand haben. Geleistet wird das durch den ambulanten Hospizdienst in Oelsnitz. Journalistin Cristina Zehrfeld absolviert den Ausbildungskurs zum ehrenamtlichen Hospizhelfer und berichtet, wie man zum Sterbebegleiter wird.

Oelsnitz.

Der Kurs zum Hospizhelfer dauert vier Monate. Er umfasst 17 Termine, die in aller Regel am Montagabend stattfinden und jeweils drei Stunden dauern. Das klingt ziemlich anstrengend, bisher waren die Abende jedoch immer erstaunlich fix rum. Es stand aber auch von vornherein fest, dass wir einmal am Wochenende ran müssen. Letzte Woche war es soweit.

Drei Stunden am Freitagabend und sieben Stunden am Samstag. Für das Thema Gesprächsführung hat mit Ilona Martin zudem erstmals eine Gastdozentin das Zepter übernommen. Als die 62-Jährige uns ein paar Eckdaten zu ihren Qualifikationen nennt, wird klar: Hier steht die personifizierte Sachkompetenz vor uns: Ilona Martin ist gelernte Krankenschwester, verfügt über zusätzliche Ausbildungen als therapeutische Seelsorgerin und Trauerbegleiterin und arbeitet als Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes der Herr-Berge in Burkhardtsgrün.

Für die zwei Kurstage hat Ilona Martin allerhand Unterlagen mitgebracht, darunter ein Arbeitsblatt zur "Sprache der Sterbenden". Darauf finden sich Aussagen, die auf den ersten Blick seltsam, ja sogar befremdlich wirken: "Ruf am Flughafen an und frage, ob die Startbahn frei ist." Oder: "Ich möchte dieses Experiment jetzt beenden. Ich möchte, dass dieses Experiment jetzt beendet wird." Das sind keine Sätze, die sich Ilona Martin für uns ausgedacht hat, es sind Äußerungen von Sterbenden. "Die Sprache von Sterbenden ist voller Metaphern und Symbolik", so die Dozentin, die damit zu einem Thema kommt, welches nicht nur im Umgang mit Sterbenden, sondern auch im Alltag bedeutsam ist.

Es geht um das von Friedemann Schulz von Thun entwickelte Vier-Ohren-Modell. Der Kommunikationspsychologe beschreibt darin vier Ebenen der Kommunikation. So können Aussagen als Sachinhalt, Selbstoffenbarung, auf der Beziehungsebene und als Appell gemacht werden. Und sie können auch auf allen vier Ebenen gehört werden. Ein einfaches Beispiel: "Der Kühlschrank ist leer." Auf der Sachebene heißt das nur, dass nichts drin ist, im Kühlschrank. Auf der Appell-Ebene hingegen kann der Empfänger ebenso die Aufforderung hineindeuten: "Geh doch endlich einkaufen."

Ilona Martin erklärt uns, dass wir die Äußerungen von Sterbenden nicht nur mit dem "Sach-Ohr" hören sollten. Bei der Aufforderung "Ruf am Flughafen an" sollte ich weder die entsprechende Telefonnummer heraussuchen, noch gar die sterbende Person als plemplem abstempeln. Es ist eine Metapher für den Weg eines Sterbenden in eine andere Welt. Die Vielfalt der Beispiele zur "Sprache der Sterbenden" ist groß. Einer sagt: "Die Uhr! Es ist wichtig, dass ich immer die Uhr sehe." Ein anderer: "Ich möchte aussteigen. Wie kann man denn hier aussteigen?" Wie phantasievoll die Bilder auch sind, wichtig ist es, diese Äußerungen nicht als Unsinn abzutun, sondern sie als eine ganz spezielle Form der Kommunikation zu erkennen.

Und nicht immer muss der Sinn so offenkundig sein, wie bei einem Sterbenden, der sagt: "Die Koffer sind gepackt." Ich bin mir nicht sicher, dass ich die Symbole dieser Sprache immer werde entschlüsseln können. Doch das wäre wichtig: "Es ist unsere Aufgabe als Hospizhelfer, zu erkennen was sich hinter solchen Aussagen verbirgt", so Ilona Martin, die das vermeintlich lange Wochenende mit vielen Beispielen aus dem eigenen Erleben zu einer recht kurzweiligen Lektion gemacht hat. Und sie hat uns gezeigt, dass Sachkompetenz bei der Hospizarbeit allerhöchstens die halbe Miete ist. Ebenso wichtig sind eine ausgeprägte Empathie und Achtsamkeit. Es geht darum, zuzuhören. Mit allen vier Ohren.

Aus dem Wochenendkurs bin ich nicht nur mit vielen Informationen zum Thema "Gesprächsführung" nach Hause gegangen. Nach knapp der Hälfte der Kursabende muss ich jetzt mal zugeben, dass ich mich in einem Punkt gründlich geirrt habe. Ich dachte anfangs, dass man Hospizhelfer ziemlich abgebrüht sein muss. Das ist aber falsch. Wichtig ist freilich, dass man psychisch stabil ist. Frei von Emotionen allerdings sollte man gerade nicht sein. Einfühlungsvermögen und Sensibilität sind auf diesem Gebiet ebenso wichtig, wie Sachkompetenz.


Die Autorin

Cristina Zehrfeld (Foto) hat Betriebswirtschaft studiert. Sie hat mehrere Bücher publiziert und lebt als freiberufliche Journalistin, Fotografin und Autorin in Oelsnitz/Erzgebirge. Für die "Freie Presse" ist sie vor allem im Altlandkreis Stollberg unterwegs. Ihre Themenschwerpunkte liegen dabei hauptsächlich in den Bereichen Kunst und Kultur.

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