Wie Notfallseelsorger Betroffenen helfen

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Sterben und Tod sind Tabuthemen. Viele Sterbende und ihre Familien sind froh, wenn sie neben der medizinischen Betreuung einen emotionalen Beistand haben. Geleistet wird das durch den ambulanten Hospizdienst in Oelsnitz. Journalistin Cristina Zehrfeld absolviert den Ausbildungskurs zur ehrenamtlichen Hospizhelferin und berichtet, wie man zum Sterbebegleiter wird.

Oelsnitz.

Mit der Krisenintervention/Notfallseelsorge hat uns beim vergangenen Kurstermin der gelernte Krankenpfleger Stephan Schmidt bekanntgemacht. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass diese ehrenamtliche Arbeit jener des Hospizhelfers sehr ähnlich ist. Beides ist eine kostenlose Hilfe, die im Zusammenhang mit dem Tod steht. Doch es gibt gewaltige Unterschiede. Deshalb ist es wichtig, zu wissen, wer genau wann hilft. Wir als Hospizhelfer begleiten Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wir werden aber nicht ausgebildet für den Umgang mit Menschen bei akuten Krisensituationen wie Unfällen, Suizid, plötzlichem Kindstod oder sogenannten Großschadenslagen wie der jüngsten Hochwasserkatastrophe. Genau das machen Kriseninterventionsteams oder Notfallseelsorger.

Stephan Schmidt arbeitet seit fast 30 Jahren als Notfallsanitäter bei der Johanniter-Rettungswache Lugau. Doch noch immer geht es dem 50-Jährigen nahe, wenn er Angehörige nach getaner Arbeit traumatisiert und ohne Hilfe zurücklassen muss. Deshalb war er sofort dabei, als der Oelsnitzer Pfarrer Peter Bergmann im Jahr 2016 ein Kriseninterventions- und Notfallseelsorgeteam aufbauen wollte, das in solchen Fällen hilft.

Derzeit gehören zehn ehrenamtliche Mitglieder zur "Notfallseelsorge Oelsnitz" unter der Trägerschaft der Diakonie Erzgebirge. "Das sind zu wenige. Wir brauchen dringend weitere Notfallseelsorger", betont Stephan Schmidt. Die Arbeit läuft ganz anders ab als bei uns Hospizhelfern. So werden die Notfallseelsorger prinzipiell telefonisch von der Rettungsleitstelle angefordert. Dabei ist sofort klar, wer zum Einsatz fährt, denn die Ehrenamtlichen haben feste Dienstpläne, nach denen sie jeweils 24 Stunden in Bereitschaft sind. Da es immer um akute Ereignisse geht, erfragen sie gleich zu Beginn die wichtigsten Hintergründe: Was ist passiert? Welche Angehörigen gibt es und wie ist die familiäre Situation? Speziell bei Unfällen ist es auch wichtig zu wissen, ob Angehörige den Verstorbenen zur Abschiednahme anschauen können oder ob das aufgrund von entstellenden Gesichtsverletzungen nicht möglich ist.

Die Arbeit führt die Helfer in unterschiedliche Bereiche. So werden Notfallseelsorger direkt am Unfallort benötigt. "Im öffentlichen Raum muss ich auf den Eigenschutz achten", so Stephan Schmidt. Das heißt, dass Notfallseelsorger für Feuerwehr und Polizei sofort erkennbar sein müssen. Um sich sowohl von den Betroffenen, als auch von etwaigen Gaffern abzuheben, tragen sie lilafarbene Westen mit der Aufschrift "Notfall-Seelsorge". Doch nicht nur am Unfallort sind Notfallseelsorger gefragt. Sie begleiten auch die Polizei, wenn diese den Angehörigen eine Todesnachricht überbringt. Bei solchen Einsätzen wird eher eine unauffällige Dienstkleidung getragen. "Bei Hinterbliebenen gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen. Das reicht vom lauten Schreien und Weinen bis dahin, dass jemand ganz still ist. Da muss ich nicht gleich Ratschläge geben, sondern nur vermitteln, dass ich da bin. Am besten ist es, sich erst einmal hinzusetzen und die Klappe zu halten." Es geht vor allem darum, den Menschen in der traumatischen Situation Halt zu geben, sie vor Kurzschlusshandlungen zu schützen und sie bei den nächsten Schritten zu unterstützen. Das Wichtigste ist es, sich viel Zeit zu nehmen.

Den Begriff Notfallseelsorger finde ich selbst etwas unglücklich gewählt, denn er suggeriert einen kirchlichen Hintergrund. Der synonym verwendete Ausdruck Krisenintervention trifft für mich den Kern der Sache besser, denn die Helfer müssen keineswegs kirchlich gebunden sein. Und es wird Betroffenen unabhängig von deren Konfession geholfen. Von dieser kleinen Mäkelei abgesehen, hat mich dieser Kursabend auf eine besondere Art beschäftigt.


Die Autorin

Cristina Zehrfeld (Foto) hat Betriebswirtschaft studiert. Sie hat mehrere Bücher publiziert und lebt als freiberufliche Journalistin, Fotografin und Autorin in Oelsnitz/Erzgebirge. Für die "Freie Presse" ist sie vor allem im Altlandkreis Stollberg unterwegs. Ihre Themenschwerpunkte liegen dabei hauptsächlich in den Bereichen Kunst und Kultur.

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