Bob Dylan live im Osten: Der Abschied des Propheten

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Vielleicht ist es seine Abschiedstour: Bob Dylans Konzert auf rauen und ruppigen Wegen in Magdeburg klingt wie sein eigenes Vermächtnis.

Songwriter-Legende.

Die Getec-Arena in Magdeburg ist ein moderner Mehrzweckbau, viel Glas und Stahl, kahle Gänge, schwarz verhangen, wenige offene, viele geschlossene Verpflegungstheken. Keine Handys, die müssen ausgeschalten und in einem verschlossenen Beutel verstaut werden, "auf Wunsch des Künstlers", was verständlich und trotzdem ein wenig übergriffig ist. Vielleicht hätte die Bitte, Mobiltelefone während des Konzerts nicht zu benutzen, auch genügt, denn die weitaus meisten der Gäste in der zu gut zwei Dritteln gefüllten Halle hätten den Wunsch Bob Dylans sicher respektiert. Aber auch Dylan kennt die "modern times", so heißt sein Album aus dem Jahr 2006, und er kennt seine Pappenheimer. Also Handyverbot, dazu im Voraus zahlreiche Verhaltensregeln per Mail: Man möge doch keine Fahnenstangen, Fahrräder, Kinderwagen und Koffer mitbringen.

Das ist aber auch schon alles an Banalitäten um ein Konzert, das eher einem Gottesdienst gleicht als einer Rock-n-Roll-Show. Auf der großen Bühne, nur mit einem dunkelroten Vorhang im Hintergrund, der Boden dagegen hell, wie aus Fenstern beleuchtet, oder als ob die Band mit Bob Britt (Gitarre), Charley Drayton (Schlagzeug), Tony Garnier (Bass), Donnie Herron (Violine, Pedal Steel), Doug Lancio (Gitarre), die in dem riesigen Rahmen klein wirkt, schon auf Wolken schwebt. Bob Dylan hinter dem Klavier, mal stehend, mal sitzend, sodass er kaum noch zu sehen ist. So sehr zurückgenommen, wie es dem Publikum zumutbar ist. Einmal steht er auf und geht ein paar Schritte, langsam, unsicher. Er ist ein alter Mann, 81 Jahre alt. Er ist nicht mehr auf "Never Ending Tour", die "Rough And Rowdy Ways Tour" ist weltweit auf 2021 bis 2024 terminiert. Es könnte seine Abschiedstour werden - und das Konzert klingt wie sein Vermächtnis.

Glasklar der Sound, kein Gefrickel, manchmal swingt sich die Band ein, um den Songs alles Poppige, Gefällige zu nehmen und sie funkeln zu lassen wie Edelsteine. Hymnen, Elegien, Requiems. Eine Lebensreise: Sie beginnt mit "Watching The River Flow" über die Unsicherheit am Anfang, die aber gleich in die Gewissheit mündet: "Most Likely You Go Your Way And I Go Mine" und "I Contain Multitudes" über den "Mann der Widersprüche", die vielen Seiten des Bob Dylan, auch die des bildenden Künstlers: "Ich habe Landschaften gemalt und Akte" … Worüber sich Ingrid Mössinger noch immer freuen wird. Sie, die die erste Museumsausstellung der Gemälde Bob Dylans nach Chemnitz holte, ist eigens aus Frankfurt zu dem Konzert gekommen, freut sich auch über seinen Erfolg als Maler. Wozu auch der alte Song "When I Paint My Masterpiece" passt.

Die Lieder wechseln zwischen persönlichen und philosophischen Betrachtungen des Nobelpreisträgers. Allein neun Titel der wunderbaren Platte "Rough And Rowdy Ways" spielt er mit seiner Band, dazu einige sehr alte Lieder wie "I‘ll Be Your Baby Tonight", nach dem er sich beim Publikum fast geschwätzig mit "Thank you, you baby lovers" bedankt, und eine Coverversion des Johnny-Mercer-Klassikers "The Old Black Magic".

Es ist die Bilanz eines Lebens, das seine Höhen und Tiefen hatte, seine glücklichen wie tragischen Momente. Vom Wunsch nach Zweisamkeit, "To Be Alone With You" oder völliger Hingabe, "I've Made Up My mind to Give Myself To You", bis nach "Key West" sind es nur ein paar Schritte. Key West als realer wie als transzendentaler Sehnsuchtsort, wo es keinen Winter gibt, wo man seine Seele und vielleicht Unsterblichkeit findet nach einem Leben, in dem man einen Menschen retten muss: "Gotta Serve Somebody": "Du magst reich oder arm sein, blind oder lahm, es mag Gott oder der Teufel sein, aber du musst jemandem dienen". Dann erhört die "Mutter der Musen" seine Bitte, für ihn zu singen, für dich und "lass mich eine Weile in deinen süßen, liebevollen Armen liegen, wecke mich, schüttle mich, befreie mich von der Sünde, mache mich unsichtbar wie den Wind. Ich reise mit leichtem Gepäck und komme langsam nach Hause."

Tatsächlich ist Dylans Konzert wie der Soundtrack zu einem langen Weg nach Hause, an dem er sein Publikum bis zuletzt teilhaben lässt. Er singt nicht seine Hits, stattdessen das, was ihm wichtig ist, wozu auch eine Verbeugung vor dem Bluessänger Jimmy Reed gehört, stellvertretend für all die farbigen Musiker, von denen Dylan gelernt hat, die er verehrt hat und die ihn bis heute prägen. So, wie er gelernt hat, sich als Teil eines unendlichen Universums zu sehen wie jedes Sandkorn, "Every Grain Of Sand", in dem er singt: "Ich wurde vom Tellerwäscher zum Millionär in der Trauer der Nacht, in der Gewalt eines Sommertraums, in der Kälte des winterlichen Lichts, im bitteren Tanz der Einsamkeit, die sich im All verliert, im zerbrochenen Spiegel der Unschuld auf jedem vergessenen Gesicht".
Es ist, als ob sich der Prophet zurückzieht in seine Höhle und noch einmal die Welt erklärt, wie er sie erlebt hat, nüchtern, sensibel, dialektisch, voller Widersprüche, Trauer und Glück. Es ist das letzte Lied nach fast zwei Stunden. Stehend applaudiert das Publikum, Zugaben gibt es nicht. Vor der Halle spielt ein junger Mann zur Gitarre dann endlich die Hits des Meisters. Und nun dürfen auch endlich die Mobiltelefone zum Fotografieren gezückt werden. Dylans Musik wird länger im Gedächtnis bleiben als jedes Handyfoto.

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