Die künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt Bad Ischl/Salzkammergut, Elisabeth Schweeger, bei einer Ausstellungseröffnung in Bad Ischl im vergangenen Jahr.
Die künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt Bad Ischl/Salzkammergut, Elisabeth Schweeger, bei einer Ausstellungseröffnung in Bad Ischl im vergangenen Jahr. Bild:  IMAGO/Rudolf Gigler
Kultur
Chefin der Kulturhauptstadt Bad Ischl 2024, Elisabeth Schweeger, im Interview: Alle haben dieselben Probleme

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Was Chemnitz und seine Region 2025 sein werden, sind Bad Ischl und das Salzkammergut in Österreich in diesem Jahr: Kulturhauptstadt Europas. Wie läuft's bei unseren Nachbarn?

Kulturhauptstadt.

Kommen jetzt schon mehr Touristen in die Region? Wie wird mit Kritikern vor Ort umgegangen? Und kann Chemnitz von Bad Ischl lernen? Elisabeth Schweeger, künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt Bad Ischl, gibt Antworten im Interview.

Freie Presse: Wie ist das Kulturhauptstadtjahr bei Ihnen angelaufen?

Elisabeth Schweeger: Super!

FP: Inwiefern?

Schweeger: Wir hatten zur Eröffnung eine super Stimmung! Während des Eröffnungswochenendes im Jänner (Januar, Anm. d. Red.) fuhr der Glögglwaggon, eine kinetische Klangskulptur, von dem Künstler und Komponisten Georg Nussbaumer durch die gesamte Kulturhauptstadtregion. Das war ein mit Glocken und Schellen bestückter Eisenbahnwaggon, dessen Geläut durch den Fahrtwind betrieben wurde. An vorbeikommenden Kirchen haben diese mit ihrem Geläut geantwortet. Das war sehr schön. Dazu hatten wir Kaiserwetter, das war großartig. Es gab eine große Eröffnungsshow im Kurpark, zudem haben wir Kirchen und viele Plätze in Bad Ischl bespielt. Insgesamt kamen zum Eröffnungswochenende 74.000 Besucher und Besucherinnen nach Bad Ischl! Bei 14.000 Einwohnern! Es war Flaniermeilenstimmung, und die Leute haben bis in die Morgenstunden getanzt. Auch die medialen Reaktionen national und international waren sehr gut, regional waren sie korrekt, da gab es einen Aufreger.

FP: Weil in einer Tanzchoreografie der Eröffnungsshow Menschen, auch ältere und Menschen mit Behinderung, nackt tanzten.

Schweeger: Genau. Aber dann dürften wir in keine Kirche und in kein Museum gehen, wo es sehr viel Nacktheit gibt. Es ging darum, dass die Menschen von Grund auf gleich sind. Dass sie alle das Recht haben, sich zu präsentieren. Die Grunddramaturgie der Eröffnungsshow war zu zeigen, welches Potenzial in der Region und ihren Menschen steckt, was alles erreichbar ist. Dazu traten bei der Eröffnung auch Menschen auf, die die Region einst verließen, weil sie hier nicht den Raum hatten, groß zu werden - jetzt kehrten sie als Stars und Ikonen zurück, wie Liedermacher Hubert von Goisern, Tom Neuwirth aka Conchita Wurst und Choreografin Doris Uhlich.

FP: Das Besondere an dieser Kulturhauptstadt ist, dass den Titel erstmals 23 Gemeinden im alpinen Raum mit Bad Ischl als Hauptort tragen - und keine Großstadt dabei ist. Was erhofft man sich hier von dem Jahr?

Schweeger: Dieser Region über Kunst und Kultur eine Aufwertung zu geben. Der ländliche Raum hat nicht nur hier, sondern überall in Europa Probleme. Urbane Räume werden bei Förderungen immer bevorzugt, aber der ländliche Raum wird immer wichtiger, er ist unsere Lunge zum Atmen. In unseren Kulturhauptstadtprojekten geht es zum Beispiel darum, wie wir mit der Natur umgehen. Was wir für nachhaltiges Bauen tun können. Wie wir den öffentlichen Nahverkehr verbessern. Aber auch, wie wir das regionale Handwerk fortführen und wie wir das Gaststubensterben aufhalten. Eines der großen Vorhaben ist unser "Wirtshauslabor", bei dem Spitzenköche mit jungen Menschen über Wochen in leer stehenden Gebäuden ihre Ideen von Wirtshäusern vorstellen können. Denn wir müssen auch überlegen, wie wir die Jungen halten. Wir haben ihnen im Projekt "Next Generation You" Geld zur Verfügung und Mentoren und Mentorinnen zur Seite gestellt und gesagt: Setzt eure Wünsche und Ideen um und sagt uns außerdem, was ihr von Europa erwartet, damit wir das als Visionen weitergeben können.

FP: Welche Rolle spielt der Tourismus? Den gibt's ja hier bereits, im Gegensatz zu Chemnitz.

Schweeger: Das Problem ist, dass sich der Tourismus im Salzkammergut vor allem im Sommer abspielt, etwas auch im Winter. Hallstatt mit etwa 800 Einwohnern hat bei 1,7 Millionen Touristen pro Jahr mit einem Overtourismus zu kämpfen. Der Norden des Salzkammerguts hingegen hat zu wenige Touristen und Touristinnen. Die Frage ist, wie wir die Region für das ganze Jahr interessant machen können. Projekte der Kulturhauptstadt beschäftigen sich damit. Wir haben seit Jänner bis jetzt - also in sehr touristenarmen Monaten - schon einen Zuwachs an Besuchern von 17 Prozent in der ganzen Region. Außerdem werden durch das Kulturhauptstadtjahr leerstehende Gebäude hergerichtet. Dazu gehört das Lehártheater in Bad Ischl, ein altes Filmtheater, in dem zurzeit noch das "Ballet Mécanique", eine Komposition auf einer Musikmaschine, bis 25. Mai aufgeführt wird. Das Theater soll nach 2024 saniert werden. Das gilt auch für das Alte Sudhaus: Es beherbergt jetzt die Hauptausstellung der Kulturhauptstadt - die übrigens hervorragend besucht ist - und soll nach 2024 ein Kulturhaus werden. Das kann dem ganzjährigen Tourismus helfen. Schon im 19. Jahrhundert kam die Avantgarde hier her: Mahler, Bruckner, Brahms, Schönberg. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Sisi ist da nur ein Teil vom Ganzen, natürlich ein wichtiger. Dass Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl seine Sommerfrische verbrachte und sich hier mit Sisi verlobte, zieht bereits viele Touristen und Touristinnen an.

FP: Wie beziehen Sie die Bevölkerung ein? In Bad Ischl - wie in Chemnitz - gibt es Kritik an der Kulturhauptstadt, der Kommunikation und der vermeintlich fehlenden Einbindung der Einwohner.

Schweeger: Kulturhauptstädte gibt es seit 40 Jahren, und seit 40 Jahren haben sie alle die gleichen Probleme. Die Bevölkerung sieht die Kulturhauptstadtprojekte als ungelegte Eier und ist skeptisch. Man kann auch nie alle Menschen mitnehmen. Dennoch: 85 Prozent unserer Projekte sind in der Region entwickelt und werden mit Menschen aus der Region auf die Beine gestellt. Aber es ist auch der Blick von außen wichtig, sonst kann man den eigenen Horizont nicht erweitern. Einer aus der Region kam am Anfang zu mir und sagte: "Mir san mir und brauch'n niemand anderes." Das ist ein Irrtum. Wir brauchen immer das Andere, das Fremde. Es ist immer interessant, wie andere denken und wo wir uns treffen können. Stellen Sie sich vor, alle Vögel am Himmel wären schwarz. Ich glaube nicht, dass wir damit glücklich wären. Die Buntheit ist unsere Stärke.

FP: Haben Sie den Eindruck, dass das ankommt oder sind die Menschen hier, wie manche sagen, sehr "sturschädelig"?

Schweeger: Klar sind sie das. Aber diese Widerständigkeit ist auch gut. Die Dinge brauchen einfach Zeit. Als Linz 2009 Kulturhauptstadt war, hieß es, die Künstler und Künstlerinnen vor Ort seien nicht einbezogen worden, und so werde das nichts. Heute ist Linz, die frühere Industriestadt, eine anerkannte Kulturstadt.

FP: Welche Lehren können künftige Kulturhauptstädte wie Chemnitz aus Ihren Erfahrungen ziehen?

Schweeger: Ich habe die Leitung vor zwei Jahren von der vorherigen übernommen, da war ein Bewerbungsbuch mit den umzusetzenden Projekten da, aber nicht viel mehr. Für mich hieß das: durchrennen, reden, beruhigen, Pressearbeit und Marketing aufbauen, das Programm aufstellen. Unter meinem Vorgänger wurde ein Open Call aufgesetzt, bei dem sich Bürger und Bürgerinnen mit ihren Ideen bewerben konnten. Der Fehler: Der Open Call war thematisch so gut wie nicht begrenzt. Das hat Hoffnungen geweckt, die mit dem Budget nicht zu stemmen waren. Wir hatten etwa ein Jahr damit zu tun, das zu sortieren und eine Auswahl zu treffen.

FP: Es liegt viel an der Kommunikation, oder?

Schweeger: Ja, eine Lehre ist, dass man von Anfang an ein Vermittlungsteam hätte aufstellen müssen, das mit den Leuten vor Ort redet, Ideen mit ihnen durchgeht und erklärt, was geht und was nicht. Ich habe das hier in Schräglage übernommen und versucht, das Beste daraus zu machen mit viel Reden, Überzeugen und Miteinbinden. Ich weiß, da ist auch noch Luft nach oben in der Kommunikation und beim Überzeugen von Menschen. 

 

Elisabeth Schweeger

Die gebürtige Wienerin, Jahrgang 1954, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Innsbruck, Wien und Paris. Sie arbeitete unter anderem als Kuratorin für die Akademie der bildenden Künste in Wien, die Biennale Venedig und die Documenta in Kassel. Sie war unter anderem Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel und Intendantin am Schauspiel Frankfurt. Zuletzt arbeitete sie als Geschäftsführerin/Künstlerische Leiterin der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Im November 2021 übernahm sie die künstlerische Leitung der Kulturhauptstadt Bad Ischl/Salzkammergut. Elisabeth Schweeger lebt und arbeitet in Deutschland und Österreich. 

 

Eine Reportage über die Kulturhauptstadt Bad Ischl lesen Sie nächste Woche in der "Freien Presse" .

Berge, Flüsse, Seen und eine reiche Historie locken bereits zahlreiche Touristen ins Salzkammergut. Im Bild ist die St. Johannes-Nepomuk-Statue auf der Hauptbrücke über die Traun in Bad Ischl zu sehen.
Berge, Flüsse, Seen und eine reiche Historie locken bereits zahlreiche Touristen ins Salzkammergut. Im Bild ist die St. Johannes-Nepomuk-Statue auf der Hauptbrücke über die Traun in Bad Ischl zu sehen. Bild: Barbara Gindl/apa/dpa
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