Der Wald geht alle an

Mit einem trotzigen "Kümmert euch um euer eigenes Waldsterben, ihr Kolonialisten", wehrte Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro vor Tagen Hilfe der Europäer für den brennenden Amazonas-Wald in seinem Land ab. Damit hat er recht - und liegt doch so falsch.

In Deutschland wurden im vorigen und bis Frühjahr dieses Jahres rund 110.000 Hektar Wald zerstört. Laut Bund der Deutschen Forstleute wird sich die zerstörte Waldfläche weiter vergrößern. Grund dafür sind vor allem Trockenstress und dadurch ausgelöste Folgeprobleme sowie Stürme, aber auch Waldbrände.

Der deutsche Wald kommt mit den heißen, trockenen Sommern nicht gut zurecht. Deshalb müssen wir uns um ihn kümmern. Das tun die Fachleute übrigens schon seit Jahren. Jetzt muss erst einmal das Schadholz raus - die Zeit drängt. Dann aber sollte der Wald mit klimaresistenteren Baumarten auf die Stürme der Zukunft vorbereitet werden. Der deutsche Wald ist noch nicht verloren. Geduld ist gefragt: Neue Bäume wachsen nicht über Nacht. Das gibt es allenfalls in Comic-Geschichten von Asterix und Obelix. Und die hatten bekanntlich "Zauber-Eicheln".

Bolsonaro in Brasilien verkennt aber offenbar völlig die Bedeutung des Regenwaldes für das Weltklima. Wälder sind die grüne Lunge der Erde. Sie erfüllen zwei wichtige Klimafunktionen: Erstens sind sie ein gigantischer Kohlenstoffspeicher. Tropische Regenwälder sind dabei von besonderer Bedeutung. Sie speichern aufgrund des hohen Biomasse-Vorrats 50 Prozent mehr Kohlenstoff als Wälder außerhalb der Tropen. Fallen diese Wälder Brandrodungen zum Opfer, so wird der Großteil des Kohlenstoffes als Kohlendioxid freigesetzt. Etwa 13 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus der Vernichtung von Wäldern. Vielerorts werden Stürme und lange Trockenperioden die Wälder schwächen und anfälliger für Waldbrände machen. Zweitens steuern Wälder Verdunstung, Wasserkreisläufe und so das Wetter. Zusammenhängende Waldflächen funktionieren wie riesige Klimaanlagen. Deshalb kann uns das Verschwinden der Tropenwälder in Brasilien, Indonesien oder Afrika nicht egal sein.

Es gibt noch einen Zusammenhang zwischen dem Amazonas-Gebiet und uns. Es sind auch Europas Feuer, die im Regenwald brennen, weil Weideland und Ackerfläche für den Soja-Anbau geschaffen werden - für unseren Fleischkonsum.

Wir müssen unser Verhältnis zur Natur überdenken. Der Wald speziell ist in Deutschland immer eine Art mystischer Ort von Sagen und Märchen gewesen. Doch Rotkäppchen hat lange ausgedient. Schon die Dichter der Romantik haben die zunehmende Distanz der Menschen zum Wald als Verlust beschrieben. Wald ist heute oft auch gleich Holzlieferant. Ein Ding, das uns Baustoffe liefert. Doch der Wald an sich ist wichtig - auch der wild wachsende. Mit dem drohenden Klimawandel als Horizont ist eine Rückbeziehung zur Natur notwendiger denn je. Wald geht uns alle an.

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1Kommentare
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  • 3
    2
    cn3boj00
    29.08.2019

    Hallo Herr Lorenz, alles richtig - aber wen meinen Sie mit "wir"? Ich kenne das von zu hause: wenn Familienmitglieder sagen "wir müssten mal..." dann meinen Sie "du musst mal ..." . Und wie sollen wir unser Verhältnis zur Natur überdenken, welches Sie ins Verhältnis zum Fleischkonsum setzen?
    Glauben Sie, dass ein Baum im Amazonas weniger abgebrannt würde, wenn ich ein Schnitzel weniger esse? Meinen Sie wieder einmal, wir Verbraucher sind schuld, weil wir es nicht schaffen am prall gefüllten Wurstregal im Supermarkt vorbei zu gehen? Der Mensch ist - wie viele Lebewesen - ein Omnivore, ein Allesfresser. Das können Sie ihm nicht zum Vorwurf machen. Und auch nicht, dass er die Nahrung bevorzugt, die am einfachsten zu erlangen ist. Das ist nun mal genetisch programmiert.
    Ja, es ist richtig, einmal Schnitzel in der Woche wäre ausreichend. Und es wäre kein Problem für den Konsumenten, den Wert des Fleisches besser zu schätzen, wenn der Wert sich im Preis widerspiegelt. Gäbe es in deutschen Regalen nur Fleisch von lokaler Weidetierhaltung, wäre das nämlich ganz normal. Gibt es aber nicht. Warum nicht? Hier, Herr Lorenz, wäre es konsequent, die Politik zu fragen! Wer sorgt denn dafür, dass Massentierhaltung standesgemäß ist? Wer sorgt dafür, dass Soja- und direkte Fleischimporte aus Südamerika noch billiger werden? Übrigens ist Soja nicht nur für unseren Fleischkonsum wichtig, sondern auch der wichtigste Rohstoff für vegetarische Ersatzprodukte, mit denen dann so mancher sein Gewissen beruhigt.
    Wo ist ihr lautstarker öffentlicher Protest in der Presse gegen das Freihandelsabkommen mit Mercosur? In der FP lese ich nichts dazu. Es ist eine verfehlte Agrarpolitik, eine verfehlte Umweltpolitik, eine verfehlte Außenhandelspolitik, es ist das Bestreben nach maximalem Profit für unsere Autoindustrie, die dazu führen, dass unsere Regale noch voller werden und der Kampf um noch billiger immer weiter geht. Und deshalb wird die Zerstörung des Regenwaldes weitergehen. Wir können unser Verhältnis zur Natur überdenken, aber ich glaube jeder hat das Verhältnis, welches Bildung, aber auch Meinungsmache eben hergibt. Die Erwartung, dass die Menschen gegen das handeln, was ihnen die Politik vorgibt und vorlebt, die dann noch von den Medien hofiert wird, ist absurd.
    Herr Lorenz, Sie als Zeitungsmann haben Einfluss auf die Meinung der Menschen, aber Sie wollen wohl auch nur Ihr Gewissen beruhigen, indem Sie uns ins Gewissen reden, statt die Verantwortlichen beim Namen zu nennen.



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