Die Lobby zahlt für Doktor Unfug

Zu Inhalationsversuchen mit Affen in den USA und weiteren Tests der Autoindustrie am Menschen

"Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom." Der Albert Einstein zugeschriebene Satz leitet jenen EUGT-Bericht ein, der angebliche Menschenversuche mit Dieselabgasen belegen soll. EUGT ist ein inzwischen aufgelöster Lobbyverein von Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch, der Geld in ihm genehme Forschungen pumpte und die öffentliche Meinung im Sinne der Industrie massieren sollte.

Der Report 2012-2015 des EUGT, der seit Tagen so viel Aufregung verursacht, ist im Internet archiviert, auch wenn die Webseite inzwischen abgeschaltet ist. Am Montag brachte er das Arbeitsmedizinische Institut der Aachener Technischen Hochschule in Erklärungsnot, der größten Universität für technische Studiengänge in Deutschland. Nein, sagte ein Sprecher, die Aachener Stickstoff-Studie habe nichts mit Dieselabgasen zu tun gehabt. Es ging um Belastungen am Arbeitsplatz. Der Versuchsbericht war bereits 2016 auf Englisch in einem wissenschaftlichen Buchverlag erschienen und ist der Fachkritik seitdem zugänglich. Von moralischer Entrüstung wurde nichts bekannt.

Der Fall des Aachener Versuchs scheint also etwas anders zu liegen als das Desaster von Neumexiko, wo ein tierquälerischer Doktor Unfug, bezahlt vom EUGT, Primaten mit den Abgasen eines VW beatmete. Was der Autoverein zum "Inhalationsversuch in einer umwelttypischen Situation" umlog, wurde zum Baustein des deutschen "Dieselgate". Gerade hatte VW Rekordabsatzzahlen gemeldet. Und nun war sogar das Affen-Test-Auto manipuliert.

Aus Tierschutzsicht ist der Laborversuch mit zehn Makaken ohnehin eine Katastrophe - selbst für jene Bürgermehrheit, die ansonsten klaglos hinnimmt, dass der Straßenverkehr bei uns jedes Jahr mehr als 200.000 Wildtiere vom Leben zum Tode befördert. Eine Million Hasen, Rehe, Füchse alle fünf Jahre quasi standrechtlich geopfert, wenn auch ohne Absicht. Kein Skandal, kein Lobbyauftrag für die EUGT.

Nein, die Stoßrichtung dieses dubiosen Vereins war das Gesundheitsbewusstsein der Bürger, das sich in wachsender Unruhe über die Ausbreitung von Asthma, Entzündungen der Atemwege, stickige Luft in den Städten äußerte. Wer einmal eine Dokumentation gesehen hat, wie es der Tabaklobby gelang, die Schädlichkeit des Rauchens in Frage zu stellen, alles herunterzuspielen, was nicht zu leugnen ist, und die Bürger mit Ablenkungsdebatten zu überziehen, der fühlt sich beim EUGT-Report daran erinnert.

Nicht das Labor mit den Affen, nicht die Einzelstudie ist das Hauptproblem. Es ist die Lobby der Industrie, die klammen Forschern beispringt und von keiner anderen Moral getrieben wird als der ihrer Auftraggeber. Hier ein "Spin", dort ein "Fake": Die Öffentlichkeit bleibt irritiert zurück und hüstelt weiter.

Am Ende stimmte nicht einmal das Einstein-Zitat. Er habe das dem Interviewer von der "New York Times" so nicht gesagt, schrieb Einstein ein paar Jahre später. Also eine Fälschung? Bisher hatte an der Aufklärung niemand Interesse.

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