Mehr als eine historische Fußnote

Zum Gedenken an das gewaltsame Ende des Prager Frühlings vor 50 Jahren

Rund 7000 Panzer für 2000 Worte, was für ein gigantisches Geschäft: Dieser bittere Witz kursierte 1968 in der Tschechoslowakei nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten. Er bezieht sich auf das "Manifest der 2000 Worte" des Schriftstellers Ludvík Vaculík, das letztendlich zum Auslöser für die gewaltsame Invasion Hunderttausender Soldaten aus der Sowjetunion, aus Polen, Ungarn und Bulgarien wurde. Das Experiment des KP-Chefs Alexander Dubček war beendet. Sein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" war der erste Versuch, die Kommunistische Partei von innen heraus zu reformieren. Man wollte einen Schnitt - weg von der alten stalinistischen Zeit. Es klappte letztlich nicht, weil in der Sowjetunion und in der Tschechoslowakei unterschiedliche Vorstellungen über verschiedene Modelle des Sozialismus bestanden.

Die Niederschlagung des Prager Frühlings war ein historisches Beispiel für den in diesem Fall hoffnungslosen Kampf David gegen Goliath - da die schwache Tschechoslowakei, dort die große Sowjetunion. Der Westen griff nicht ein, wie schon in Polen, der DDR und in Ungarn zuvor. Interessenpolitik dominierte schon damals. Das gilt auch heute für Tschechiens Präsidenten Miloš Zeman, der seinen Freund, Kremlchef Wladimir Putin, nicht verärgern will und daher zum Gedenken schweigt. Im Nachbarstaat der DDR begann nach der Invasion die sogenannte "Normalisierung" - eine Periode der Finsternis und des moralischen Verfalls, die erst mit der Samtenen Revolution 1989 endete. Vielen Jugendlichen wurde das Studium verwehrt. Mehr als 100.000 Tschechen und Slowaken kehrten ihrer Heimat für immer den Rücken. Vor allem junge, gut Ausgebildete packten ihre Habseligkeiten. Eine Tragödie für das Land und seine Menschen. Es ist auch heute noch mehr als eine Fußnote der Geschichte. Die Ereignisse haben Spuren hinterlassen, im Land, in den Familien.

Vor allem hatte der Kommunismus mit der Niederschlagung des Prager Frühlings seine Utopie verloren. Viele, die damals noch an die Reformierbarkeit des Kommunismus geglaubt hatten, sind in die sich verstärkende Opposition der 1970er- und 1980er-Jahre hineingewachsen. Die Charta 77 war so ein Beispiel. Jetzt ging es nicht mehr um die Reformierbarkeit des Kommunismus, sondern um seine Überwindung.

Der Prager Frühling stand auch Pate bei der Politik Michail Gorbatschows. In der Perestroika seit 1986 wurden ganz ähnliche Dinge probiert wie seinerzeit in Prag. Dort und später in Moskau bemächtigte sich am Ende die Öffentlichkeit des Reformprojektes. Hier wie dort entfaltete die Lockerung oder gar Aufhebung der Zensur Kräfte, die von den Reformern selbst nicht mehr zu beherrschen waren.

Im Frühjahr 1968 entstand so etwas wie die Keimzelle einer transnationalen Öffentlichkeit, eine Alternative zur dogmatischen Linie der anderen Ostblockstaaten. Moskau war alarmiert und ließ die Panzer von der Leine. Die Lehre: Meinungs- und Pressefreiheit sowie eine vielfältige Öffentlichkeit sind elementare Güter einer freiheitlichen Gesellschaft. Damals wie heute. Es lohnt sich, um die Köpfe zu kämpfen.

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