Stärke und Deeskalation

Die Bilanz des Demonstrationstages in Chemnitz

Auf dem Weg durch Chemnitz konnte man am Samstag auf jedem Meter spüren, wie sich die Menschen gegenseitig beobachten. Wohin geht der? Biegt er in der Innenstadt in Richtung AfD bzw. Pro Chemnitz ab. Oder läuft er zum Johannisplatz zur Gegendemo. Chemnitz ist eine zerrissene Stadt.

Für die große Mehrheit hat es noch keinen Platz gegeben, Position zu beziehen. Daran hat sich auch am Samstag nichts geändert. Vielleicht gelingt es am Sonntag. Am Nachmittag lädt die Kirche auf den Neumarkt. Für all jene, die für ihre Trauer, ihren Gesprächsbedarf, aber auch für ihre Haltung gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit noch keinen Ort gefunden haben, sicher der richtige Platz. Ein Erfolg wäre es, wenn sich die Teilnehmer auch in Tausenden zählen lassen.

Am Sonnabend hat der Staat mit aller Macht die Ordnung in der Innenstadt gesichert. Chemnitz war im Ausnahmezustand. Und die Polizei hat eine hervorragende Arbeit gemacht: Deeskalation bis zur Schmerzgrenze. Sie hatte alles aufgeboten an Technik und Personal, was ihr zur Verfügung steht. Sie hat alle Störungen sofort unterbunden, sich nicht provozieren lassen und es somit verstanden, die Lage ruhig im Griff zu behalten. Das ist zumindest der Stand um 21.30 Uhr. Man muss das betonen, weil die Erfahrung lehrt, dass sich gewaltbereite Gruppen der Rechten wie der Autonomen auch gern im Anschluss auflauern.

Die AfD-Pegida-Demo, zu der sich auch die Anhänger von Pro Chemnitz gesellten, ist nur wenige hundert Meter weit gekommen. Die Polizei war offenbar das Risiko zu groß, beide Gruppen auf wenige Meter aufeinandertreffen zu lassen. Teilnehmer der Johannesplatz-Demo hatten Teile der Brückenstraße besetzt, die Polizei nur den Gleis- und Fußgängerbereich geräumt.

Die Linke wird das als Erfolg feiern. Für die AfD wird es ein Grund mehr sein, das Opfer zu geben, was ihr wiederum auch zu Gute kommt.

Die Bilanz des Tages, der zur großen Kraftprobe wurde: Der Staat hat klargemacht, wer auf der Straße das Sagen hat. Und die Teilnehmerzahlen auf der Seite von Pro Chemnitz, AfD und Pegida sind nicht weiter angestiegen. Ein Hoffnungsschimmer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
13Kommentare
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  • 4
    2
    Stonep
    03.09.2018

    Die Polizei hat die beiden Lager getrennt. Unter Ordnung halten verstehe ich aber auch, dass die Demonstranten welche Straftaten begangen haben dafür bestraft werden. An der Höhe der Strafe für das zeigen des Hitlergrußes werde ich mir meine Meinung zur Durchsetzung von Recht und Ordnung bilden.

  • 4
    2
    ChWtr
    03.09.2018

    Mein Kommentar wird offenbar noch geprüft...

    Egal.

    Das mit dem Dialekt würde ich jedoch nicht überbewerten.
    Weshalb sollte sich beispielsweise der Norddeutsche oder der Bayer verstellen?

    Und wer sich bei RTL für irgendwelchen hirnlosen Mist hergibt, ist selbst dran schuld - ob West oder aus Ost und mit bzw. ohne Dialekt.

  • 5
    0
    ChWtr
    03.09.2018

    Da ist vieles richtig angesprochen und man sollte es nicht abtun, was @aussaugerges zu recht kritisiert bzw. feststellt.

    Auch diese Zeitung ist nicht in Mitteldeutscher Hand (wie auch...) und die Journalie ist aufgrund der zahlen- und finanzmäßigen Überlegenheit in Westdeutscher Hand.
    Das Meinungsbild ist dementsprechend.

    Geht leider nicht anders, ist so - kann man sich aufregen - mühselig.

    Auch nicht zu vergessen die vielen "Aufbaubeamten", die selbstverständlich in verantwortlichen Positionen in ostdeutschen Kommunen sitzen, ab Abteilungsleiter aufwärts.

    Thema: wem gehört der Osten?

    Aber, es nützt nichts.
    Geschichte wiederholt sich nicht!?
    Oder doch?

    Die Debatte wird geführt.
    Auf der Straße ist nicht unbedingt das beste Pflaster, aber offenbar kommt nur (noch) so ein öffentlicher Diskurs zu stande.

    Wenn jedoch Menschen zu Tode kommen, berührt das viele Bürger und die Schärfe nimmt zu.

    Der sogenannte Flüchtling bzw. Einwanderer in unser(e) System(e) ist da nur die Spitze des Eisberges.

    Es muss eine gesellschaftliche Diskussion und Auseinandersetzung in ganz DE geführt werden.

    In den "Osten" wurde viel sinnreiches und sinnloses Geld reingepumpt.

    Wir können nicht vertrauen, dass uns im Gebiet der ehemaligen DDR uneigenützig geholfen wird (wurde), von Ausnahmen abgesehen.

    Bedeutet, dass jeder Einzelne seinen Arsch bewegen muss.
    Das wiederum bekommt man leider nicht flächendeckend hin, weil nur zu menschlich...
    Das sollten "die Jammernden" bedenken!

    Schade, der "Osten" hat (eigentlich) mehr drauf und ist nicht Rassistischer als der Rest der Welt, was schlimm genug ist.

  • 3
    3
    Tauchsieder
    03.09.2018

    Was für uns richtig ist sagt doch die Dame aus MeckPomm "cn3.....", da muss ich mir doch selber keine Gedanken machen.

  • 4
    2
    aussaugerges
    03.09.2018

    In Kandel sind die Menschen noch mehr empört aber der Osten wird besonders an den Pranger gestellt.

    Wenn ich was negatives über den Osten höre ist besonders RTL da.
    Da werden die Ossis besonders durch den Kakao gezogen.
    Es werden da auch die Dialekte gern benutzt.

  • 6
    6
    aussaugerges
    03.09.2018

    Herr Klediztsch,ich kann ihre Frage nach der Mitte der Bürger von der Presseschau beantworten.
    Ich hoffe sie wird gedruckt.
    Also nun die Antwort.

    Im Osten sind nur 1,7% von 17 Milli.Ossis der Führungskräfte in Konzenleitungen.

    Es gibt gar kein DAX Unternehmen im Osten.

    Es gibt gar keine Mitte nur verlängerte olle Werkbänke und Lager an der Autobahn.

    Im Vogtland gibt es tatsächlich nur 4 eigenständige Unternehmen.
    (Ab 50 Beschäftigte)

    Wurde alles aber auch alles,schon X Mal festgestellt von aufrechten Politikern.
    (Nicht von mir.)

    Und die ganzen 90 % der Beamten sind in den Altbundesländern,mit ihren fetten Pensionen,Deputaten und vielen Privilegien,wollen weiterhin sehr gut leben.

    Ich könnte noch mehr aufzählen aber ich möchte das wenigstens das gedruckt wird.

    Auch unsere FP ist .........schreib ich nicht.

  • 2
    6
    cn3boj00
    02.09.2018

    @Tauchsieder, und dann gibt es so Leute wie Sie, die vermutlich als einzige genau wissen was ein Journalist schreiben soll. Warum aber reden Sie immer nur davon, was angeblich falsch ist, und sagen uns nie was richtig ist?
    Ja, die Einschränkung "Stand 21:30" war berechtigt, denn ein wenig Randale gab es ja trotzdem noch. Und richtig ist auch, dass die breite Mitte eben immer noch die schweigende Mehrheit ist, die sich nicht zu Gruppen gesellen will in denen Chaoten geduldet werden.

  • 2
    11
    Tauchsieder
    02.09.2018

    Nun gibt es einen weiteren Erklärbär der versucht uns zu sagen was richtig für uns ist und was nicht. Es reicht doch schon wenn dies von oben her geschieht, da bedarf es nicht noch weiterer Leitlinien jetzt von der Presse, quasi einen Verhaltenskodex. So etwas kann man nur versuchen, wenn man davon ausgeht, dass der "gescheite" Teil der ostdeutschen Bevölkerung in ein paar Auswanderungswellen in Richtung Westen die "Ostgebiete" verlassen hat. Was demzufolge hier noch zurückgeblieben ist kann sich wohl jeder selbst ausmalen.
    So etwas strotzt vor Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit.

  • 5
    2
    Einspruch
    02.09.2018

    Ja, der war gut, geht doch.

  • 15
    2
    tetzner
    02.09.2018

    Vielen Dank für die sorgfältige Berichterstattung ohne zu übertreiben und ohne zu verharmlosen.

  • 1
    3
    aussaugerges
    02.09.2018

    Die Reporte?in von nt'v Luisa Graf hat gesagt das die Menshen wieder Ruhe ausgehen wollen.
    Und sie keine Angst mehr abends haben brauchen.
    Sie wurde auch am Anfang beschimpft.

  • 27
    11
    Hankman
    01.09.2018

    Der Polizei kann man nur Dankbarkeit und Respekt zollen für den Einsatz heute. Diesmal war alles perfekt organisiert. Ich möchte zwar lieber nicht darüber nachdenken, was das alles gekostet hat. Aber es war wichtig, die Demonstrationen ordentlich abzusichern und Konfrontationen zu verhindern. Die Fraktion AfD/Pro Chemnitz/Pediga mag nun rumjaulen, weil es nicht möglich war, die geplante Route zu Ende zu laufen. Aber das ist eben so an solchen Tagen. Kommt immer mal wieder vor. Sicherheit ist wichtiger. Vielleicht hätten sie einfach die Demo bis 20 Uhr anmelden sollen, womöglich wäre dann noch was gegangen. Und vielleicht wäre es klug gewesen, von Anfang an eine gemeinsame Veranstaltung abzuhalten, statt sich zunächst auf zwei Kundgebungen/Demos aufzusplitten. Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind eh marginal. Also was soll's?

    Ich bin entschieden gegen das, wofür diese rechte Gruppen stehen. Mich stört der ganze Habitus, der aberwitzige Anspruch, "das Volk" zu vertreten. (Geht's noch?) Ich finde es furchtbar, in Chemnitz Figuren wie Höcke und Bachmann sehen zu müssen. Aber ich muss das ertragen. Es gibt für solche politischen Positionen in Deutschland offenbar einen Markt. Die Gruppierungen sind nicht verboten. Also gehört es sich auch, dass sie demonstrieren können. Und das haben sie - ebenso wie ihre Gegner - friedlich getan. Und das ist immerhin die gute Nachricht des Tages.

  • 26
    6
    cuzco6170
    01.09.2018

    Guter Kommentar!



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