Pauschalticket für Nahverkehr: Was sich Fahrgäste wünschen

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Das 9-Euro-Ticket, das von Juni bis August galt, war populär. Dem soll ein bundesweites Ticket zum pauschalen Monatspreis folgen. Doch für Menschen in Mittelsachsen ist nicht allein der Preis entscheidend.

Eppendorf.

Das bundesweit gültige 9-Euro-Nahverkehrsticket? "Als Erfahrungsschatz Weltklasse", sagt Axel Röthling. Die Erfahrung, das Nah- und Regionalverkehr zu einem günstigen Preis und mit einer einfachen Tarifstruktur funktionieren können, sei als Lernprozess ungemein wertvoll, so der Eppendorfer Bürgermeister.

Warum er und seine Frau trotzdem auf diese Erfahrung verzichtet haben - dazu erzählt er zwei Geschichten: Axel Röthlings Frau pendelt täglich mit dem Auto nach Dresden. Rund 55 Kilometer die kürzeste Strecke, die schnellste Verbindung über die Autobahn sind sogar gut 70 Kilometer. "Das kostet viel Geld und Zeit", sagt Röthling. Natürlich war das 9-Euro-Ticket deshalb sehr reizvoll. "Aber wir haben hin und her gerechnet. Es hat einfach nicht funktioniert." Zu schlecht ist die Anbindung zur Bahnstrecke nach Dresden. Röthling selbst hatte für den Sommerurlaub eine Fahrradtour Richtung Ostsee geplant. Er wollte mit dem Zug anreisen, so wie er das in der Vergangenheit fast immer praktiziert hat. Im Frühjahr bastelte er sich die optimale Verbindung mit Fahrradmitnahme zurecht. 42 Euro waren ein akzeptabler Preis. Vom 9-Euro-Ticket war damals noch keine Rede. Dann kam der Sommer und der Reisetag, an dem die Bahn vor überfüllten Zügen warnte. Angesichts des Risikos, mit seinem Fahrrad keinen Platz zu bekommen, hat Röthling die Zugfahrt gestrichen und stattdessen einen Mietwagen genommen. Der 9-Euro-Ticket-Ansturm hat ihn zum Autofahren gezwungen.

"Wie gesagt, das 9-Euro-Ticket ist als Erfahrungsschatz sehr wertvoll", sagt er. Aber es sei eben wieder eine Entscheidung gewesen, die aus großstädtischer Perspektive gedacht ist. Für die Menschen im ländlichen Raum waren die Vorteile kaum nutzbar. Das decke sich mit seinen Erfahrungen aus vielen Gesprächen, sagt Röthling. "Die Leute haben das Ticket für Freizeit-Fahrten genutzt, aber nicht für den täglichen Arbeitsweg", sagt er. Dafür ist das dünne und löchrige Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs im ländlichen Raum einfach untauglich. Dabei weiß Röthling, dass die Forderung nach einem besseren Nahverkehrsangebot auf den Dörfern unrealistisch ist: "Wenn ich eine Idee hätte, wie ein verbessertes Angebot finanzierbar sein könnte, würde ich das auch fordern."

Ebenfalls für den Freizeitverkehr hatte Eric Kotte aus Freiberg das 9-Euro-Ticket genutzt: "Ich bin damit nach Zingst gefahren und dabei vier Mal umgestiegen." Für Familien mit Kindern sei das nicht zu empfehlen, denn die Züge waren voll besetzt. Doch würde der Freiberger für ein bundesweit gültiges Nahverkehrsticket auch mehr als 30 Euro im Monat ausgeben.

Unternehmen, die für den Nahverkehr in Mittelsachsen zuständig sind, stehen der Einführung eines Monatstickets, das in ganz Deutschland im öffentlichen Nahverkehr gültig ist, aufgeschlossen gegenüber. Doch mischt sich darin auch Skepsis, wie Henning Schmidt, Fachbereichsleiter Verkehr beim Transportunternehmen Regiobus Mittelsachsen, erklärte. "Es ist der zweite Schritt vor dem ersten." Denn trotz eines preisgünstigen Tarifangebots ändere sich an der Infrastruktur und den Angeboten an Fahrten im ÖPNV nichts. Daher müssten zuerst die Grundlagen für ein besseres Nahverkehrsangebot geschaffen werden, bevor preisliche Anreize umgesetzt werden. Für diesen ersten Schritt mangele es bei Regiobus aber vor allem an personellen Ressourcen. "Es fällt uns jetzt schon schwer, mit der vorhandenen Anzahl von rund 340 Busfahrern das Angebot zu halten", so Schmidt. Zusätzliche Busse einzusetzen, sei da nicht machbar. Die Politik müsse also eine nachhaltige Finanzierung des ÖPNV gewährleisten, auch was Investitionen in den Ausbau betrifft. Ähnlich argumentiert der Pressesprecher des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS), Falk Ester. "Die Kapazitäten von Bus- und Bahnunternehmen passen nicht zu der höheren Nachfrage, welche mit einem 9-Euro-Ticket oder einem Nachfolgemodell erzeugt wird." Würde ein bundesweit gültiges Monatsticket auskömmlich und nachhaltig finanziert, begrüße der VMS die preiswerte Nutzung von Bussen und Bahnen. (mit mer)


Nachfrage bei 9-Euro-Ticket konzentriert sich auf viel befahrene Strecken

Im Gebiet des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS), zu dem neben Mittelsachsen auch der Erzgebirgskreis und der Kreis Zwickau gehören, sind von Juni bis August insgesamt 350.957 der 9-Euro-Tickets verkauft worden. Allein im Juli waren es nach VMS-Angaben 143.220 Tickets. Eine auffallend höhere Nachfrage von Fahrgästen habe es in der Zeit zum Beispiel auf der Bahnstrecke nach Leipzig gegeben. Vor allem an den Wochenenden waren Strecken zwischen Chemnitz und dem Erzgebirge stärker nachgefragt. Deutlich geringere Zuwächse an Fahrgästen seien im ländlichen Raum zu verzeichnen gewesen.

Bei Regiobus haben Fahrgäste insgesamt 37.890 Mal ein 9-Euro-Ticket gekauft. Im Juni waren es 10.541, 12.884 im Juli und 14.456 im August. Hinzukommen rund 16.000 Monatskarten und Bildungstickets, für die in den drei Monaten automatisch auch nur ein Preis von 9 Euro fällig wurde. Bei Regiobus war vor allem auf den Linien, die ein sehr gutes Fahrplanangebot haben, ein leichter Fahrgastzuwachs zu verzeichnen. Das betraf nach Angaben des Unternehmens die Stadtverkehre in Freiberg, Döbeln und Mittweida sowie die teils im Stundentakt befahrenen Bus-Linien 640 (Chemnitz - Frankenberg - Hainichen - Roßwein), 650 (Chemnitz - Hartmannsdorf - Penig), 657 (Limbach-Oberfrohna - Hartmannsdorf - Burgstädt - Mittweida), 750 (Freiberg - Nossen - Roßwein - Döbeln) und 922 (Döbeln - Hartha - Waldheim). (jl)

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