Tillichs heimlicher Besuch bei Flüchtlingen in Clausnitz

Überraschend ist der sächsische Ministerpräsident am Mittwoch ins Erzgebirge gefahren. Er lobt die Gemeinde - wird selbst aber kritisiert.

Clausnitz. Von dieser speziellen Kaffeetafel gibt es nur wenige Bilder. Darauf hatte die Sächsische Staatskanzlei bestanden. Die Journalisten und das Kamerateam aus Leipzig mussten draußen bleiben. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) wollte mit Flüchtlingen, die in der Unterkunft am Ortsrand von Clausnitz untergekommen sind, möglichst ungestört sprechen. Nur für ein paar Augenblicke durfte ein Fotograf die Szene festhalten, bevor auch er wieder vor die Tür gesetzt wurde.

Eigentlich sollte Tillichs Besuch im östlichen Erzgebirge gar nicht publik werden. "Nicht presseöffentlich" nennt die Staatskanzlei solche Termine. Deswegen galt auch für Tillichs Fahrt nach Clausnitz: keine Ankündigung im Terminplan der Landesregierung. Keine Pressemitteilung vorab.


Dass die Visite doch im Vorfeld bekanntgeworden war, lag auch an den sozialen Netzwerken. Ein Besucher der Dankesfeier für Flüchtlingshelfer, die der Freistaat vor knapp zwei Wochen ausgerichtet hatte, plauderte den Plan bei Facebook aus. In einem Eintrag berichtete er von Tillichs Absicht, in dieser Woche nach Clausnitz zu fahren. In eben jenes Clausnitz, das seit knapp drei Wochen deutschlandweit bekannt ist. Ein Mob von rund 100 Personen hatte im Ortsteil von Rechenberg-Bienenmühle Mitte Februar einen Flüchtlingsbus blockiert und die Insassen in Angst versetzt.

Seitdem geben sich in dem knapp 900 Einwohner großen Dorf viele Politiker die Klinke in die Hand. Jürgen Kasek, Parteivorsitzender der sächsischen Grünen, organisierte zwei Tage nach der Busblockade eine Pro-Asyl-Kundgebung in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft. Wenig später reiste Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) dorthin. Auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), machte ihre Aufwartung in Clausnitz. Ebenso der sächsische Linken-Chef Rico Gebhardt. Am Mittwoch nun wollte Tillich einen Eindruck vor Ort gewinnen.

Kurz nach neun Uhr fuhr die Dienstlimousine des Regierungschefs vor dem Rathaus in Rechenberg-Bienenmühle vor, wo ihn Bürgermeister Michael Funke (parteilos) und Landrat Matthias Damm (CDU) erwarteten. Ein kurzer Gruß, ein Nicken, dann ging die Runde in die Amtsstube zum vertraulichen Gespräch. Anschließend fuhr die kleine Gruppe im Kleinbus gemeinsam zur Flüchtlingsunterkunft. Wieder öffneten und schlossen sich Autotüren. Das Leipziger Kamerateam blickte ein wenig trübsinnig auf die Bilder, die dabei entstanden waren. Doch als der Regierungschef die Unterkunft verließ, war er zu einem kurzen Statement bereit.

In den nächsten Minuten betonte der Ministerpräsident, dass die Eindrücke aus den Videos nicht die gleichen seien, die er an diesem Tag gewonnen habe: "Es gibt ein anderes Clausnitz als das auf den Bildern, die um die Welt gegangen sind." Detailliert sprach Tillich davon, wie die Einwohner von Rechenberg-Bienenmühle auf die Flüchtlinge zugingen. Man begleite sie beim Arztbesuch, helfe mit einer Broschüre beim Einkaufen und werde im Sommer ein Willkommensfest feiern. Die Gemeinde zeige "Menschlichkeit".
"Was geschehen ist, kann man nicht ungeschehen machen. Aber es gibt jetzt ein Danach", sagte Tillich. Es war ein versöhnliches Zeichen, nachdem er sich in den Tagen nach Clausnitz durchaus kritisch geäußert hatte. Von "Verbrechern" hatte er auch mit Blick auf den Clausnitzer Mob gesprochen. Diese Leute seien keine Menschen. Und er bekannte im Landtag, dass auch er das Problem des Rechtsextremismus lange Zeit unterschätzt habe.

Nicht alle in Sachsen waren von diesen offenen Worten begeistert. Auch in Rechenberg-Bienenmühle war dies am Mittwoch zu spüren. Tillich traf dort am späten Vormittag rund 20 Gemeinderäte, Einwohner und Helfer hinter verschlossenen Türen. Deutlich sei ihm signalisiert worden, dass mit pauschalen Urteilen über die Region Schluss sein müsse, hieß es aus dem Kreis. Einige störten sich demnach vor allem am Wort "Verbrecher". Tillich habe erklären müssen, wie es zu diesem Zitat gekommen sei, schilderten Teilnehmer. Landrat Damm sprach von einem "ganz offenen Gespräch" - ins Detail wollte er aber nicht gehen.

Am Ende verließ Tillich Rechenberg-Bienenmühle mit einem Fässchen einheimischen Bieres, das ihm die Gemeinde geschenkt hatte. Die Rechenberger Brauerei liegt fußläufig vom Rathaus entfernt. Auch einen Brief von Gemeinderat Thomas Hetze hatte Tillich dabei. Der ehemalige Heimleiter von Clausnitz, der wegen seiner AfD-Mitgliedschaft in die Kritik geraten war, hatte dem Ministerpräsidenten mehrere Unterlagen mitgegeben. Darunter auch seine persönliche Schilderung von der Februarnacht. Er wolle zur Aufklärung beitragen, sagte Hetze danach. Ob Tillich die Unterlagen durchgesehen hat, ist nicht bekannt.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    voigtsberger
    09.03.2016

    Ich hoffe Herr Tillich kommt auch zu den Bürgern, die einst Tür an Tür mit den gewaltbereiten Businsassen aus Clausnitz und sonst noch woher wohnen und bei Problemen der Integration ihre Gesten in die Tat umsetzen, denn bei der oft fehlgeschlagenen Integration der Spätaussiedler wurden und werden die betroffenen Bürger auch in Stich gelassen und da gab es noch kulturelle Gemeinsamkeiten, aber die Politiker und Freunde der "Wandervereine" wird dies in ihren exponierten Wohnlagen, bei ihren Gehältern und Pensionen nicht betreffen! Alles wie immer, "den Letzten beißen die Hunde"!

  • 0
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    Interessierte
    09.03.2016

    Das Volk? Ihr nicht.

    Ich hatte mir vom @Schinderhannes mal diesen Link kopiert :
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/clausnitz-ihr-seid-nicht-das-volk-kommentar-a-1078411.html

    Von einem Stefan Kuzmany
    http://www.spiegel.de/impressum/autor-13730.html

    Mit welchem Recht darf er denn die Sachsen ´derart´ herunterputzen ?

    Was ist denn das für eine armselige Person ?
    Was bilden sich dieser Mensch denn eigentlich ein ?
    Wenn es nicht so übel wäre , könnte man fast drüber lachen !
    Dieser Mann scheint sich sehr stark und schlau zu fühlen !
    Und woher weiß er denn eigentlich , was wem gehört ?

    Wenn Dummheit nur weh tun würde …
    Das ist ja noch nicht einmal Kabarett ...
    Das ist noch nicht einmal taz …
    Das ist das Aushängeschild der Bundesrepublik ...

    Schreibt er denn solche journalistische Raritäten ´auch` über die Widerstände der Bürger in den ABL von Bayern bis Bremen ?



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