Der heimliche Verlierer

Wolfgang Schäubles Stimme hat in der CDU Gewicht. Doch mit der Niederlage von Friedrich Merz auf dem Hamburger CDU-Parteitag steht auch Schäuble als Verlierer da.

Berlin.

In der Union gilt Wolfgang Schäuble als Autoritätsperson und politisches Universaltalent. Er war ja auch schon vieles: Fraktions- und Parteichef, später Bundesminister des Inneren und der Finanzen unter Kanzlerin Angela Merkel. Seit 1972 sitzt Schäuble im Bundestag, also seit 46 Jahren. Er ist damit Rekordhalter in Deutschland. Seit Herbst 2017 ist der 76-jährige CDU-Politiker Parlamentspräsident. Er selbst hätte sich durchaus zugetraut, auch Kanzler oder Staatsoberhaupt zu werden. Doch aus beidem wurde nichts.

2004 und 2010 behinderte Angela Merkel Schäubles Wechsel ins Schloss Bellevue. Ein bisschen Verbitterung darüber trägt der Politiker bis heute in sich. Spätestens seitdem das Rennen um Merkels Nachfolge an der CDU-Spitze eröffnet war, spielten diese Gefühle offenbar wieder eine etwas größere Rolle.

Schäuble hatte maßgeblichen Anteil an der Kandidatur des ehemaligen Unionsfraktionschefs und späteren Wirtschaftsanwalts Friedrich Merz zum neuen CDU-Vorsitzenden. Merkel hatte am 29. Oktober angekündigt, das Amt niederzulegen. Kurz darauf warf Merz seinen Hut in den Ring. Der 63-Jährige war 2002 von Merkel von der Fraktionsspitze verdrängt worden. Das Verhältnis der beiden zueinander ist, sagen wir, schwierig. Neben Merz, der ein guter Freund Schäubles ist, standen bekanntlich auch die letztlich siegreiche Annegret Kramp-Karrenbauer, eine Merkel-Vertraute, sowie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Wahl. Wochenlang hatten sich die führenden Köpfe der CDU mit öffentlich geäußerten Präferenzen oder Wahlempfehlungen zurückgehalten. Doch dann, wenige Tage vor dem Hamburger Bundesparteitag vergangene Woche, grätscht Schäuble ungewöhnlich deutlich dazwischen.

In einem Zeitungsinterview legte er sich auf Merz fest, und zwar gleich so sehr, dass es alle anderen Bewerber als Beleidigung hätten auffassen können. "Es wäre das Beste für das Land, wenn Friedrich Merz eine Mehrheit auf dem Parteitag erhielte", sagt Schäuble. Er sagt nicht, es wäre das Beste für die CDU oder für die Union. Nein, für das Land. Damit lag die Latte denkbar weit oben.

Wer wollte, konnte diesen Worten sogar einiges an Kritik entnehmen. Etwa, dass unter der derzeitigen Führung Angela Merkels vieles im Land im Argen liegt oder dass der Sieg eines anderen Bewerbers als Merz zu schwerwiegenden Folgen für Deutschland führt.

Doch in Hamburg gewinnt am Ende Kramp-Karrenbauer, jene Kandidatin mit der größten Nähe zu Merkel. Schäubles großer Favorit hingegen verliert, knapp zwar, aber er verliert. Die Mehrheit der Parteitagsdelegierten verweigert sich der Wahlempfehlung Schäubles. So kommt es, dass Merz' Niederlage auch zu einer von Schäuble geworden ist. Der Grandseigneur der CDU ist der heimliche Verlierer des Wechsels an der Parteispitze. Sein Wort hat an Gewicht verloren, auch wenn Schäuble es herunterspielt.

"Ich hab mich überhaupt nicht gegen irgendjemand positioniert, sondern ich hab aus meiner Sicht Argumente für Friedrich Merz gesagt", rechtfertigt er sich nach der Wahl in einem Fernsehinterview live vom Parteitag. Seine Laune ist mäßig, man sieht es ihm an. Er habe im Vorfeld seine Meinung gesagt, "das ist auch erlaubt", pampt er die Fragestellerin an. "Ich drücke meine Meinung immer klar aus. Die Delegierten haben mit ihrer Mehrheit anders entschieden." Letzteres könnte man dann doch als Eingeständnis einer Niederlage verstehen.

Dass das knappe Wahlergebnis für Kramp-Karrenbauer die CDU weiterhin umtreibt, zeigen die Folgetage. Und wieder ist es Schäuble, der versucht, die Debatte innerhalb der Partei zu steuern. In einem bemerkenswerten Appell warnt er die Anhänger der unterlegenen Kandidaten Merz und Spahn vor Vergeltungsversuchen. "Wer jetzt auf Rückspiel oder gar Rache sinnt, setzt sich ins Unrecht", sagt Schäuble der "Bild"-Zeitung. Ob sich die Unzufriedenen in der CDU an die Ermahnungen halten? Schon bald dürfte es sich herausstellen. Dann wird sich auch zeigen, ob sich die CDU mehrheitlich an Schäubles Ratschläge hält oder sich womöglich doch erneut darüber hinwegsetzt.

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