Hubschrauber messen radioaktive Strahlung im Boden

Seit Tschernobyl Europa 1986 in Angst versetzt hat, wollen alle Länder für den Katastrophenfall gewappnet sein. Am Montag startete dazu eine internationale Übung in Chemnitz.

Chemnitz.

Auf dem Gelände der Bundespolizei im Chemnitzer Stadtteil Ebersdorf geht es in dieser Woche zu wie in einem Taubenschlag. Fünf Hubschrauber aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Tschechien starten und landen hier täglich mehrmals. Die jeweils dreiköpfigen Besatzungen sind in besonderer Mission unterwegs: Sie wollen in sieben Regionen von Sachsen, Thüringen und im angrenzenden Böhmen aus der Luft die Radioaktivität am Boden ermitteln.

Immer wieder richten sich die bangen Blicke von Manuela Uhlig auf den nebelverhangenen Himmel. Die 36-jährige Pilotin gehört seit 2007 zur Fliegerstaffel der Bundespolizei, kommt aus Fulda und wartet geduldig auf ihren Einsatz. Schließlich kann sie wie geplant um 13 Uhr mit dem blauen Eurocopter 135 abheben. Ihr erster Flug geht nach Ostthüringen, wo sie Hinterlassenschaften des Uranerzbergbaus rund um Seelingstädt überfliegen soll. Auf dem Platz hinter ihr sitzt Messtechniker Michael Thomas vom Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Er bedient das extra für solche Flüge entwickelte und im Heck eingebaute Messgerät. Thomas gilt schon als alter Hase. An etwa 65 derartigen Testflügen und Übungen hat er bereits teilgenommen. Jedes Jahr wird eine solche Übung in Deutschland durchgeführt, für die die Bundespolizei die Helikopter bereitstellt. Die Übung in dieser Woche ist jedoch erst die fünfte im internationalen Rahmen seit 2003. Und es ist die erste Übung nach dem Reaktorunfall von Fukushima in Japan, in einem Kernkraftwerk westlicher Bauart. Zum ersten Mal ist das Nationale Strahlenschutzinstitut Tschechiens beteiligt.

Einheitliches Vorgehen angesagt

Wie Klaus Gehrcke, Fachbereichsleiter Strahlenschutz bei BfS, sagte, sei nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 klar geworden "dass wir nicht gut aufgestellt waren, solche Ereignisse mit so gravierenden radiologischen Folgen für halb Europa zu beherrschen". Radioaktivität mache nun mal nicht an Ländergrenzen halt. "Es gab in Europa keine einheitlichen Messprogramme und Bewertungen."

In der Folge sei das Strahlenschutzvorsorgegesetz beschlossen und europaweit ein Netz mit Messsonden am Boden errichtet worden: 1800 allein in Deutschland. Etwa alle 15 Kilometer gebe es solche Sonden zur Erfassung der Gammastrahlung. Sie seien rund um die Uhr in Betrieb und würden bei erhöhter Radioaktivität sofort warnen. "Aber sie können keine Aussagen treffen, um welche Art der Radioaktivität es sich handelt", erläutert Gehrcke. "Außerdem sind 15 Kilometer für eine kleinräumige Bewertung von Flächen eine zu große Entfernung." Aus diesem Grund setze man auf die "Feinaufklärung" unter anderem aus der Luft. Sie wird auch weltweit angewandt.

Vorsorge trotz Atomausstiegs

Laut Gehrcke lassen sich mit den sensiblen Messgeräten radioaktive Stoffe am Boden schnell und großflächig aufspüren, ohne dass man das Gebiet betreten muss. Das sei im Ernstfall wichtig, um schnell einen Überblick über die Strahlenbelastung zu bekommen. Nur auf Basis verlässlicher Messdaten könnten die Behörden entscheiden, welche Schutzmaßnahmen einzuleiten sind. Flüge durch eine radioaktive Wolke werde es allerdings auch im Katastrophenfall nicht geben, schränkt der Fachmann ein.

Das Verfahren aus der Luft nennt sich Aero-Gammaspektrometrie. Dabei werden die zu untersuchenden Flächen mit 100 Stundenkilometern linienförmig überflogen und abgescannt. Die erfassten Daten werden im Hubschrauber aufgezeichnet, nach der Landung gesichtet, weitergeleitet und ausgewertet. Die Ergebnisse gehen an das Bundesumweltamt und an die Umweltministerien in Sachsen und Thüringen. Zudem stehen sie der bundeseigenen Wismut zur Verfügung, die seit 1991 mit der Beseitigung kontaminierter Hinterlassenschaften befasst ist. "Auch wenn in Deutschland 2022 das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet wird, bleiben wir umringt von kerntechnischen Anlagen. Einige liegen sehr nahe an der Grenze", sagte Gehrcke zur Notwendigkeit solcher Übungen.

Messgebiete und -zeiten

Zwischen Seelingstädt in Thüringen und Dresden werden in dieser Woche sieben Gebiete aus etwa 100 Meter Flughöhe untersucht. In Sachsen sind es neben dem Forschungsstandort Rossendorf die Regionen Freital, Zwickau mit dem Ortsteil Crossen sowie ein größeres Gebiet zwischen Lößnitz im Westerzgebirge und Reichenbach im Vogtland, das bis hinein nach Tschechien von jedem der fünf Teams einmal überflogen wird. In allen Messgebieten außer Rossendorf befinden sich Hinterlassenschaften des Alt- und des Uranerzbergbaus. Die Flugzeiten liegen zwischen 9 und 17 Uhr. Im Einsatz sind Polizei-, Militär- sowie zivile Hubschrauber.

In der kommenden Woche wird das BfS zudem am 23. und 24. Juni eine ergänzende Übung durchführen. 13Messfahrzeuge werden dazu in der Umgebung von Seelingstädt, Aue sowie der Vogtlandkommunen Lengenfeld und Mühlental unterwegs sein. Sie messen kleinflächig die Radioaktivität am Boden. Die dabei gewonnenen Daten sollen die Luftmessergebnisse ergänzen.

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