Ist der Wolf für den Menschen eine Gefahr?

Die Rückkehr der Wölfe wird hitzig diskutiert, von Beginn an. Sie reißen Schafe und andere Nutztiere. Sollten sich auch Menschen vor den Tieren fürchten?

Berlin (dpa) - Nach der Wende kamen die Wölfe zurück nach Deutschland, das ist rund 20 Jahre her. Seitdem haben sich die hierzulande streng geschützten Tiere rasant ausgebreitet. Bald zeigten sie sich weit weniger scheu, als von manchen Experten erwartet. Immer wieder einmal traben sie am helllichten Tag durch Siedlungen, sogar Rinder und Pferde werden gerissen.

In Sachsen töteten Wölfe in der vergangenen Woche offenbar mehrere Schafe: Am Samstag vergangener Woche (13. April) griffen Wölfe nach Einschätzung von Experten eine Herde im erzgebirgischen Oberwiesenthal  an und töteten drei Schafe. Die Kadaver hätten typische Wolfs-Bissspuren aufgewiesen, sagte ein Sprecher des sächsischen Umweltministeriums. Am Dienstag (16. April) wurden in der Muldenaue bei Püchau (Kreis Leipzig) fünf tote und zwei verletzte Schafe gefunden. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie Wölfen zum Opfer fielen, teilte der Landkreis Leipzig mit.

Vor allem auf dem Land ist die Sorge groß, dass es in absehbarer Zeit zu einem - möglicherweise tödlichen - Wolfsangriff auf einen Menschen kommen könnte. Experten sind sich allerdings weitgehend einig, dass das sehr unwahrscheinlich ist, wenn auch nicht völlig ausgeschlossen. «Wenn wir in die Länder schauen, wo der Wolf schon immer war, können wir beruhigt sein», sagt Experte und Buchautor Frank Faß. «Übergriffe von Wölfen auf Menschen waren dort bisher extrem selten.» Faß leitet das Wolfcenter im niedersächsischen Dörverden. «Seit der Rückkehr der Tiere ist uns aus Deutschland keine einzige gefährliche Situation bekannt», betont Nabu-Expertin Marie Neuwald.

Einen guten Überblick über Wolfsangriffe gibt eine Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung (NINA) aus dem Jahr 2002, die dokumentierte Wolfsattacken auf Menschen ausgewertet hat. Demzufolge wurden in Europa zwischen 1950 und 2000 neun Menschen getötet - bei geschätzten 10 000 bis 20 000 Wölfen am Ende dieser Zeitspanne. «Fünf der Wölfe waren tollwütig, bei den anderen Fällen wurden Kinder in Spanien zum Opfer», erklärt Faß. «In zwei der Fälle ist zu befürchten, dass es sich um Beuteverhalten der Wölfe gehandelt hat.» Insgesamt haben die NINA-Forscher 59 Attacken in dem Zeitraum gefunden, 38 davon in Zusammenhang mit Tollwut. Tollwütige Wölfe, die als besonders aggressiv gelten, sind in Deutschland nicht bekannt.

Faß ergänzt: «Der NINA-Studie ist aus den vergangenen drei Jahrhunderten kein tödlicher Wolfsangriff in Deutschland und Österreich bekannt.» Die letzte tödliche Attacke eines wildlebenden Wolfes auf einen Menschen dürfte mehrere Jahrhunderte zurückliegen. «Im 17. Jahrhundert haben tollwütige Wölfe während des Dreißigjährigen Krieges Menschen gebissen, die dann an der Krankheit starben.»

In Delmenhorst in Niedersachsen wurde 1977 ein sieben Jahre alter Junge von einem Wolf getötet, der einige Tage zuvor bei einem Transport entkommen war. «Das ist ein Sonderfall, weil es kein wildlebender Wolf, sondern ein ausgebrochenes Tier war», betont Faß. Der Wolf wurde erschossen.

Die Buchautorin und Fachjournalistin Elli H. Radinger warnt vor Panikmache. Wolfseltern brächten ihrem Nachwuchs bei, was sichere Nahrung sei. «Wir bewegen uns anders, als ihre "normale" Beute: Wir laufen selbstbewusst und vor allem aufrecht», erklärt sie. «Auch Bären richten sich manchmal auf, und Wölfe meiden Bären.» Durch Tollwut seien Menschen früher angegriffen worden, bestätigt sie. «Allerdings ist diese Krankheit in Mitteleuropa längst ausgerottet.»

Eckhard Fuhr hat in seinem Buch «Rückkehr der Wölfe» auch historische Aspekte untersucht. Erfahrungen früherer Jahrhunderte müssten relativiert werden, sagt er. «Wir haben ganz andere Bedingungen als zu Zeiten der Ausrottung des Wolfes vor 150 bis 200 Jahren.» Für den Wolf sehe es heute besser aus. «Dank der intensiven Landwirtschaft haben wir extrem hohe Bestände an wildlebenden Huftieren, die Jäger nennen das Schalenwild.» Es gibt heute laut Fuhr insgesamt mehr Waldflächen, die Wölfe haben bessere Rückzugsmöglichkeiten, viel weniger Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. «Der Wolf passt also sehr wohl auch in die heutige Kulturlandschaft», lautet Fuhrs Fazit.

Ein wenig skeptischer ist Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbands. «Der Wolf hat keine natürliche Scheu vor dem Menschen, er ist ein anpassungsfähiger Allesfresser», betont er. Der Wolf müsse sich vom Menschen und den Nutztieren fernhalten, sonst klappe es nicht mit dem Zusammenleben. «Erfahrungen aus Norwegen, Schweden oder Nordamerika helfen uns nur bedingt», meint Reinwald. «Kein Land mit Wölfen ist so dicht besiedelt wie Deutschland», betont er. «In drei Jahren wird sich der Wolfsbestand verdoppelt haben - wie es weitergeht mit Mensch und Wolf bleibt offen.»

Frank Faß ist optimistisch. «Wir haben mittlerweile mehr als 70 Rudel in Deutschland, das lässt mit Paaren und Einzelgängern sowie umherwandernden Jährlingen auf bundesweit ungefähr 1000 Tiere schließen», sagt er. «Dabei hat es keinen einzigen nachgewiesenen Wolfsangriff auf Menschen gegeben, obwohl wir leichte Beute wären», meint er. «Aus den Erfahrungen der letzten 20 Jahre in Deutschland ist nicht zu erkennen, dass sich das ändert, auch wenn der Wolf hier nicht bejagt wird.» Doch auch für Faß ist klar: «Wenn einzelne Tiere doch auffällig gegenüber Menschen werden, müssen sie vergrämt und notfalls sogar getötet werden.»

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
13Kommentare
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    6
    23.04.2019

    @blackadder: Weil man Hunde erziehen kann und Wölfe nicht. Außerdem sind die Gebiete die Wölfe brauchen um nahrung zu finden in unseren dicht besiedelten Gebieten viel zu Klein und es werden viele kleintierarten wie rRebhüner Wachteln oder Fasane fast ausgerottet.

  • 7
    1
    GrauerWolf
    23.04.2019

    @Allgemeinwissen
    In der frühchristlichen Überlieferung waren das Lamm und die Taube die einzigen Tiere, deren Gestalt dem Teufel verwehrt war, also mit deren Gestalt sich der Teufel nicht dem Menschen in böser und verführerischer Absicht nähern konnte.
    Lämmer sind das Sinnbild für die Unschuld schlechthin.
    Wir finden in allen Religionen Tiersymbole, welche für Gleichnisse herangezogen wurden.
    Da bin ich schon froh im 21. Jahrhundert zu leben...
    Gerne geschehen!
    Meint Ihr Grauer Wolf

  • 11
    3
    Distelblüte
    23.04.2019

    @j35r99: Aus christlicher Sicht gehören Schaf und Wolf, Löwe und Lamm zur Schöpfung Gottes. Beide haben das gleiche Daseinsrecht und verdienen zu leben.
    Es ist Aufgabe des Menschen, die Umstände dafür zu schaffen.

  • 6
    16
    Blackadder
    23.04.2019

    @j35r99: Erstmal bin ich kein Christ. Zweitens würde den meisten Schafen nichts passieren, wenn die Halter ihre Tiere besser schützen würden anstatt sich auf die Entschädigungszahlungen vom Staat zu verlassen. Und als letztes möchte ich auf mein erstes Argument hinweisen, dass Hunde seit viele hundert Jahren zu uns gehören und weitaus größere Schäden anrichten.

    In GB wurden 2016 ca. 16000 Schafe von Hunden gerissen und keiner regt sich auf, wo ist denn da die Verhältnismäßigkeit?

  • 3
    5
    Malleo
    22.04.2019

    ...der Wolf eher nicht.

  • 7
    4
    1212178
    22.04.2019

    @ j35r99: Welcher Christ vergleicht den "Wert" zweier Lebewesen?

  • 5
    5
    grummholz
    22.04.2019

    Im Artikel der FP ist von Experten die Rede. Bei Experten sollte man immer bissel vorsichtig sein. Es gibt bei allen Problemen immer wieder Experten, selbsternannte Experten. Das ein Wolfsliebhaber den Wolf als liebenswertes. friedliches Tier sieht ist doch klar. Verglichen wird mit den guten Erfahrungen in Schweden, Norwegen, Kanada, USA. Dort sind große unbewohnte Gebiete. Ein Wolf, der dort den Menschen als Beutetier sehen würde, müsste verhungern, ehe er einen Menschen trifft.
    Geschrieben wird immer, das der Wolf den Menschen scheut. Ein Raubtier wird erst Respekt vor einem anderen Tier haben, wenn er vor diesem Anngst haben muss. Das wird dann von Generation zu Generation weitergegeben. Muss den der Wolf Furcht vor dem Menschen haben? An einen Keiler oder auch an einen Luchs traut er sich bestimmt nicht heran, dem Menschen wird aber von den Wolfexperten Zurückhaltung bei Strafe verordnet.
    Zum anderen finde ich es höchst pervers, das der Tod von Nutztieren billigenden in Kauf genommen werden muss. (Ich sehe es auch höchst tierunfreundlich, liebe "Tierfreunde" , das der Wolf andere Waldtiere abschlachten soll. Es ist in Norddeutschland schon eine Wildtierart ausgestorben. Toll!)

  • 9
    17
    j35r99
    22.04.2019

    Seit ca. 100 Jahren gab es in Deutschland keine Wölfe mehr.
    Die Fauna hatte sich darauf eingestellt.
    Nun plötzlich kamen wieder die Wölfe und richteten Schaden unter den Nutztieren an.
    In der letzten Zeit ist wohl die Kontrolle über die Wölfe etwas verloren gegangen.
    Wehr als christlicher Mensch, schätzt eigentlich das Leben eines Wolfes höher ein als das eines Nutztieres?
    Mit "weiter so" ist das Problem nicht mehr zu lösen!
    Den Schaden bezahlen wir als Steuerzahler!

  • 15
    10
    SimpleMan
    22.04.2019

    Thomboy glaubt an die Geschichte vom bösen Wolf. Irgendwie überrascht das mich nicht.

  • 12
    8
    Distelblüte
    22.04.2019

    @Blackadder: Aber das ererbte Feindbild vom bösen Wolf sitzt einfach zu fest.

  • 11
    5
    GrauerWolf
    22.04.2019

    Der zweite Aufguss...
    Deutschland ist in der glücklichen Lage, mehrere der weltweit anerkanntesten Wildbiologen in den Reihen der DBBW (BfN) zu haben. Nachfolgend ein Auszug aus dem Konzept im Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten. (BfN-Skripten 502/2018)
    Alle der hier im Artikel aufgeführten Personen verfolgt eigene Ziele. Ich denke, wer online Freie Presse ließt, ist in der Lage den Quelltext zu lesen und mit dem eigenen Urteilsvermögen sich ein reales Bild über das Wildtier Wolf zu machen.
    Meint Ihr Grauer Wolf

    Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten
    Deutschland war lange Zeit wolfsfrei. Die Menschen in den kürzlich vom Wolf besiedelten Gebieten lernen erst allmählich, wieder mit diesem Tier umzugehen. Viele Menschen sind unsicher, wenn es um die Einschätzung von Wolfsverhalten geht. Was ist normal und was ist bereits auffälliges Verhalten? Wie gefährlich sind Wölfe für den Menschen, und müssen im Wolfsgebiet Vorsichtsmaßnahmen für die Sicherheit der Bevölkerung getroffen werden?

    Eine der Aufgaben der DBBW war die Erarbeitung eines Konzeptes zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten. Dafür hat sie sich weitere Expertise, unter anderem von Kollegen des Schwedischen Wildlife Damage Centre (Viltskade Centre VCS) eingeholt, die europaweit wahrscheinlich die meisten Erfahrungen im Umgang mit auffälligen Großkarnivoren haben.

    In dem inzwischen vorliegenden Konzept werden Einschätzungen zum Wolfsverhalten im Hinblick auf die Sicherheit des Menschen sowie Empfehlungen mit dem Umgang mit Wölfen gegeben, die ein auffälliges Verhalten zeigen. Unter auffälligem Verhalten wird in diesem Konzept die ganze Bandbreite von ungewöhnlichem, unerwünschtem bis zu problematischem Verhalten von Wölfen in Bezug auf Menschen verstanden. Die Empfehlungen richten sich in erster Linie an die zuständigen Behörden der Bundesländer. Sie sollen damit in die Lage versetzt werden, eine Ersteinschätzung von Wolfsverhalten in Bezug auf die Sicherheit von Menschen vorzunehmen und mögliche Handlungsabläufe vorbereiten zu können.

    Die Ziele der vorgelegten Empfehlungen sind, a) dass Menschen in Deutschland nicht durch wilde Wölfe verletzt oder getötet werden, b) dass die Menschen in Wolfsgebieten Vertrauen in das Wolfsmanagement haben und beibehalten, c) dass ihre Angst vor Wölfen nicht zunimmt und d), dass Wölfe sich weiter in Deutschland ausbreiten können, ohne dass es zu schwerwiegenden Wolf-Mensch-Konflikten kommt.

    Das "Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten" wurde im Sommer 2018 fertig gestellt und als BfN-Skript 502 veröffentlicht. Es kann nachfolgend heruntergeladen werden.

    BfN-Skript 502 "Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich dem Menschen gegenüber auffällig verhalten" (2,1 MiB)

    https://www.dbb-wolf.de/Wolfsmanagement/Bundesländer/umgang-mit-auffaelligen-woelfen

  • 8
    19
    22.04.2019

    @Blackadder: NOCH nicht. Offenbar muss bei manchen immer erst was passieren ehe sie es kapieren.

  • 21
    16
    Blackadder
    22.04.2019

    https://www.focus.de/wissen/videos/neue-beissstatistik-zeigt-dackel-boxer-oder-schaeferhund-das-sind-die-gefaehrlichsten-hundrassen-deutschlands_id_4790861.html

    Darf ich zitieren: " Insgesamt ist in Deutschland derzeit pro Jahr von 30.000 bis 50.000 Bissverletzungen auszugehen. "

    Bei Hunden wohlgemerkt. Bei Wölfen ist mir kein Fall bekannt.



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