Noch unbestätigt: Verdacht auf Wolfsriss

Oberwiesenthal.

Gibt es einen ersten Wolfsriss im Erzgebirge? Der Verdacht besteht nach einem grausigen Fund am Samstag auf dem Hof von Romy Schmidt und Fritz-Jürgen Hieke in Oberwiesenthal. Zwei tote Schafe und vier verletzte Tiere dokumentierte die Polizei. Die vier Tiere seien so schwer verletzt gewesen, dass sie der Tierarzt erlösen musste. Überdies fehlt ein weiteres Schaf aus dem Bestand, das auch bis gestern noch nicht gefunden wurde. Den Sachschaden beziffert die Polizei auf etwa 2000 Euro.

Die Bissspuren lassen für Romy Schmidt keinen Zweifel zu, dass die Schafe von Wölfen getötet wurden. "Alle Tiere hatten einen Kehlbiss, eines war halb aufgefressen, ein anderes schwer verletzt durch den Grenzbach geschleift", schildert sie einen Teil des grausigen Anblicks, der sich ihr gestern geboten hat. Vermutet wird, dass mehrere Wölfe am frühen Samstagmorgen den nahen Grenzbach überschritten haben. Nach Angaben des Kontaktbüros in Sachsen befinden sich in den grenznahen Regionen der Tschechischen Republik zwei Wolfsterritorien: das Rudel im Nationalpark Böhmische Schweiz und das Výsluní Rudel - benannt nach der gleichnamigen Stadt auf dem Erzgebirgskamm, rund 20 Kilometer Luftlinie von Oberwiesenthal entfernt. Beide Territorien konnten im Monitoringjahr 2017/2018 auf tschechischer Seite zum ersten Mal nachgewiesen werden.

Auch der hinzugezogene Tierarzt Alexander Armbrecht aus Schlettau geht angesichts des Gesamtbildes davon aus, dass mehrere Tiere die Schafe angegriffen haben. "Die immensen Verletzungen lassen darauf schließen", sagt er, allerdings ohne die Ursache genau zu benennen: "Die Verletzungen stammen definitiv von Raubtieren." Ob es Wölfe waren? Das müssten die entsprechenden Untersuchungen ergeben. Er führt aber auch an: "Es gibt keine anderen Wildtiere, die so effektiv jagen." Das heißt, das Beutetier werde von hinten angegriffen, um es zu schwächen. Anschließend werde es mit einem Kehlbiss getötet. Das ganze Jahr über habe es bereits Wolfssichtungen im Erzgebirge gegeben.

Unterdessen hadert Romy Schmidt mit einigen der weiteren hinzugezogenen Fachleute - insbesondere dem Vertreter der Naturschutzbehörde. Der sei aus Ermangelung eines eigenen Ansprechpartners im Erzgebirgskreis aus dem Vogtland gerufen worden - Wartezeit: vier Stunden. "Er hat weder DNA-Proben genommen, noch ein Riss-Gutachten erstellt, noch die Bissspuren vermessen", kritisiert sie. Gerade bei den DNA-Proben sei es unerlässlich, dass diese innerhalb der ersten zwölf Stunden erfolgen.

Da die Tierhalter gesichert wissen wollen, ob es sich bei den gefundenen Spuren um Wolfsspuren handelt, haben sie auf eigene Kosten Proben nehmen lassen und schicken diese nun an ein Labor in Hamburg. Zudem sollen die toten Tiere heute zur Landesuntersuchungsanstalt nach Dresden gebracht werden.

Unabhängig davon, wie all die Untersuchungen ausgehen werden, ist die Angst vor dem Wolf - verbunden mit der Sorge um die Nutztiere - spätestens jetzt in der Region angekommen. Zumal die betroffene Herde mit einst 14 Schafen nicht auf der Weide gestanden hat, sondern im Stall. An dem seien auch deutliche Kratzspuren erkennbar gewesen.

Und es sind nicht nur die Schafe, um die sich Romy Schmidt große Sorgen macht. Es sind auch ihre Alpakas, die im Sommer nachts auf der Weide stehen. Sie werden nun - völlig wider ihrer Natur - in den Stall müssen. "Es ist alles eine Katastrophe", sagt sie deprimiert. Unterdessen ist auch der Schäfer vor Ort in Alarmbereitschaft. Er vermutet, dass die Wölfe jetzt erst richtig aktiv werden. Nachdem sie die Beute gewittert haben, werden sie nun öfter aufschlagen und versuchen, Schafe oder andere Tiere zu reißen, befürchtet er.

Hinweise auf Wölfe im Erzgebirge und Mittelsachsen hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. 2012 war auf Niederbobritzscher Flur ein Reh gerissen worden, im April 2017 ein Tier bei Altenberg in eine Fotofalle getappt. Im Herbst 2013 wurde im osterzgebirgischen Obercarsdorf ein Schaf gerissen - die DNA-Untersuchung bestätigte: Es war der Wolf. Auch für den Ausbruch von Jungrindern aus einer Koppel in Großolbersdorf Ende April 2016 - die Tiere wurden daraufhin von einem Regionalzug der Erzgebirgsbahn erfasst - ist der Wolf verantwortlich gemacht worden. Auch Sichtungen durchziehender Einzeltiere wurden immer wieder gemeldet - jedoch ohne wirklichen Nachweis.

Im März 2018 war auf einer Koppel in Waldkirchen ein totes Highlandkalb mit Bissspuren gefunden worden. Auch damals äußerte die Züchterin Kritik am Landratsamt, weil die Meldekette am Wochenende offenbar nicht funktionierte, der Umweltbereitschaftsdienst zwar besetzt war, sich aber für den Fall nicht zuständig gezeigt habe. Erst zwei Tage später sei das Tier vom amtlich bestellten Gutachter in Augenschein genommen worden, der aufgrund der inzwischen verstrichenen Zeit keinen DNA-Test mehr vornahm. Spätere Untersuchungen ergaben, dass das Kalb offenbar tot geboren worden war und die Fraßspuren laut Landratsamt von kleineren Raubtieren stammten. (mit ar und mik)

Bewertung des Artikels: Ø 2.9 Sterne bei 8 Bewertungen
8Kommentare
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  • 3
    4
    j35r99
    15.04.2019

    Bisher steht noch nicht fest, wer der/die Verursacher der Verletzungen sind.
    Ich habe mir gestern mal den Ereignisort, ca. 80m nach OE Oberwiesenthal i.R.Fichtelberg, linksseitig angeschaut.
    Es wäre natürlich schon bedenklich, wenn es Wölfe gewesen wären.
    Man sollte also erst mal die Untersuchungsergebnisse abwarten und dann weiter
    entscheiden.
    "Freie Presse", bleibt bitte dran!

  • 4
    6
    acals
    15.04.2019

    Die Zeit ist vorbei in der Wolfsrudel durch das Unterholz gepirscht sind.

    Das ist per se nichts gegen den Wolf. Es gibt bereits auch in Europa genuegend Wolfsreviere, wie zB im polnischen Bielowiza Gebiet. Da so ein Rudel gerne auch hunderte km*km bejagt gibt es in Deutschland eine einfache Loesung: Zb der Truppenuebunsgplatz Oberlausitz (175 km2) wird umzaeunt. Aller Wochen kauft der Steuerzahler einem Schaefer eine Schafsherde ab und treibt diese in dieses Gebiet. Das ist dann fair gegenueber Eigentuemern an Vieh.

    Wer den Wolf dann in natura beobachten will, der hat dann dort beste Chancen.

    Das wird auch dem Wolf gerecht, und der Abruestung i.Uebrigen auch.

  • 7
    6
    Tohuwabohu
    15.04.2019

    Den sogenannten "ersten Wolfsriss" gib es schon mehrfach und weit vorher im Erzgebirge! Mit den Worten "...wäre schön diesen Vorfall nicht bei der Presse an die große Glocke zu hängen!" verabschiedete sich die Blech-Karawane von Beamten vor zwei Jahren nach einem Wolfsriss vom benachbarten Bauernhof. Weitere "Vorfälle" in benachbarten Orten (mit Fotos dokumentiert) sind ebenfalls bekannt... nur eben nicht öffentlich, wie so VIELES in diesem Land.

  • 16
    14
    ChWtr
    14.04.2019

    Eine "sachgerechte" Debatte über den Wolf zu führen, scheitert hier und anderswo.
    Ironie finde ich wirklich fehl am Platz. Der Wolf wird bereits im Märchen verteufelt. Welche Chance(n) hat er überhaupt, in unserer technologisierten Welt (Zivilisation) zu bestehen? Wir reden von und über Klimakatastrophe, rotten menschengemacht auf allen Kontinenten und Meeren Lebewesen aus.

    Was will da schon der Wolf im dtsch. Erzgebirge?
    Soll er sich doch ins tschech. Erzgebirge verkrümmeln!

  • 8
    17
    Täglichleser
    14.04.2019

    Berglöwe könnte es gewesen sein.
    Aber ich schließe auch eine andere Möglichkeit nicht aus: Der Borkenkäfer!
    Er findet auf den Höhen des Erzgebirges
    keine saftigen Fichten mehr. Nur Trockenholz. Bruch und Wurf. Da sagt sich
    der Borkenkäfer: Da muss ich mir schnell etwas einfallen lassen, um zu überleben.

  • 5
    19
    acals
    13.04.2019

    Wow. Jurassic Park funktioniert immer noch nicht. Den wievielten Teil schaun wir aktuell?

  • 17
    5
    Täglichleser
    13.04.2019

    Kein Wunder, dass die Wölfe in das Erzgebirge kommen. Hier nimmt die Einöde
    zu. Die Alten sterben weg. Die Dörfer verwaisen. Der Wolf wird nicht gestört.

  • 12
    22
    Tauchsieder
    13.04.2019

    In der Höhe?
    Vielleicht war es ja auch ein Berglöwe.



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