Rassistische Gewalt in Hoyerswerda 1991: "Vergessen werde ich nie, was passiert ist"

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Drei Jahrzehnte sind die rassistischen Krawalle in Hoyerswerda her - vergessen sind sie bis heute nicht. Die ostsächsische Stadt erinnert mit einem Gedenkwochenende an die Vorfälle. Auch Betroffene erzählen ihre Geschichte.

Hoyerswerda (dpa/sn) - Der Elfgeschosser ist heute das bunteste Hochhaus Hoyerswerdas. An der Fassade hat der Leipziger Künstler Michael Fischer-Art seine Handschrift hinterlassen, gleich gegenüber steht die Lausitz-Halle. Das ehemalige Haus der Bergarbeiter wurde am 7. Oktober 1985 im Stadtteil Neustadt eingeweiht. Der «kleine Kulturpalast» war damals der Stolz mitten im Neubaugebiet der jüngsten sozialistischen Stadt der DDR. Im September 1991 wird das Neubaugebiet Zielscheibe für rassistische Krawalle - fünf Tage lang. Ein Gedenkwochenende soll nun an die Ausschreitungen ab dem 17. September erinnern - auch aus Sicht der Betroffenen.

Auf jenen Elfgeschosser - das Heim für ausländische Vertragsarbeiter - richteten sich vor 30 Jahren die Kameras. Die Bilder von den Ausschreitungen und Übergriffen gingen um die Welt. Schon Tage vor dem 17. September habe es eine explosive Stimmung gegeben, erinnern sich Zeitzeugen. Es gab Beschwerden über laute Abschiedsfeiern der Mosambikaner in der Albert-Schweitzer-Straße. Der Einigungsvertrag schickte sie bis Ende 1991 zurück in ihre Heimat. «Ich weiß, wie hervorragend die Ausländer in der Kohle gearbeitet haben. Da hätte sich mancher deutsche Kollege eine Scheibe abschneiden können», sagt ein 82-Jähriger aus Hoyerswerda. Seinen Namen will er nicht nennen.

Sabine Proksch ist Verwaltungschefin der Kulturfabrik Hoyerswerda, zum Zeitpunkt der Ausschreitungen war sie 26 Jahre alt. An die Vorfälle erinnert sie sich: «Es waren immer mal wieder Sirenen zu hören - und dann bekommst Du aus dem Fernsehen mit, was da gerade vor deiner Haustür passiert. Ich war wie gelähmt», sagt die heute 56-Jährige.

Es waren erschreckende Bilder in den Nachrichten: Rechtsradikale, die brennende Molotowcocktails auf das Haus der Mosambikaner werfen, applaudierende Passanten, Geschrei, Eskorten für die Ausländer. Polizei und Behörden wirken hilflos. Ein Streit um die Bezahlung einer Zigarettenschachtel zwischen Rechten und vietnamesischen Händlern öffnet das «Ventil gegen die Schwächeren», wie der langjährige Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig (1938-2017) einst in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte. Der Vorfall galt als Auslöser für die Krawalle.

Es herrschte Hoffnungslosigkeit in der früheren sozialistischen Vorzeigestadt - geprägt durch Arbeitslosigkeit, Verunsicherung und das Misstrauen gegen die neue Ordnung nach der Wiedervereinigung. Tausende Arbeiter in Hoyerswerda verloren ihren Job im Tagebau. «Die Generation unserer Eltern ist sehr sensibel. Sie denken, ihre Lebensleistung vom Aufbau dieser Stadt Hoyerswerda wird in Verbindung mit den Geschehnissen vor 30 Jahren in Frage gestellt», sagt Proksch. Auch so ist zu erklären, dass viele der damaligen Zeitzeugen bis heute nicht gern über die Ereignisse reden.

Andere erzählen von der viertägigen Belagerung des Vertragsarbeiter-Hauses in der Schweitzer-Straße gegenüber der Lausitz-Halle. Historische Fotos zeigen die Angegriffenen unter anderem mit einem Banner «SOS - Warum hassen Sie uns? Wir leben seit Tagen in Angst» vor aufgebrachten Menschenmengen. Zudem kamen aus anderen Landesteilen Rechte angereist. Randalierer zogen weiter zum Flüchtlingsheim in der Müntzner-Straße. Dort lebte seinerzeit Emmanuel Adu Agyemanch aus Ghana mit Menschen aus 20 anderen Nationen unter einem Dach. Für das Gedenkwochenende kehrt er zurück in die ostsächsische Stadt.

Er erinnert sich, wie er und andere Flüchtlinge sich vor den Angriffen der Rechten auf das Dach des Heims retten müssen. «Früher verband ich sehr viele schlechte Erinnerungen mit Hoyerswerda, beispielsweise wie die Menschen aus ihren Wohnungen traten, um ihre Freude über das Gehen der Ausländer auszudrücken. Sie klatschten und lachten», berichtet der dreifache Vater. Er lebt inzwischen in Darmstadt - und hat auch wegen guter Kontakte zu Hoyerswerdaer Familien mit den Ereignissen vor 30 Jahren abgeschlossen. «Ich vergab den Leuten vor langer Zeit. Vergessen werde ich allerdings nie, was passiert ist.» 32 Menschen wurden damals verletzt, 82 wurden festgenommen, vier von ihnen verurteilt, berichtet die aktuelle ARD-Dokumentation «Hoyerswerda '91».

60 Vertragsarbeiter verließen am 20. September unter Polizeibegleitung mit Bussen Hoyerswerda. Die Flüchtlinge aus dem Heim ein paar Minuten weiter wurden unter SEK-Begleitung auf Unterkünfte im Umland verteilt. Diesen Betroffenen will die Initiative «Zivilcourage» nun eine Stimme mit unterschiedlichen Formaten zwischen Podiumsgespräch und kritischem Stadtrundgang am aktuellen Gedenkwochenende geben. 

«Mit den Veranstaltungen möchten wir einerseits die Sicht der damaligen Opfer zeigen, andererseits auch die Betrachtung und Reflexion der Ausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen im gesamtdeutschen Kontext nachzeichnen. Nur wer die Ereignisse annimmt, kann aufeinander zugehen und Versöhnung finden», sagt Torsten Ruban-Zeh, Oberbürgermeister der Stadt (SPD). 

Zum Gedenkwochenende gehört auch die Ausstellung «Wir waren Kollegen» mit lebensgroßen Fotografien der mosambikanischen Vertragsarbeiter. Der italienische Fotograf Aghi ist erst dieses Jahr in das ostafrikanische Land gereist, um die sogenannten Madgermanes wiederzufinden. Im Jahr 1989 waren laut Bundeszentrale für politische Bildung rund 190 000 ausländische Arbeitskräfte in DDR-Betrieben tätig, davon 12 000 Mosambikaner. Die Ausstellung ist bis zum 3. Oktober im Lausitz-Center zu sehen. Die letzte Gruppe Mosambikaner aus Hoyerswerda flog im November 1991 zurück nach Maputo - mitten in den Bürgerkrieg. Als einer ihrer Vertreter kommt David Macau nach Hoyerswerda.

«Unsere Generation definiert sich dadurch, dass wir um eine Auseinandersetzung ringen und eine Versöhnung mit der Geschichte schaffen», sagt Proksch von der Initiative «Zivilcourage». Die Gruppe gründete sich vor 15 Jahren. Damals marschierten Rechte durch die Stadt und feierten Hoyerswerda als «ausländerfrei». «Wir dachten, es wäre vorbei und waren erschrocken. Deshalb haben wir beschlossen, uns als Zivilgesellschaft zu vernetzen, damit wir schneller aktiv werden können», sagt Mitinitiator und Pfarrer Jörg Michel. Der Theologe wird den Gesprächsabend am 18. September unter dem Motto «Das habe ich nicht gewusst» mit unterschiedlichen Sichten auf die Zeit vor 30 Jahren moderieren.

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