Stopp für "größtes Artensterben seit Aussterben der Dinosaurier"

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Sachsen will beim rasenden Verlust der Vielfalt in der Natur die Bremse ziehen. Am Dienstag stellte Umweltminister Wolfram Günther vor, wie man das Ruder herumreißen will.

Viele Gefährdungskandidaten sind lang bekannt: Ziegenmelker, Wachtelkönig, Rebhuhn, Birkhuhn, Steinschmätzer, Wiedehopf und Kiebitz gehören bei den Vögeln dazu. Bei den Wirbeltieren sind die Kreuzkröte, der Biber, der Feldhamster, Nordfledermaus und Kleine Hufeisennase dabei, bei wirbellosen Tieren die Flussperlmuschel und bei Pflanzen Knabenkrautgewächse, der Klaffende Eisenhut, als Baum auch die Schwarzpappel. Sie alle gehören zur sächsischen Liste jener 50bedrohten Arten, die besondere Hilfsprogramme brauchen. Weil die Dimension des Artensterbens inzwischen aber mehr umfasst, hat der Freistaat Sachsen am Dienstag ein umfassendes Programm zum Erhalt sogenannter Biodiversität ins Leben gerufen. Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) stellte das Programm "Sachsens Biologische Vielfalt 2030 - Einfach machen!" in Dresden vor.

Laut Günther leben wir in "Zeiten fundamentalen Artensterbens", eines, das Forscher als "das größte seit dem Aussterben der Dinosaurier" bezeichnen. Einzelne Rettungsprogramme, etwa für bodenbrütende Vögel, für Feldhamster oder für Schmetterlinge, helfen allein nicht mehr. Von 25.000 in Sachsen lebenden Insektenarten seien nach neuen Gefährdungsanalysen für 2000 Arten 44 Prozent derer entweder bereits ausgestorben oder unterlägen einem Gefährdungsstatus, so Günther. Sachsen steht nicht allein: Nach Erkenntnissen von Insektenkundlern aus dem nordrhein-westfälischen Krefeld wurde die "Krefelder Studie" benannt. In ihr erhoben Wissenschaftler 2017 den Insektenschwund im Intervall von 1989 bis 2016. Ergebnis: drastische Bestandseinbrüche. In 63 deutschen Schutzgebieten ist ein Rückgang von 76 Prozent (im Hochsommer bis zu 82 Prozent) festgestellt worden - und zwar an Biomasse von Fluginsekten. Autofahrende Laien werden es bestätigen können. Auf den Windschutzscheiben gibt es selbst nach Langstreckentouren kaum noch tote Insekten, ganz anders als noch vor 20 Jahren.

Gegenüber 2009, als die Staatsregierung erstmals ein Biodiversitätsprogramm beschloss, hat sich die Lage noch deutlich verschärft. Heute sind mehr als 50 Prozent der Lebensraumtypen und deutlich mehr als 40 Prozent der Arten stärker gefährdet als 2009, so Günther. Das neue Programm hat das Ziel, den Rückgang der Artenvielfalt und den Verlust von Lebensräumen zu stoppen. Letzterer gilt als die Hauptursache des Artensterbens. Bis 2030 soll eine Trendwende erreicht werden. Die Besonderheit des Programms liegt darin, Partner, nicht Gegner auszumachen. Das Problem lasse sich "nur miteinander, nicht gegeneinander lösen", so Günther. Der Schutzgedanke müsse in alle Formen der Landnutzung integriert werden.

Schlüsselvorhaben sind: Schwerpunkt-Naturschutzstationen besser zu fördern. Durch Handeln auf landeseigenen Flächen vorhandene Biotope miteinander zu verbinden. Wo möglich regelrechte Wildnisgebiete zuzulassen und spezielle Hilfen für wild lebende Arten fortzuführen. Auch geht es darum, Natur in Städten zu fördern - Stichwort Dach- und Fassadenbegrünung.

Als Eigentümer von rund 247.000 Hektar Fläche, einem Anteil von rund 13 Prozent der Gesamtfläche Sachsens, komme dem Freistaat eine Vorbildfunktion zu, heißt es im Konzeptpapier des Programms. Ein Anspruch, den Naturschutzverbände, etwa der Nabu-Landesverband, zuvor explizit gefordert hatten. "Bislang muss man aus ökologischer Sicht hingegen von einem Sächsischen Flächenmissmanagement sprechen, das unbedingt einer Neuausrichtung bedarf." So hatte Nabu-Naturschutzreferent Philipp Steuer das vormalige Verhalten des Freistaats in der Nabu-Stellungnahme kritisiert. "Ganz wichtig ist uns, dass die Vorbildwirkung des Freistaats stärker betont und wahrgenommen wird", so der Naturschutzbund. Mitglieder des Nabu und ehrenamtliche Naturschützer hätten zuvor immer wieder feststellen müssen, dass "landeseigene Flächen 'totgepflegt'" wurden.

Im Rahmen der jetzt geforderten Vorbildfunktion des Freistaates sollen bereits bis Ende dieses Jahres zehn Prozent des wirtschaftlich genutzten Staatswaldes aus der wirtschaftlichen Nutzung herausgenommen werden. Langfristig soll der Anteil ungenutzter Wälder an der gesamten Waldfläche auf fünf Prozent steigen. 2030 will man die Trendumkehr zu einer positiven Entwicklung der Biodiversität nachweisen. Bis 2050 sollen alle derzeit noch gefährdeten und defizitären Schutzgüter günstige Erhaltungszustände aufweisen - so der Anspruch.

Das 50-seitige Programm "Sachsens Biologische Vielfalt 2030 - Einfach machen!" können Sie unter folgendem Link abrufen: www.freiepresse.de/vielfalt2030

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