Sachsen
Tradition mit Krone: Produkt-Hoheiten werben für ihre Heimat

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Von der Bratwurstkönig-Kür bis zur Nussknackerprinzessin: Wie sogenannte Hoheiten Tradition, Tourismus und Identität lebendig halten – und welche Hürden sie dabei meistern müssen.

Leipzig/Erfurt/Magdeburg.

Echte Könige und Königinnen gibt es in Sachsen und Thüringen schon lange nicht mehr oder gab es wie in Sachsen-Anhalt noch nie. Majestätisch regiert werden die Länder gewissermaßen trotzdem: Es herrscht eine fast unüberschaubare Anzahl Produktmajestäten für Lavendel, Rosen, Zwiebeln, Kartoffeln, Bratwurst, Pflaumenmus, Hopfen, Porzellan oder Bergbahnen. 

Sie sollen ihrer Region oder bestimmten Erzeugnisse ein Gesicht verleihen. Dabei sind diese sogenannten Hoheiten mehr als ein kulturelles Symbol. 

Sachsen

Mehr als 100 Jahre, nachdem Friedrich August III. am 13. November 1918 als letzter König von Sachsen abgedankt hat, regieren zahlreiche Hoheiten den Freistaat. Die Majestäten vermitteln positive Botschaften zur sächsischen Land- und Ernährungswirtschaft oder Forstwirtschaft. Auch für den Tourismus sind die Königinnen wichtige Botschafter.

Weinkönigin

Im vergangenen Jahr wurde erstmals seit 40 Jahren keine neue sächsische Weinkönigin gekrönt. Die Wahl fiel aus Mangel an Bewerberinnen aus. Es sei immer schwieriger, Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, die ein Ehrenamt ausführen wollen. Deshalb wurde im diesjährigen Verfahren das Amt bewusst für Männer geöffnet. Hintergrund sei die Entwicklung der Branche selbst, heißt es vom Weinbauverband Sachsen.

Es seien in Sachsen eine Vielzahl von Winzerinnen in allen Bereichen tätig – im Weinberg, im Keller und ebenso in Führungspositionen. Die klassische Rollenverteilung existiere in der Praxis längst nicht mehr. Es wird kein Unterschied gemacht, ob jemand Frau oder Mann ist – entscheidend ist die fachliche Kompetenz und das Engagement. Daher sei es nur folgerichtig, dass auch Männer das Anbaugebiet als Weinhoheit vertreten können.

Nussknackerkönigin

Jenny I. amtiert seit 2019 als Nussknackerkönigin im erzgebirgischen Neuhausen. Ihre Familie führt das Nussknackermuseum mit mehr als 4300 Exemplaren. "Seit 2005 gibt es eine Nussknackerkönigin. Aber als es zu viele Termine wurden, bekam sie eine Prinzessin an die Seite", erläutert Museumsleiter Uwe Löschner. Nun begleitet Nussknackerprinzessin Antonia Ihre Majestät.

Fester Bestandteil sind die beiden beim Neuhausener Nussknackerfest Ende Mai. Zudem halten sie am 23. August zum Königinnen-Treffen Hof, zu dem etwa zehn weitere Produkt-Majestäten erwartet werden.

Thüringen

Der letzte König des historischen Thüringer Reiches war Herminafried. Er regierte bis zu seiner Niederlage in der Schlacht an der Unstrut im Jahr 531. Nach seinem Tod 534 wurde das Reich zerschlagen und Thüringen fiel an das Frankenreich.

Die Vielfalt der heutigen Majestäten sei groß und sie spielten eine bedeutende Rolle für die Sichtbarkeit regionaler Besonderheiten, teilt die Thüringer Tourismus GmbH mit. Sie präsentierten unter anderem Kartoffeln, Klöße, Sole, Bratwurst, Wein, Rosen, Zwiebeln, Kräuter, Kirschen, Erdbeeren oder Heidelbeeren, aber auch Porzellan oder Knöpfe.

Bratwurstkönig

Seit 2018 präsentiert Norbert I. als kulinarischer Botschafter die Kultur rund um die Thüringer Bratwurst. An diesem Wochenende will er seinen Titel als Bratwurstkönig auf dem Suhler Marktplatz verteidigen. Zehn Teams wetteifern mit ihrer Grillkunst und der Präsentation der Wurst um die Gunst der Jury, in der auch die Justizministerin Beate Meißner sitzt. 

Der amtierende König tritt mit seinen Suhler Grillzwergen unter dem Motto "Nur die Wurst macht groß" an. Jedes Team bekommt zehn Würste und dann sind der Kreativität beim Grillen und der Präsentation keine Grenzen gesetzt, erläutert der Bratwurstkönig. "Wir haben auch schon mal das Schneewittchen mit Hilfe des Geruchs der Bratwurst zum Leben erweckt", erklärt der 66-Jährige. Zudem müssen zehn Fachfragen beantwortet werden.

Mit einem möglichst einfallsreichen Erscheinungsbild der Mannschaft, mit Fachwissen rund um die Bratwurst, mit einem originell entzündeten Holzkohlefeuer, der perfekten Grilltechnik und unterhaltsamer Präsentation der Würste muss die Jury überzeugt werden.

Norbert Abt ist seit acht Jahren Bratwurstkönig in Thüringen.
Norbert Abt ist seit acht Jahren Bratwurstkönig in Thüringen. Bild: Michael Reichel/dpa

Kloßmarie

Neben der Bratwurst ist der Thüringer Kloß das Nationalgericht im Freistaat. Diesen präsentiert die Kloßmarie. "Es ist eine Imagefigur. Mitarbeiter schlüpfen zu besonderen Anlässen in das entsprechende Kleid", erläutert Torsten Langbein, einer der Geschäftsführer der Ablig Feinfrost GmbH. Wichtig sei, dass die Marie die Besonderheit des Thüringer Kloßes und die Unterschiede zu anderen Klößen kennt. Zudem sollte sie wissen, wie diese hergestellt werden.

Die Kloßmarie ist eine Imagefigur der Firma Albig Feinfrost. (Archivbild)
Die Kloßmarie ist eine Imagefigur der Firma Albig Feinfrost. (Archivbild) Bild: Michael Reichel/dpa

Sachsen-Anhalt

Das Land Sachsen-Anhalt existierte als solches nur von 1947 bis 1952 und hatte nie einen König oder eine Königin. Im Zuge der Verwaltungsreformen in der DDR wurde das Land aufgelöst. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 entstand Sachsen-Anhalt wieder als eines der fünf neuen Bundesländer.

Von den jetzigen Produkthoheiten profitiere der regionale Tourismus ebenso wie die heimische Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft, heißt es vom Tourismusministerium Sachsen-Anhalt.

Brunnenkönigin und Brunnenprinzessin Bad Dürrenberg

Die Geschichte der Stadt Bad Dürrenberg ist eng mit der Salzgewinnung verbunden. 1763 stießen Bergleute in 223 Meter Tiefe auf eine Soleschicht. Das Bad Dürrenberger Brunnenfest ist mittlerweile immaterielles Kulturerbe. Das Fest diene der Erhaltung und Weitergabe von Tradition und Geschichte an nachfolgende Generationen, hatte die Unesco erklärt. 

Derzeit regiert Laetitia I. als Brunnenkönigin. Ihre Nachfolgerin steht mit der jetzigen Prinzessin Emma I. bereits fest. Aber auch hier wird es schwieriger, Nachwuchs für die Hoheiten zu bekommen. "Es liegt wohl daran, dass sich die jungen Leute nicht mehr so sehr für die Geschichte interessieren", sagt die Vorsitzende des Heimatbundes Sina Mähnert.

Weinkönigin Saale-Unstrut

Paula Löber ist die amtierende Gebietsweinkönigin von Saale-Unstrut. Die 28-Jährige repräsentiert das nördlichste Qualitätsweinanbaugebiet Deutschlands. Zudem gibt es 13 weitere Weinhoheiten, die die jeweiligen Ortschaften vertreten. "Die Weinkönigin hat etwa 200 Termine im Jahr. Da ist schon ein besonderes Engagement gefragt", sagt Yannik Einhellinger vom Weinbauverband Saale-Unstrut.

Jedes Jahr gibt es ein aufwendiges Auswahlverfahren. Die Bewerberinnen absolvieren etwa zehn Schulungen zum Wein, zur Rhetorik und zu Social Media. Zur eigentlichen Wahl präsentieren sie sich mit einem zehnminütigem Video, müssen drei Fachfragen, darunter eine auf Englisch beantworten und einen Kurzvortrag zu einem vorher nicht bekannten Thema halten. In diesem Jahr wird die neue Weinkönigin am 4. August gewählt. Erstmals waren auch Männer zugelassen. Nach Verbandsangaben gab es jedoch keine männlichen Bewerber.

Bis zu 200 Terminen hat die Weinkönigin Saale/Unstrut. (Archivbild)
Bis zu 200 Terminen hat die Weinkönigin Saale/Unstrut. (Archivbild) Bild: Peter Gercke/dpa

(dpa)

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