"Wir haben beim Klimaschutz Torschlusspanik"

Fritz Vahrenholt, früher Windkraftpionier und RWE-Manager, kritisiert jetzt die deutsche Energiepolitik - Der Chemiker zweifelt an den Warnungen der Klimaforscher

Chemnitz.

Derzeit bemühen sich Tausende Wissenschaftler, Lobbygruppen und Politiker in Paris um ein Abkommen bei der UN-Klimakonferenz. Stephan Lorenz sprach darüber und über die deutsche Energiewende mit dem "Klimaskeptiker" Fritz Vahrenholt.

Freie Presse: Was erwarten Sie von der Klimakonferenz?

Fritz Vahrenholt: Man wird sich auf ein Ergebnis einigen. Ob das aber im Sinne einer wirklich nachhaltigen Entwicklung sein wird, bezweifle ich. Deutschland wird wieder mit erheblichen Vorleistungen vorangehen, die unsere wirtschaftliche Position im Wettbewerb weiter nachhaltig schwächen. Ich fürchte, es wird ein deutscher Alleingang.

Sie zählen zu den sogenannten Klimaskeptikern, die Zweifel an der menschengemachten Erderwärmung hegen, oder?

Ich bestreite nicht, dass der Ausstoß von CO2 einen Effekt auf das Klima hat. Niemand tut das ernsthaft. Auch die Erderwärmung gibt es definitiv. Aber es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, welchen Anteil das CO2 im Vergleich mit natürlichen Effekten wie Sonnenzyklus oder ozeanischen Klimaschwankungen wirklich hat. Ist es dann gerechtfertigt, dass die Politik jetzt so dramatisch versucht, das Steuer herumzureißen? Ich meine nein. Seit 15 Jahren ist die globale Mitteltemperatur nicht in dem Maße angestiegen, wie es die Klimaforscher prophezeit haben. Warum sollten sie für den Zeitraum von 100 Jahren recht behalten, wenn sie sich schon für den kurzen Zeitraum geirrt haben?

Die große Mehrheit der Forscher hat aber widerlegt, dass die Sonnenzyklen den von Ihnen unterstellten Einfluss haben. Sie weisen auf die langfristige Entwicklung hin, die ungebrochen sei.

Die wissenschaftliche Diskussion dazu ist noch voll im Gange. Vor 1000 Jahren war es auf der Erde schon einmal genauso warm - ohne den Einfluss des Menschen. Natürlich hat das CO2 Einfluss auf unser Klima, aber wir werden eher am unteren Ende der prognostizierten Erderwärmung ankommen. Die wird bei etwa 1, 5 Grad plus liegen. Im Übrigen tut man immer so, als ob der Weltklimarat ein rein wissenschaftliches Gremium sei. Der wichtige Abschlussbericht ist aber ein politisch beeinflusstes Dokument.

Die Forscher sagen selbst, dass vieles noch unsicher ist bei den Modellen zur Klimaentwicklung. Ihnen geht es darum, jetzt die Risiken zu minimieren.

Die Klimamodelle ergeben eine Spanne von 1,5 bis 4,5 Grad Erderwärmung. Stimmung aber wird mit den hohen Plusgraden gemacht. In zehn Jahren wissen wir es vielleicht besser und sagen: Es werden nur 1,5 Grad. Bis dahin sind schon Hunderte Milliarden zu früh und an der falschen Stelle ausgeben worden.

Eine These von Ihnen lautet: Die Sonne schenkt uns Zeit. Die sei gerade in einer kälteren Phase, die noch bis 2040 anhält. Ist dieser Gedanke nicht fahrlässig?

Wenn man zu dem gesicherten Ergebnis kommt, dass die Sonne keinen Einfluss auf das Klima hat, was ich bezweifele, dann können wir doch jederzeit handeln. Die CO2-Emissionen in China werden noch bis 2035 zunehmen, da können wir in Deutschland global gesehen machen, was wir wollen. Deutschland allein entscheidet nicht das Weltklima. Wir müssen das CO2-Problem bis Ende des Jahrhunderts in den Griff bekommen haben. Bis dahin ist noch Zeit für technologische Neuerungen auf dem Gebiet der Vermeidung von Treibhausgasen. Die Hektik, die wir seit einigen Jahren an den Tag legen, ist für den Standort Deutschland zerstörerisch. Wir haben reine Torschlusspanik.

Das Geld sollte also für dringlichere Dinge ausgegeben werden?

Ja, zum Beispiel für Flüchtlingshilfe vor Ort, für die Hungerbekämpfung und die Gesundheitsvorsorge in der Welt. Ich sage nicht, dass man nichts tun muss, aber ich plädiere für Augenmaß. Wir handeln unvernünftig. Wir bauen Windräder, die wir abstellen müssen, wenn sehr viel Wind weht, weil wir den Strom gar nicht verwerten können. Braunkohle brauchen wir noch auf absehbare Zeit für windschwache Zeiten. Nur in 25 Prozent des Jahres können wir uns hier auf den Wind verlassen.

Ihre früheren Tätigkeiten bei deutschen Energiekonzernen bringen Ihnen auch stets den Vorwurf ein, Sie betrieben Lobbyarbeit für die Energiekonzerne. Jede Tonne weniger CO2-Ausstoß ist für die bares Geld?

Na ja, ich habe auch insgesamt vier Milliarden in erneuerbare Energien investiert, das sollte man nicht vergessen. Natürlich bin auch ich für Windkraft an geeigneten Standorten. Aber in Deutschland baut man angesichts einer vermeintlichen Alarmstimmung zu schnell und zu viel. Die Energiewende ist handwerklich schlecht gemacht und weist eine soziale Schieflage auf. Die Bürger bezahlen mit ihren Stromrechnungen die Windkraft-Investoren mit, die zweistellige Rendite erzielen. Wir müssen uns ein bisschen mehr Zeit nehmen, damit die Energiewende auch vernünftig gemacht werden kann.

Fritz Vahrenholt

Der promovierte Chemiker war Umweltsenator in Hamburg. 1998 wechselte er in die Industrie und war bis 2001 im Shell-Vorstand. 2001 wechselte er zu Repower (bis 2007). Von 2008 bis 2012 war er Vorstandschef der RWE-Tochter Innogy. Seit 2012 ist er Vorsitzender der Deutschen Wildtier-Stiftung.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    2
    fingerindiewunde
    10.12.2015

    Es dreht sich alles nur ums Geld. In Deutschland würde sich kein Aas um den Umweltschutz kümmern wenn damit nicht Milliarden zu verdienen wären. Siehe "Grüne Plakette" einzige Wirkung: Belebung des Absatzes von Neufahrzeugen und Umrüstsätzen.

    Mich würde sowieso mal die Energiebilanz eines Windrades interessieren, und zwar einschließlich Rohstoffförderung und -aufbereitung, Transport, Wartung usw. Die ist ganz bestimmt negativ!

  • 3
    1
    Tauchsieder
    10.12.2015

    Genau so ist es "berndischulzi". Was macht man eigentlich mit der Erde wenn sie sich nicht an diese Verträge hält, macht was sie will, wem macht dann einen Vorwurf ?

  • 6
    1
    berndischulzi
    10.12.2015

    Da wittern einige ganz einfach ein riesen Geschäft.



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