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Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine werden auch Atomanlagen getroffen. Nun spricht die IAEA von einem besorgniserregenden Vorfall in der Tschernobyl-Zone. Kiew fordert mehr Druck auf Moskau.
Russland hat mit einem Drohnenangriff nach ukrainischen Angaben ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente in der Zone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl getroffen. Das Gebäude für die Annahme von Behältern sei bei dem Angriff in der Nacht teilweise zerstört worden, teilte der Staatskonzern Energoatom mit. Es sei dort kein abgebrannter Kernbrennstoff gelagert worden. Die Strahlenwerte lägen innerhalb der festgelegten Grenzwerte, hieß es.
Ein Feuer habe sich auf einer Fläche von 40 Quadratmetern ausgebreitet; es sei gelöscht worden, teilte das Unternehmen weiter mit. In dem zentralen Lager in der Sperrzone um das vor 40 Jahren havarierte AKW Tschernobyl werden abgebrannte Brennelemente aus anderen ukrainischen Kernkraftwerken langfristig gelagert.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, dass sie von ukrainischer Seite über die "erheblichen Schäden" an dem Gebäude informiert worden sei. Betroffen sind demnach die Fassade, die Fenster und Türen. Auch benachbarte Gebäude seien durch die Druckwelle in Mitleidenschaft gezogen. Ein IAEA-Team werde die Anlage in Kürze besuchen, um die Auswirkungen zu begutachten, teilte die Behörde mit.
IAEA-Chef Grossi: Vorfall äußerst besorgniserregend
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärte bei X, der Vorfall sei äußerst besorgniserregend, da er sich in einer Liegenschaft ereignet habe, wo große Mengen an Kernmaterial gelagert seien - nur wenige Meter vom angegriffenen Gebäude entfernt. Angriffe auf kerntechnische Anlagen seien völlig inakzeptabel und verstießen direkt gegen zentrale Grundsätze der nuklearen Sicherheit während eines militärischen Konflikts, sagte er.
Im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, der seit mehr als vier Jahren andauert, kam es bereits mehrfach zu Zwischenfällen auch an Kernkraftwerken. Besonders betroffen von den Kämpfen ist das von Russland besetzte AKW Saporischschja im Süden. Russland wirft der Ukraine immer wieder vor, das Kraftwerk anzugreifen. Kiew fordert von Moskau die Rückgabe dieses größten europäischen Kernkraftwerks.
Auch in der Tschernobyl-Sperrzone kommt es immer wieder zu Angriffen. Am 26. April 1986 war in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine ein Test im AKW Tschernobyl außer Kontrolle geraten, und es trat der größte anzunehmende Unfall (GAU) ein. Radioaktive Wolken breiteten sich abgeschwächt bis nach Nord- und Westeuropa aus.
Präsident Selenskyj wirft Moskau einen gezielten Angriff vor
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, das Lager in der Tschernobyl-Zone gezielt angegriffen zu haben. Es handle sich um einen "außerordentlich hinterhältigen russischen Angriff", teilte er bei Telegram mit. Die zuständigen Ministerien und Dienste informierten nun die Partner Kiews darüber, teilte er bei Telegram mit.
Der Vorfall dürfte auch eine Rolle spielen bei einem neuen Ukraine-Treffen in London. In der britischen Hauptstadt kommen heute Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer mit Selenskyj zusammen.
"Russland hat absichtlich genau diese Anlage der nuklearen Infrastruktur getroffen", sagte Selenskyj. Es gebe zwar keine Überschreitung der Grenzwerte für die Strahlung, aber "eine Überschreitung der ohnehin schon himmelhohen russischen Unverschämtheit".
Ukraine fordert mehr Druck auf Russland
Selenskyj forderte einmal die Weltgemeinschaft zum Durchgreifen gegen Russland auf. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha beklagte, dass Russland nicht das erste Mal eine nukleare Anlage einer Gefahr ausgesetzt habe. "Russlands nukleare Erpressung und Gefährdung der nuklearen Sicherheit sind systematisch, absichtlich und inakzeptabel", teilte Sybiha bei X mit. Die ganze Welt müsse dieses Vorgehen verurteilen und den Druck auf den Aggressor erhöhen, verlangte er.
Russland nahm erneut auch andere Teil der Ukraine unter Beschuss. "In dieser Nacht gab es russische Angriffe auch auf andere zivile Objekte in 13 unserer Regionen", sagte Präsident Selenskyj. Im Laufe der Woche habe Russland 88 Raketen und Marschflugkörper, über 3.250 Kampfdrohnen und etwa 1.800 Gleitbomben gegen die Ukraine eingesetzt.
Die Behörden in der umkämpften südukrainischen Region Saporischschja meldeten am Vormittag, dass eine russische Gleitbombe drei Menschen in einem Dorf getötet habe. Sie hatten sich an einer Bushaltestelle aufgehalten. (dpa)





