Hennecke - der Normbrecher

Oelsnitz/Berlin. Warum hat sie das Buch geschrieben? Hannelore Graff-Hennecke ist jetzt so alt wie ihr Vater, als er 1975 starb. Die 70-Jährige mag den Wunsch gehabt haben, an ihren Vater zu erinnern, dessen Name in Schulen heute kaum noch Erwähnung findet. Ihn noch einmal ins rechte Licht zu rücken.

Oelsnitz/Berlin. Warum hat sie das Buch geschrieben? Hannelore Graff-Hennecke ist jetzt so alt wie ihr Vater, als er 1975 starb. Die 70-Jährige mag den Wunsch gehabt haben, an ihren Vater zu erinnern, dessen Name in Schulen heute kaum noch Erwähnung findet. Ihn noch einmal ins rechte Licht zu rücken. Das ihrer Meinung nach verzerrte Bild, das Journalisten, Historiker und andere Zeitgenossen gezeichnet haben, zu korrigieren. Und: Hennecke noch einmal Held sein lassen.

Der Bergmann fuhr am 13. Oktober 1948 eine Stunde früher als gewohnt in den Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers ein. Er förderte an diesem Tag 24,4 Kubikmeter Kohle. Die Abbaustelle hatte er sich tags zuvor ausgesucht. Es unterstützten ihn unter anderem zwei Lehrlinge, die die vom Förderband fallende Kohle wieder darauf warfen. Unterm Strich erfüllte Hennecke die Arbeitsnorm mit 387 Prozent. Eine "bahnbrechende" Leistung wie die Tochter noch heute schreibt. Ihr Vater habe ein Zeichen gesetzt. Eine Botschaft vermittelt. Welche - das liegt für Rainer Gries auf der Hand. Er ist Professor für Geschichte an der Universität Jena und für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Er hat Helden und ihre Rolle in modernen Gesellschaften untersucht und stellt nüchtern fest, dass Menschen ohne Helden nicht auskommen. "Helden gab und gibt es zu jeder Zeit, sie sind eine anthropologische Konstante." Der Mensch brauche Helden, um seine Kleinheit, Begrenztheit und alle Defizite zu kompensieren. Gries: "Dort, wo der Mensch schwach ist, ist der Held stark. Der Sterblichkeit und Endlichkeit des Menschen steht der Held mit seinem unsterblichen Ruhm entgegen."

Gesellschaften nutzen seit jeher dieses naturgegebene Bedürfnis nach Helden. Mit einem Ziel: ihre spezifischen Werte zu personifizieren. "So wie Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit seiner Statur und Zigarre den Wohlstand verkörperte, so vermittelte Adolf Hennecke die Botschaft: Der Sozialismus kommt. Aber bevor er richtig da ist und es uns gut geht, müssen wir richtig ranklotzen." Etwas später sprach es Frieda Hockauf, Textilarbeiterin im größten Webereibetrieb der DDR, aus. "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben."

Hennecke musste es mit seiner Botschaft schwer haben, bei den Menschen anzukommen. "Er war ein typischer Arbeitsheld. Im Gegensatz etwa zu Täve Schur, dem Sporthelden oder den Helden der Moderne", kategorisiert Gries. "Täve" habe - wie im Westen die Fußballweltmeisterelf von 1954 - die Botschaft vermittelt: Wir sind wieder stark. Wir können wieder siegen. Zu den Helden der Moderne zählt Gries die Kosmonauten Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa und auch Sigmund Jähn. "Sie repräsentierten mit ihrer Person die kommunistische Zukunft: So wie der Kommunismus heute den Weltraum beherrscht, wird er morgen die Erde beherrschen."

Bleibt die Frage, wie bewusst künftige Helden ausgewählt und wie später deren Status in Zement gegossen wurde. Zufälle spielen eine Rolle, gerade im Falle von Adolf Hennecke. Es war zunächst ein anderer Bergmann für die Sonderschicht vorgesehen. Der lehnte ab. Auch Hennecke zögerte, sagte aber zu, wohl auch, weil er sich die Reaktionen nicht vorstellen konnte. Schon kurz nach der Schicht schlug Hennecke einerseits abgrundtiefer Hass anderer Kumpel entgegen; er erhielt Morddrohungen. Die Scheiben seines Hauses wurden eingeschlagen. Andererseits gab es höchste Anerkennung durch die Partei- und Staatsführung. Fotos wurden geschossen: Hennecke mit nacktem Oberkörper und dem Hammer als phallischem Accessoire. Fähigkeit des Proletariers. "Das Bild zeigt die sublime Erotik der Arbeit", sagt Gries. Es wurde gleichsam zum Abziehbild der sozialistischen Idee. Die Propagandamaschine, noch in den Händen sowjetischer Militärs, lief an. Gries: "Sie bot dem Volk Hennecke als Helden an." Mit Schlagzeilen wie: "Wir brauchen viele Henneckes" reagierten die Zeitungen.

Für Historiker Gries ist jedoch klar, dass ein Held "nie nur von oben gemacht werden kann". Das Volk muss Helden annehmen. Hennecke brachte dafür gute Voraussetzungen mit. Typus: hagerer Arbeiter. Gekleidet in schlichten Anzügen. Leises Lächeln. Sympathisch.

Vor allem Bergarbeiter aus der Region nutzten Henneckes Popularität. Die Menschen wandten sich mit verschiedenen Wünschen an ihn. Wünschen nach besserer Versorgung. Wünschen nach mehr Geld. Hennecke reagierte. Unter anderem mit einer Kritik an den Zuständen im Steinkohlebergbau, die er an den Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB adressierte. Der Bergmann, dem ein Aktivistenbüro eingerichtet und dem ein Auto zur Verfügung gestellt worden war, tat sein Möglichstes, die Erwartungen zu erfüllen. Die Erwartungen von oben, von der Parteispitze, und von unten, vom Volk. Gries: "So ist Hennecke zum Medium geworden, das von beiden Seiten genutzt wurde."

Doch schon in Henneckes Sonderschicht, bei der er eben nicht unter regulären Bedingungen arbeitete, lag ein Moment des Betruges. Bereits hier keimte das Korn jener Selbsttäuschung, die bis zum Ende der DDR groteske Ausmaße annahm. "Aus dem ,Einholen und Überholen', wie es in der Hennecke-Ära hieß, wurde bald das ,Überholen ohne Einzuholen'", analysiert Gries.

Schon im Sommer 1953 lehnten sich zumindest Teile der Bevölkerung gegen den ständig steigenden Normendruck auf. Für den 30. Juni 1953 war die Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent in allen volkseigenen Betrieben angeordnet worden. Das Zentralkomitee der SED wollte - wie mit der zuvor angeschobenen Aktivistenbewegung - den wirtschaftlichen Schwierigkeiten begegnen. Natürlich ging niemand gegen Adolf Hennecke auf die Straße. Die Arbeiter - etwa im Chemiedreieck Leuna, Buna, Bitterfeld - protestierten aber gegen die auch von ihm propagierte Idee, Verzicht zu üben für den Sozialismus. Ob Adolf Hennecke selbst zum 17. Juni etwas sagte - darauf geht das Buch der Tochter nicht ein.

Drängt sich die Frage auf, ob dieser Mann, bei aller Vereinnahmung, Herr seiner selbst bleiben konnte? "Ohne Opportunismus ging nichts", meint Gries. Einerseits musste Hennecke sich den Interessen der Partei beugen, die etwa über seine berufliche Zukunft nach der Sonderschicht entschied, ohne ihn einzubeziehen. Im Buch heißt es zudem, er "akzeptierte bei seinem gesamten Wirken zur Propagierung der Aktivistenbewegung stets eines: die Meinung seiner Genossen und den politischen und organisatorischen Gestaltungswillen der Partei". "Niemals" habe er je die Parteidisziplin verletzt.

Andererseits forderte seine Rolle auch Opportunismus gegenüber dem Volke: Glaubwürdigkeit sollte er vermitteln, einer von ihnen sein, obwohl er es nicht mehr war. Eine Spannung, der mehr oder weniger alle sozialistischen Helden ausgesetzt waren. Manche zerbrachen an der inneren Zerrissenheit.

 

Termin

Am Donnerstag findet eine Buchlesung mit Hannelore Graff-Hennecke ab 18 Uhr im Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge statt, Pflockenstraße 28.

 

Buchtipps

• Hannelore Graff-Hennecke/ Helma Nehrlich: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? Edition Ost Berlin, 223 Seiten, ISBN 978-3-360-01824-3, Preis 19,95 Euro

• Rainer Gries, Silke Satjukow: Sozialistische Helden. Ch. Links Verlag, Berlin, 312 Seiten, ISBN-13 9783861532712, Preis 19,90 Euro

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