Job & Karriere
Vollzeitjob mit Kind: Vier Strategien gegen Eltern-Burnout

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Zwischen Kita, Job und Alltag stoßen viele Eltern an Grenzen. Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ist schwierig - keine Frage. Aber es gibt Strategien, die im Alltag helfen.

München/Singen.

In fünf Minuten beginnt das Meeting, doch der Nachwuchs hat gerade einen mittelschweren Wutanfall in der Kita-Garderobe. Situationen wie diese bringen Eltern ins Schwitzen. Ob Krankheit, Ferien, Schulausfall – gerade vollzeitbeschäftigte Eltern stehen ständig vor der Frage: Wie bringt man Job und Familie unter einen Hut? Wissenschaftlerin Prof. Dr. Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut und Coachin Katrin Fuchs erklären, worauf es ankommt.

Liebe Eltern, Ihr könnt nichts dafür

Um eines vorwegzunehmen: Vieles haben Eltern nicht in der Hand. Die allgemeingültige Zauberformel für ein entspanntes Nebeneinander von Vollzeitjob und Familie gibt es nicht. Auch ist es keine Frage des Wollens oder des Bemühens. Mangelnde Vereinbarkeit ist ein systemisches Problem. 

Wenn wir über Arbeitszeiten sprechen, ist Care-Arbeit oft nicht ausreichend mitgedacht. Rund zwölf bis 13 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, so Christina Boll. Die Gründe reichen von betrieblichen Hemmnissen bis hin zu fehlenden Betreuungsplätzen für Kinder und Angehörige. 

"Diese Herausforderung lässt sich nicht wegcoachen", gibt Katrin Fuchs zu bedenken. Wie gut oder schlecht die Ausgangsbedingungen für Familien sind, das hängt auch stark vom Wohnort und Lebensentwurf ab: Wie lebe ich? Wo lebe ich? Gibt es verlässliche Betreuungseinrichtungen? Wie hoch sind die Kosten dafür? Wie steht es um die Infrastruktur? 

Eltern sollten mangelnde Vereinbarkeit von Job und Familie deshalb nicht als persönliches Versagen sehen. Aber egal wo sie stehen: Auch mit kleinen Maßnahmen können sie ein bisschen Erleichterung schaffen. Zum Beispiel so.

Strategie 1: Ein Netzwerk für den Notfall aufbauen

Es gibt zum Beispiel etwas, was Familien gezielt aufbauen können, das fast immer hilft: ein Netzwerk. Denn: Was Familien vor allem brauchen, ist Verlässlichkeit. "Sonderfälle wie Schulferien oder Erkrankungen der Kinder kann ich nur abdecken, wenn ich auf verlässliche Personen in meinem Umfeld zurückgreifen kann", sagt Katrin Fuchs. 

Dabei seien nicht nur Verwandte gefragt, sondern auch Nachbarn, Freunde oder andere Eltern. "Das ist in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich", so die Coachin. "Aber wenn ich alles unter einen Hut bekommen will, brauche ich ein Netz, das mich auffängt, wenn es eng wird."

Das Gute: Viele Familien leben heutzutage nicht mehr in der Nähe von Verwandten. Viele Eltern sind deshalb an einer gegenseitigen Unterstützung interessiert. Sie ist für alle Seiten eine Bereicherung.

Strategie 2: Flexibel arbeiten - aber bitte nicht immer nur Mama

Kinderbetreuung lässt sich besser organisieren, wenn man im Job flexibel ist. "Grundsätzlich können Menschen, die die Möglichkeit haben, autonomer zu arbeiten, eher in Vollzeitarbeit bleiben", sagt Wissenschaftlerin Christina Boll. Wer seine Arbeitszeit individuell gestalten kann oder einen Teil der Arbeit im Homeoffice erledigt, hat im Hinblick auf Vereinbarkeit deutliche Vorteile. 

Wenn es irgendwie geht, sollten Eltern allerdings nicht ausschließlich aus dem Homeoffice arbeiten. Wissenschaftlerin Christina Boll warnt davor, im Homeoffice an Sichtbarkeit zu verlieren. Wer etwa in einem Unternehmen mit starker Präsenzkultur tätig ist, "schießt sich mit Homeoffice karrieremäßig schnell ins Aus". 

Und noch ein Risiko sollten Eltern auf dem Schirm haben: "Arbeitet nur die Frau zu Hause, gerät man schnell in die traditionelle Aufgabenteilung", warnt Boll. Ganz nach dem Motto: "Du bist ja eh zu Hause, dann kannst du dich auch darum kümmern." Um zu verstehen, was im Homeoffice nebenbei geht und was eben nicht, sei es deshalb wichtig, dass auch die Väter im Homeoffice arbeiten, so die Wissenschaftlerin. 

Strategie 3: Aufteilung im Alltag - so klappt es besser

Familienberaterin Katrin Fuchs beobachtet häufig, dass Paare ohne Kinder sehr gleichberechtigt leben. "Mit dem Moment der Geburt schlittern sie jedoch oft in eine Spur, die die Gesellschaft uns vorgebahnt hat." 

Häufig investierten frischgebackene Eltern zwar viel Zeit und Geld in die Frage, welcher Kinderwagen der Richtige sei, sprächen aber kaum darüber, wie ihre Visionen von Familie und Partnerschaft aussehen. "Irgendwann stellen Eltern dann fest, dass von der einstigen Gleichberechtigung nicht mehr viel übriggeblieben ist", so Fuchs. Für viele Paare eine Sackgasse.

Helfen kann hier nur Kommunikation und das Sichtbarmachen der täglichen Aufgaben. Zum Beispiel mit Hilfe einer Mental-Load-Liste, wie etwa der des Bundesverbands Equal Care (equalcareday.org). Hier werden sämtliche Aufgaben aus den Bereichen Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen aufgelistet und zwischen dem Daran-Denken und dem Ausführen unterschieden. Viele der Aufgaben würden oft übersehen. "Das Paar muss darauf hinarbeiten, sie sich fair aufzuteilen", rät Fuchs.

Strategie 4: Überlastung erkennen und gegensteuern

Viele Familien operieren am Rande des Machbaren, fühlen sich oft überlastet. Das beste Mittel dagegen: Verlässliche Strukturen schaffen. Etwa, indem man sich die Arbeitstage klar aufteilt. "Weiß ich, ich kann montags und dienstags auf jeden Fall arbeiten, weil mein Partner zuständig ist, wenn die Kita anruft, hilft das enorm", sagt Katrin Fuchs. 

Treffe man derartige Aufteilungen nicht, sei es zu etwa 80 Prozent die Mutter, die zu Hause bleibt, wenn das Kind plötzlich krank wird. "Vereinbarkeit ist immer ein Geben und Nehmen", sagt Katrin Fuchs. Ansonsten kann das Jonglieren von Job und Care-Arbeit schnell zur ernsthaften Belastung werden. 

Im schlimmsten Fall droht dann der "Parental Burnout", zu Deutsch "Eltern-Burnout". Symptome können Schlafstörungen, Migräneanfälle, Rücken- und Schulterschmerzen sowie Erschöpfung sein. 

"Viele Eltern berichten, dass sich ihr Wesen verändert hat, sie weniger lebensfroh sind und sich selbst nicht wiedererkennen", sagt Fuchs. Spätestens dann sollten Eltern dringend gegensteuern. Am besten mit einer Bestandsaufnahme: Wie können wir uns gegenseitig entlasten? Was könnte uns helfen? Schon eine kleine Veränderung kann manchmal Großes bewirken. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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