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Vogelgesang macht mutig und froh

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Studie von Berliner Bildungsforschern zeigt: Regelmäßig dem Gezwitscher der gefiederten Geschöpfe zu lauschen, vertreibt negative Gedanken.

Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche." So sagte es einst Shakespeares Julia, aus Angst, dass Romeo sie vorzeitig verlassen würde. Vielleicht hätte sie sich einfach nur zurücklehnen und dem Gezwitscher lauschen sollen. Denn laut einer aktuellen Studie hilft das gegen Ängste und sogar gegen Paranoia.

Ein Forscherteam um Emil Stobbe vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ließ knapp 300 gesunde Probanden sechs Minuten entweder Vogelgesang oder aber Verkehrslärm hören, wobei dabei auch noch nach Vielfalt differenziert wurde, ob also nur wenige oder mehrere Autos und Vögel erklangen. Vorher und danach wurde per Fragebogen erfasst, inwieweit die Studienteilnehmer zu Depressionen, Ängsten und Paranoia tendierten. Es zeigte sich: Beim Verkehrslärm gingen die Depressionswerte deutlich nach oben, und zwar umso mehr, je vielfältiger die Geräusche waren. Beim vielfältigen Vogelgezwitscher war es hingegen umgekehrt: der Depressions-Score ging nach unten. Die weniger vielfältigen Vogelstimmen erzeugten allerdings kaum einen Effekt. Wer sich also vor Depressionen schützen will, sollte besser in den Wald gehen, statt sich einen Singvogel für zu Hause anzuschaffen.

Im Hinblick auf Ängste und Paranoia reicht jedoch auch Letzteres. Denn hier sorgen Vogelstimmen für eine deutliche Dämpfung, unabhängig von ihrer Vielfalt. Wobei Stobbe betont, dass seine Studie diesen Effekt nicht für bereits psychisch kranke, sondern nur gesunde Menschen bestätigen konnte. Doch jeder trage ja bestimmte psychische Dispositionen in sich, so der Psychologe und Neurowissenschaftler. "Auch Gesunde können Angstgedanken und zeitweise paranoide Wahrnehmungen haben."

Vogelgesang könnte also zur Prävention von Ängsten und Depressionen eingesetzt werden. Und die Patienten müssen dabei nicht einmal - was ihnen ja oft schwerfällt - das Haus verlassen, denn offenbar reicht es, wenn sie dem Gezwitscher von einem Tonträger lauschen, beispielsweise mit Kopfhörer vom Smartphone. Als Ursache für seinen angstlösenden Effekt vermuten die Forscher, dass wir den Vogelgesang unterschwellig mit einer intakten natürlichen Umgebung in Verbindung bringen. Sie gilt gemäß der Stressbewältigungstheorie schon länger als probates Mittel, um Erregungszustände und negative Gedanken abzubauen. Nach dem Muster: Wenn wir gestresst sind, hilft es uns, wenn wir in einer Natur eingebettet sind, die genau das Gegenteil vermittelt: nämlich Ruhe.

Klüger allerdings wird man dadurch nicht. Die Forscher untersuchten auch, ob sich die kognitiven Fähigkeiten ihrer Probanden durch die sechsminütigen Zwitschersessions verbesserten. Da blieb alles wie vorher. Nichtsdestoweniger könnte Vogelgesang im Vorfeld einer Prüfung durchaus hilfreich sein. Denn in einer solchen Lage scheitern die meisten nicht an ihren Wissenslücken, sondern an ihrer Prüfungsangst.