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Jesse Marsch ist seit gut zwei Jahren Nationaltrainer von Kanada - und hat dem Team des Co-Gastgebers typisch amerikanische Eigenschaften eingepflanzt. Wie das bei der WM helfen soll.
Die WM-Welle der Begeisterung soll von Kanadas Ost- an die Westküste schwappen und das Team von Trainer Jesse Marsch im Duell mit Außenseiter Katar zum ersten Endrundensieg der Historie tragen. Nach dem stimmungsvollen WM-Start in Toronto beim 1:1 gegen Bosnien-Herzegowina setzt Marsch auch im zweiten Gruppenspiel am Freitag (0.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Vancouver auf die lautstarke Unterstützung der Fans.
"Ich weiß, dass Vancouver eine Fußball-Stadt ist. Ich erwarte ein volles Stadion in roten Trikots. Wir brauchen die Zuschauer, um das Team zu pushen", appellierte Marsch und versprach: "Ich konzentriere mich ganz darauf sicherzustellen, dass wir ein Team auf dem Platz haben werden, das sein Bestes gibt und auf das die Menschen stolz sein können."
Trainer setzt auf amerikanische Tugenden
Der 52 Jahre alte US-Amerikaner ist seit Mai 2024 für die Auswahl des Co-Gastgebers verantwortlich - und hat dem Team seither Eigenschaften aus seiner Heimat eingepflanzt. "In dem, was ich tue, steckt definitiv eine gewisse amerikanische Arroganz und dieses Selbstbewusstsein", sagte Marsch kurz vor Turnierbeginn in einem Interview des TV-Senders CBC über sich selbst.
In der kanadischen Gesellschaft würden Freundlichkeit, Großzügigkeit und Aufrichtigkeit geschätzt. Und auch große Bescheidenheit. "Aber Bescheidenheit und Freundlichkeit machen noch lange keine Champions", sagte der frühere Bundesliga-Coach von RB Leipzig.
Die Mannschaft habe daher jemanden wie ihn gebraucht: "Jemanden, der etwas forscher ist, etwas selbstbewusster und der an das glaubt, was wir tun – das gibt uns bessere Chancen, als Sieger hervorzugehen." Typisch amerikanisch eben.
Kanada hofft auf ersten WM-Sieg
Die Arbeit der vergangenen zwei Jahre soll nun bei der XXL-Endrunde Früchte tragen und die Kanadier bei ihrer dritten WM-Teilnahme erstmals in die K.-o.-Phase bringen. Seine Schützlinge haben Marschs Mindset längst verinnerlicht. "Wir hatten so einen Fragebogen zur Identität. Eine der Fragen, die ich ihnen gestellt habe, lautete: „Wie sollte es sich anfühlen, gegen uns zu spielen?“ Und die Antwort darauf war: „Die Hölle.“", berichtete Marsch.
Das soll auch der WM-Gastgeber von 2022 zu spüren bekommen. Doch Vorsicht ist geboten: Zum Auftakt holte Katar beim 1:1 gegen Gruppenfavorit Schweiz überraschend einen Punkt. Marsch fordert von seinem Team daher: "Wir müssen von Beginn an Selbstvertrauen entwickeln."
Im Duell mit Bosnien-Herzegowina hatten die Kanadier erst nach der Pause ihr Potenzial ausgeschöpft. "Eine WM ist noch einmal etwas anderes. Dieses Mal müssen wir besser vorbereitet sein, um unsere Stärken gleich auf den Platz zu bringen", sagte Marsch.
WM als Chance für den Fußball
Der Coach, der außer bei seinem glücklosen und bereits nach nicht einmal sechs Monaten beendeten Engagement 2021 in Leipzig auch bei den New York Red Bulls (2015-2018), Red Bull Salzburg (2019-2021) und Leeds United (2022-2023) Erfahrungen als Cheftrainer sammelte, hat seinen Vertrag als Nationaltrainer gerade um vier Jahre verlängert. Denn Marsch will Kanadas Fußball über die WM hinaus salonfähig machen.
Je mehr Euphorie die Auswahl mit ihren WM-Auftritten im Land entfacht, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Turnier nachhaltig wirkt. Deshalb erteilte Marsch seinen Schützlingen einen klaren Auftrag: "Wir dürfen nicht methodisch und passiv spielen. Das wird das Land nicht begeistern und den Sport nicht verändern. Ich glaube, wir brauchen etwas, das unterhaltsam und spannend anzusehen ist."
Rüffel für US-Präsidenten
Er selbst brennt für diese Aufgabe - und das Land, in dem er arbeitet. So scheute sich Marsch auch nicht, US-Präsident Donald Trump für dessen Vorschlag einer Eingliederung Kanadas in die USA öffentlich zu rüffeln. "Hör auf mit dieser lächerlichen Rhetorik, dass Kanada der 51. Bundesstaat sei", sagte Marsch in Richtung von Trump.
Er sei sehr enttäuscht gewesen und halte Trumps Aussage für "total dumm", erzählte Marsch kurz vor WM-Beginn und bekräftigte: "Als Amerikaner, der für eine kanadische Nationalmannschaft arbeitet, fühle ich mich verpflichtet, meine Meinung zu sagen und ein Land zu verteidigen, das ich in jeder Hinsicht für fantastisch halte." (dpa)





