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Einst stürmt Sergej Barbarez erfolgreich in der Bundesliga. Jetzt schickt er sich gleich auf der ersten Trainerstation an, WM-Geschichte für sein Heimatland zu schreiben.
In seiner Heimat ist Sergej Barbarez längst ein Volksheld. Die zweite WM-Qualifikation mit Bosnien-Herzegowina nach 2014 zementierte den Legendenstatus, den sich der Nationaltrainer der kleinen Balkan-Nation schon in seiner erfolgreichen Karriere als Bundesligaprofi erworben hatte.
Nun will der 54-Jährige beim XXL-Turnier mit seiner Mannschaft erneut Fußball-Geschichte schreiben. Denn anders als bei der WM-Premiere vor zwölf Jahren soll dieses Mal nicht schon in der Vorrunde Schluss sein.
Das Duell mit der Schweiz am Donnerstag (21.00 Uhr/MagentaTV) ist nach dem 1:1 zum Auftakt gegen Co-Gastgeber Kanada fast schon ein Schlüsselspiel im Kampf um den erstmaligen Einzug in eine WM-K.-o.-Runde. "Wir wissen zwar, wie viele Punkte für ein Weiterkommen nötig sein könnten, aber wir wollen noch keine Rechenspiele anstellen", sagte Barbarez zur Ausgangslage in der Gruppe B, in der alle Teams über einen Punkt verfügen.
Radikaler Umbruch nach Amtsbeginn
Dass Bosnien-Herzegowina überhaupt auf der großen Fußball-Bühne mitmischt, ist zum großen Teil das Verdienst von Barbarez. Als der frühere Torjäger die Auswahl seines Heimatlandes 2024 übernahm, hatte diese gerade die EM in Deutschland verpasst.
Barbarez, für den es die erste Trainerstation überhaupt ist, leitete einen radikalen Umbruch ein. Rund um Kapitän Edin Dzeko (40) baute er ein junges Team auf. "Viele der Jungs gehören zu einer Gruppe, die wir als dritte Generation bezeichnen. Die sind in Europa oder den USA aufgewachsen. Sie haben eine andere Mentalität, eine westliche. Aber ich spüre, wie viel Liebe und Stolz sie für Bosnien, das Land ihrer Familien, empfinden", sagte Barbarez jüngst in einem "11 Freunde"-Interview.
Barbarez setzt auf Talente
In intensiven Gesprächen überzeugte er die junge Garde von seiner Idee, den bosnischen Fußball salonfähig zu machen. Hoffnungsvolle Talente wie Tarik Muharemovic (23), Esmir Bajraktarevic (21) oder Karim Alajbegovic (18) - geboren in Slowenien, den USA und Deutschland - folgten seinem Ruf.
"Viele Spieler könnten für zwei Nationen auflaufen. Ich konnte ihnen zwar nicht vorschwärmen, wie es ist, an einer WM teilzunehmen. Aber ich hatte eine große Karriere, habe große Spiele gespielt", berichtete Barbarez.
Noch wichtiger bei der Überzeugungsarbeit war aber eine Charaktereigenschaft, die Barbarez selbst so beschreibt: "Ich bin immer ehrlich und mit den Menschen im Reinen." Das habe ihm geholfen, "als wir begannen, die Jungs davon zu überzeugen, für Bosnien zu spielen".
Für die meisten seiner Schützlinge ist der Coach so etwas wie eine Vaterfigur - und ein Idol ihrer Kindheit. "Es gibt ein Foto von mir als HSV-Spieler am Trainingsplatz, neben mir steht der kleine Ermedin Demirovic", erzählte Barbarez.
Krieg schiebt Profi-Karriere an
Er selbst war als 20-Jähriger beim Ausbruch des Bosnienkrieges im April 1992 gerade zu Besuch bei seinem Onkel in Hannover. Ein Zufall, der sein Leben nachhaltig beeinflusste und in völlig andere Bahnen lenkte. Sein Vater verbot ihm aus Sicherheitsgründen die Rückkehr in seine Heimatstadt Mostar, wo Barbarez seit 1989 als Profi spielte.
Beim damaligen Zweitligisten Hannover 96 erhielt er seinen ersten Vertrag in Deutschland. Es folgten Engagements beim 1. FC Union Berlin, Hansa Rostock, Borussia Dortmund, dem Hamburger SV und Bayer Leverkusen. In 330 Bundesligaspielen erzielte Barbarez 95 Tore.
Als er 2008 seine Karriere beendete, wollte ihn der bosnische Verband schon damals als Nationaltrainer verpflichten. Doch Barbarez lehnte wegen Differenzen mit der Führung ab. Nach einem rund 16-monatigen Gastspiel im HSV-Aufsichtsrat zog er sich 2010 komplett aus dem Fußball zurück und spielte lieber gelegentlich Poker.
Das Comeback vor zwei Jahren kam daher überraschend - zumal Barbarez über keinerlei Erfahrungen im Trainergeschäft verfügte. Doch schnell entpuppte er sich als Glücksgriff, dem die Herzen der Menschen und auch seiner Schützlinge zufliegen. "Für ihn geht man durchs Feuer. Wenn du eine solche Legende an der Seitenlinie siehst, bekommst du noch eine Extrapower auf dem Feld", sagte Demirovic einmal. Das soll auch gegen die Schweiz helfen. (dpa)





