Fußball
Teamgeist und klare WM-Rollen: Nagelsmanns Pläne und Träume

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Mit viel Vorfreude und einem ausgeklügelten Plan führt Julian Nagelsmann die Nationalmannschaft zur WM nach Amerika. Das große Titelziel wird nicht aufgegeben, trotz aller Hindernisse.

Winston-Salem.

Mit einem sandfarbenen Base-Cap auf dem Kopf und seinem breiten Grinsen schreitet Julian Nagelsmann durch den Ort, von dem aus der fünfte Weltmeister-Stern erobert werden soll. Träumen ist hier an der Wake Forest University und im herrschaftlichen Teamhotel The Graylyn Estate gleich nebenan erlaubt. In der kühnsten Version reisen Nagelsmann und seine Nationalspieler Ende Juli mit dem WM-Pokal im Gepäck zurück in die Heimat.

Drei tadellose Rasenplätze, eine Turnhalle, in der Basketball-Legende Tim Duncan den Grundstein für seine NBA-Karriere legte. Hier - in Winston-Salem irgendwo im Nirgendwo von North Carolina - soll die Nationalmannschaft bei der WM ihren sportlichen Mittelpunkt haben.

Für Nagelsmann selbst wird bereits vor dem Anpfiff ein Traum wahr. "Ich habe eine extreme Vorfreude, weil es für mich die erste WM ist. Es ist ein Kindheitstraum. Den hatte ich natürlich, so ehrlich muss ich sein, immer eher als Spieler. Jetzt habe ich ihn als Trainer", sagte der 38-Jährige bei MagentaTV. 

Amerika, das soll für den jüngsten Bundestrainer in der deutschen WM-Geschichte in den kommenden Wochen das Land der unbegrenzten Fußball-Möglichkeiten sein. Und aus seinen großen Zielen macht er unverdrossen kein Hehl. Trotz vieler Zweifel und lautstarker Zweifler wie Bayern-Patriarch Uli Hoeneß. Jeder, der an einem WM-Turnier teilnimmt, sollte das Ziel haben, sie zu gewinnen, hat Nagelsmann nicht nur einmal unterstrichen. 

Titelansage im EM-Schmerz

Insgesamt klingt das bei weitem nicht mehr so forsch wie jene Ansage, die er im unmittelbaren Schmerz nach dem EM-Aus gegen Spanien (1:2 n.V.) vor knapp zwei Jahren getroffen hatte. "Das tut weh, und auch, dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird", hatte er damals in Stuttgart gesagt. 

Der Satz hing ihm lange als zu großspurig nach. Auch wenn er selbst für das doppelte Scheitern in der WM-Gruppenphase 2018 in Russland und 2022 in Katar mit allen politischen Wirrungen noch keine Verantwortung trug. 

Dass man Weltmeister wird, ist heute wie kurz nach der Heim-EM 2024 ein Wunschdenken. Ein traumhaftes Szenario, für das alles klappen müsste. Und selbst, wenn alles klappt, scheinen andere Teams besser zu sein. 

Völler als Stimmungs-Seismograph

Rudi Völler, als Sportdirektor für die richtigen Gefühlsschwankungen rund um das DFB-Team zuständig, zeigte schon auf: Spanien hat bessere Spieler. Und Frankreich hat mehr sehr gute Spieler. Die Südamerikaner wie Lionel Messis Argentinier als Titelverteidiger sind eine übermächtig wirkende Konkurrenz. Das in der Verlängerung gewonnene Finale 2014 gegen Argentinien mit Messi (1:0) war das bislang letzte deutsche K.o.-Spiel bei einer WM. 

DFB-Präsident Bernd Neuendorf glaubt fest an die große Chance. "Natürlich fährt man zu so einem Turnier, um letztlich auch weit zu kommen. Es gibt Top-Mannschaften, die üblichen Verdächtigen. Man hat die Engländer, die Franzosen, auch Brasilien und Argentinien als Titelverteidiger. Aber wir haben eine tolle Mannschaft. Ich merke bei ihr einen Spirit, der gut ist. Ich glaube, zum erweiterten Kreis gehören wir durchaus", sagte er. 

Nur Mitspielen war noch nie Nagelsmanns Sache. Er will immer gewinnen. Also hat er sich wieder in Rollenspiele eingedacht und weist jedem seiner 26 WM-Akteure eine Aufgabe zu, die er erfüllen soll in bestmöglich 47 Tagen vom Abflug zum letzten Trainingsschliff in Chicago bis zum Endspiel am 19. Juli im Stadion von East Rutherford, wo sonst die Giants und Jets aus New York um Touchdowns kämpfen. 

Ähnlich zum American Football, bei dem jeder Akteur sehr spezifische Aufgaben und eben nur genau diese zu erfüllen hat, hat Nagelsmann wieder ein System etabliert, das den kollektiven Gedanken, das Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Wagenburg-Mentalität, als Grundlage hat. 

Julian Nagelsmann sitzt auf einem Pk-Podium. (Archivbild)
Julian Nagelsmann sitzt auf einem Pk-Podium. (Archivbild) Bild: Christian Charisius/dpa

Wenn die anderen besser Fußballspielen können, muss man das bessere Team sein. Diese Idee geht im deutschen Fußball zurück bis zum "Geist von Spiez", der Grundlage für den WM-Premierentriumph 1954 war. 

"Wenn du hin zum Turnier kommst, ist Leistung nicht nur definiert, was du siehst auf dem Rasen. Eine Leistung eines Menschen ist es auch, sich seiner Position bewusst zu sein, sich gut in eine Gruppe einzugliedern und für eine Gemeinschaft etwas zu tun", erklärte der Bundestrainer.

Der Spielplan meint es gut

Die WM-Qualifikation lief nach dem 0:2-Fehlstart in der Slowakei ordentlich. Das 6:0 zum Abschluss wieder gegen die Slowaken brachte das Direktticket und viel Selbstvertrauen. Die März-Tests in der Schweiz (4:3) und gegen Ghana (2:1) gaben ein realistisches Leistungsbild. Einiges geht, aber nicht alles. 

Der WM-Spielplan meint es zunächst gut mit Nagelsmann. Nach den abschließenden Tests gegen Finnland in Mainz (31. Mai/20.45 Uhr) und gegen Co-Gastgeber USA (6. Juni/20.30 Uhr) in Chicago geht es gegen den maximalen WM-Außenseiter Curaçao am 14. Juni (19.00 Uhr) in Houston los. Das kann gar kein Problem sein. 

Nagelsmann bekommt quasi noch ein Testspiel zum Akklimatisieren an große Hitze und mächtige Reisestrapazen beim XXL-Turnier mit 104 Spielen in den USA, Mexiko und Kanada. Womöglich muss er den Auftakt auch nutzen, um in der Saison länger verletzte Spieler zu integrieren. Richtig ernst wird es dann im kanadischen Toronto am 20. Juni (22.00 Uhr) gegen die Elfenbeinküste. 

Am 25. Juni (22.00 Uhr) folgt in East Rutherford der Vorrundenabschluss gegen Ecuador, bevor es danach mit den K.o.-Runden weitergeht. Nagelsmanns Kindheitstraum soll auf keinen Fall zu schnell vorbei sein. "Ich kann nicht den Titel versprechen. Ich kann jedoch versprechen, dass wir es allen wirklich schwermachen werden, uns zu schlagen", sagte Sportdirektor Völler. (dpa)

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