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Mehr als Sport: Irans hochbrisante WM-Reise in die USA

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Monatelang wurde diskutiert, ob der Iran bei der WM starten kann. Nun soll es losgehen. Bei den Spielen in Los Angeles und Seattle wird vieles wichtiger sein als die Ergebnisse.

Inglewood.

Nach monatelangen Diskussionen bis hinein in die höchste Politik soll für den Iran zum WM-Auftakt alles ganz schnell gehen. Mit dem Bus vom mexikanischen Tijuana ins zwei Fahrtstunden entfernte Inglewood, das erste Vorrundenspiel gegen Außenseiter Neuseeland unweit von Los Angeles absolvieren und unmittelbar im Anschluss zurück über die Grenze ins Teamquartier.

Boykott? Ausschluss? Nichts davon ist passiert

Das übliche FIFA-Protokoll mit Anreise am Vortag und Abreise am Tag nach der Partie? Gilt für den Iran nicht. Es ist der Minimalkompromiss, auf den sich der Fußball-Weltverband, die US-Regierung und die Machthaber im Iran einigen konnten. 

Dass ein WM-Gastgeber Krieg gegen einen der Teilnehmer führt - so etwas hat es in der 96 Jahre langen Geschichte des wichtigsten Fußball-Turniers der Welt bisher nicht gegeben. Zeitweise standen ein Ausschluss, ein Boykott oder die Verlegung der Vorrundenpartien zum Beispiel nach Mexiko zur Debatte. Doch nun soll alles wie geplant über die Bühne gehen. Die Frage ist: Geht das? 

Bei den von FIFA-Boss Gianni Infantino großspurig angekündigten 104 Super Bowls steht eines schon jetzt fest: Das WM-Auftaktspiel des Iran am Dienstag (3.00 Uhr/ZDF/MagentaTV) wird eines, bei dem der Sport sehr, sehr weit in den Hintergrund geraten wird. 

Ankunft in Mexiko: Irans Team musste das Quartier wechseln. (Archivbild)
Ankunft in Mexiko: Irans Team musste das Quartier wechseln. (Archivbild) Bild: Gregory Bull/AP/dpa

Mehr als eine Million Iraner in den USA

Stattdessen wird es um andere Fragen gehen. Wie verhält sich die iranische Gemeinde, die nirgends in den Staaten so groß ist wie in Los Angeles? Nicht umsonst wird die Metropole auch "Teherangeles" oder "Irangeles" genannt. Gibt es auf dem Rasen oder auf den Rängen politische Botschaften? Wie kommen die Profis mit dem enormen Druck zurecht?

In den USA leben mehr als eine Million Iraner, die meisten von ihnen gelten als Gegner der jetzigen Führung. Inmitten sehr ernster Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump weiter nach einer Lösung in dem militärischen Konflikt sucht, wird die WM zu einer Art Testballon. Keiner weiß genau, was auf die Profis und die Veranstalter zukommt.

Trump: "Du kannst machen, was du willst"

Für FIFA-Boss Infantino gilt es als Erfolg, den Iran dabei zu haben. "Wir müssen vereinen, wir müssen die Menschen zusammenbringen. Fußball vereint die Welt", hatte der Schweizer betont. US-Präsident Trump war im März zunächst gegen eine Teilnahme. Im Mai zeigte er sich schon deutlich offener. "Ich habe gesagt, du kannst machen, was du willst", berichtete Trump über ein Gespräch mit Infantino.

Infantino setzte sich für einen WM-Start des Iran ein.
Infantino setzte sich für einen WM-Start des Iran ein. Bild: Tom Weller/dpa

Doch Irans WM-Teilnahme ist weitab jeglicher Normalität. Das Team hat sein Trainingscamp kurzfristig vom amerikanischen Arizona nach Mexiko verlegt und soll planmäßig nur für die Spiele einreisen. Irans Verbandspräsident Mehdi Tadsch attackierte den Weltverband in der Vorbereitung des Turniers scharf. "Ich habe die FIFA noch nie so schwach erlebt", kritisierte Tadsch.

Sportminister droht mit Abbruch

Während sich der Iran beim Quartier und der Logistik auf Kompromisse einließ, sind andere Umstände laut Tadsch nicht verhandelbar. Die FIFA müsse sicherstellen, dass es bei den Spielen keine politischen Kommentare gegen die Mannschaft oder den Verband gebe, dass die offizielle Flagge der Islamischen Republik – und nicht die nationale Flagge der Opposition – gehisst werde und dass Spielern, Trainerstab und Funktionären umfassende Sicherheit garantiert werde.

Die Vorbereitung verlief holprig. Zwei Testspiele wurden kurzfristig abgesagt, die politische Lage stellt alle weitere Themen deutlich in den Schatten. Und wenn es schlecht läuft, droht der FIFA auf der riesigen WM-Bühne ein Super-GAU. "Wir haben der FIFA bereits mitgeteilt, dass die Verantwortlichen des Teams das Spiel abbrechen würden, sobald wir in den Stadien politische Parolen hören", warnte Sportminister Ahmed Donjamali.

Duell USA gegen Iran in Dallas?

Nach dem Auftakt gegen Neuseeland sind auch die Spiele gegen Belgien (21. Juni in Inglewood) sowie gegen Ägypten (26. Juni in Seattle) Stand jetzt als Tagesreisen geplant. Das wird vor allem beim Gruppenfinale spannend, denn Seattle liegt über 2.000 Kilometer von Tijuana entfernt. Die Entscheidung ist insofern pikant, als die FIFA im Dezember 2025 die Möglichkeit gehabt hätte, zwei der drei Spiele nach Vancouver zu geben.

Im Sechzehntelfinale wäre ein sportliches Duell mit den USA möglich, falls beide Teams ihre Gruppe auf Platz zwei beenden. Die brisanteste aller denkbaren Partien fände am 30. Juni in Dallas statt - und würde das weitere sportliche Geschehen ziemlich zur Seite drücken.

Azmoun nach Foto nicht nominiert

Bereits vor vier Jahren hatte Irans Auftritt bei der WM für Debatten gesorgt. Inmitten der "Frau, Leben, Freiheit"-Proteste schwiegen die Profis vor den Partien zur Hymne und setzten damit ein Zeichen gegen die Machthaber. Ein solches Szenario ist diesmal nicht realistisch, denn die Profis stehen extrem unter Druck. Das zeigt auch das Beispiel von Sardar Azmoun.

Nicht mehr für den Iran aktiv: Sardar Azmoun. (Archivbild)
Nicht mehr für den Iran aktiv: Sardar Azmoun. (Archivbild) Bild: Federico Gambarini/dpa

Der ehemalige Stürmer von Bayer Leverkusen hat 57 Tore im Nationaltrikot erzielt, ist bei der WM aber nicht dabei. Sportlich ist Azmoun unantastbar, seine Nicht-Nominierung hat politische Motive. Der 31-Jährige war bei Instagram auf einem Foto mit Mohammed bin Raschid al-Maktum, dem Herrscher von Dubai, zu sehen. Das reichte den Machthabern, um Azmoun auszuschließen. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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