Formel 1
Im Haifischbecken: Eskaliert das Mercedes-Titelduell?

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In ihrem Zweikampf um die Formel-1-WM fuhren Kimi Antonelli und George Russell zuletzt immer näher an die Grenze. Einige erinnert das schon an ein früheres vergiftetes Mercedes-Duell.

Monte-Carlo.

Am glitzernden Hafen von Monaco findet Kimi Antonelli das Sinnbild für das nächste Kapitel im knallengen Formel-1-Titelduell bei einem schnellen Blick aufs Wasser. "Das ist wie in einem Haifischbecken. Man frisst oder wird gefressen", sagte der WM-Spitzenreiter über den immer bissigeren Zweikampf mit seinem Mercedes-Stallrivalen George Russell. Auf den engen Straßen von Monte-Carlo gibt es für die Silberpfeil-Stars erst recht keinen Raum zum Ausweichen.

Spätestens seit der brutalen Hatz in Kanada, als Antonelli und Russell mehrfach fast kollidierten, zieht die PS-Szene Vergleiche mit dem sogenannten "Krieg der Sterne" zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg in deren Mercedes-Zeit. "So eine Schlacht habe ich vermutlich nicht seit Lewis und Nico 2014 in Bahrain gesehen", sagte selbst Russell über die denkwürdige Auseinandersetzung in Montréal, die erst sein Technik-Defekt zugunsten von Antonelli entschied. 

Eskaliert die Lage wie einst bei Hamilton und Rosberg?

"Sie wissen, wo die Grenze ist. In Kanada sind sie beinahe darüber hinausgeschossen, aber das haben wir dann in einem Gespräch geklärt", sagte Teamchef Toto Wolff der "Sport Bild". Eine Stallorder will der Österreicher unbedingt vermeiden. Zumal Wolff hofft, dass die Lage nicht wie einst zwischen Hamilton und Rosberg eskaliert. "Beide stammen aus unserem Juniorenprogramm. Das ist eine andere Ausgangssituation. Sie wissen, was sie Mercedes zu verdanken haben", erklärte Wolff.

"Krieg der Sterne": Lewis Hamilton (l) und Nico Rosberg lieferten sich einen knallharten Zweikampf. (Archivbild)
"Krieg der Sterne": Lewis Hamilton (l) und Nico Rosberg lieferten sich einen knallharten Zweikampf. (Archivbild) Bild: Diego Azubel/EPA/dpa

Das Duell zwischen Hamilton und Rosberg spielte einst vor einem ähnlichen Hintergrund. Mercedes war das dominante Team, beide Piloten machten die WM unter sich aus. Darüber zerbrach die Freundschaft aus Kindheitstagen, die Rivalen fuhren sich gegenseitig ins Auto und witterten interne Verschwörungen. 

"Es gab keine Beziehung. Es war richtiger Krieg. Wenn du um die Weltmeisterschaft kämpfst, vernachlässigst du die Freundschaft, um den Titel zu gewinnen. Du verschiebst die Grenzen im Graubereich. Bei Rad-an-Rad-Duellen kannst du nicht der nette Typ sein", sagte Rosberg dazu jetzt rückblickend im Podcast "High Performance". 

Hinter den Kulissen habe es immer wieder Vermittlungsdiplomatie der Teambosse benötigt. Für Unfallschäden mussten die beiden am Ende sogar zur Hälfte selbst aufkommen, verriet Rosberg. "Wir wollen so ein Szenario nicht wiederholen. Wir werden definitiv gegeneinander kämpfen, aber auf faire Art", versprach Antonelli.

Antonellis Wut setzt Russell zu

Doch gerade die Emotionen des Wunderjungen aus Italien heizten den Konflikt auf der Rennstrecke zuletzt an. Der 19-Jährige hat seine Lehrzeit im Eiltempo abgeschlossen und sieht nach vier Siegen in Serie die Riesenchance, der jüngste Formel-1-Weltmeister zu werden. Geduld ist nicht seine Stärke, das machen auch die Funk-Botschaften deutlich. "Man muss aggressiv sein, natürlich in der richtigen Dosis. In Kanada war ich aggressiv, vielleicht ein bisschen zu sehr", sagte Antonelli. 

Doch bei aller öffentlich geäußerten Einsicht wird der WM-Führende auch gemerkt haben, wie sehr seine Erfolge dem vermeintlichen Titelfavoriten Russell beeindruckt haben. "George ist eigentlich der Schnellere. Aber dieser ganze Trubel um Kimi stört ihn", sagte der frühere Formel-1-Pilot Juan Pablo Montoya der BBC. Und Ex-Weltmeister Damon Hill befand: "Der George aus dem vergangenen Jahr ist ein bisschen verloren gegangen."

Die Wucht der Gefühle, die Antonelli derzeit in Tempo verwandelt, wirkt als Bremse für den neun Jahre älteren Briten. "Natürlich ist das frustrierend. Aber ich will diesen Kampf. Hoffentlich wechselt das Glück", sagte Russell. In China stoppte ihn sein Auto in der Qualifikation, in Japan hatte er Pech mit dem Zeitpunkt des Safety-Cars, in Kanada versagte seine Batterie. "Es fühlt sich an, als wollten mich die Götter nicht in diesem Fight", klagte der 28-Jährige.

Russell: "Habe nichts mehr zu verlieren"

Auf 43 Punkte ist der Vorsprung von Antonelli vor dem sechsten Saisonlauf am Sonntag (15.00 Uhr/RTL und Sky) gewachsen. "Im Moment liegt es an ihm, das zu verspielen. Ich habe nichts mehr zu verlieren, der Druck ist weg, ich will jetzt jedes Rennen genießen", sagte Russell.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff (r) will nicht per Stallorder eingreifen. (Archivbild)
Mercedes-Teamchef Toto Wolff (r) will nicht per Stallorder eingreifen. (Archivbild) Bild: Luca Martini/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Sein Boss hat ihn noch nicht abgeschrieben. "Wenn es einen in diesem Fahrerlager gibt, den ich in Sachen Durchhaltevermögen und Entschlossenheit hervorheben würde, dann wäre das George. Es sind noch so viele Punkte zu vergeben", sagte Teamchef Wolff. Die Frage ist nur: Wie lange halten die Nerven seiner beiden Sternenkrieger? (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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