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WM-Land im Griff der Kartelle - Wo einst Maradona trainierte

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Drogen, Prostitution und mehr - Mexikos Kartelle sind mächtig. Welche Rolle spielt der Fußball? Dort, wo einer der berüchtigtsten Kartellbosse herkam, trainierte schon Maradona und spielte Guardiola.

Mexiko-Stadt.

Die Nachrichtensprecherin des argentinischen Fernsehens fasste sich bei dieser Meldung ungläubig an den Kopf. Ein Ort, der sonst Sinnbild für die Macht der Drogenkartelle in Mexiko war, sollte die neue Fußball-Heimat für Diego Armando Maradona werden. Es war 2018 und der Argentinier übernahm den Trainer-Posten bei den Dorados de Sinaloa in Culiacán. 

Jener Maradona, der in Mexiko 1986 Weltmeister geworden war, dessen Fußball-Karriere ebenso wie sein Leben außerhalb aber auch unter seiner Kokainsucht gelitten hatte. Erstaunlicherweise führte Maradona den bis dahin belächelten und verspotteten Zweitligisten sogar in die erste Liga.

Der legendäre Diego Armando Maradona als Trainer in Sinaloa.
Der legendäre Diego Armando Maradona als Trainer in Sinaloa. Bild: Eduardo Verdugo/AP/dpa

Doch Sinaloa ist weniger Synonym für sporthistorische Ereignisse trotz des im November 2020 gestorbenen Maradonas oder des Halbjahresengagements (Januar bis Ende Juni 2006) von Pep Guardiola am Ende seiner Spieler-Laufbahn für die Dorados. Der Bundesstaat im Westen Mexikos steht viel mehr für "El Chapo": Der mächtige Drogenbaron führte einst das berüchtigte Sinaloa-Kartell. 

Anfang 2016 wurde Joaquín Guzmán, wie einer der meistgesuchten Kriminellen mit bürgerlichem Namen hieß, festgenommen. Nach der Auslieferung 2017 in die USA sitzt er dort eine lebenslange Haftstrafe ab.

An der Macht der Banden und Syndikate hat sich aber nicht viel geändert. "Heute ist es längst erwiesen, dass es Gemeinden gibt, in denen die Kartelle regieren", sagt der Vorsitzende der mexikanischen Sportkommission des örtlichen Kongresses von Mexiko-Stadt, Federico Chávez Semerena, in der ARD-Dokumentation "Mexiko: WM im Schatten der Kartelle". 

Der Sportjournalist und Fußball-Kommentator David Faitelson ergänzt: "Das Problem heute sind die Verbrechen der kriminellen Gruppen, der Drogenkartelle, die leider unseren Frieden und unser Leben an sich gerissen haben." Es gebe Orte, an denen diese Gruppen mehr Macht und Autorität hätten als die mexikanische Regierung.

Gewaltausbruch wenige Monate vor der WM mit mehr als 70 Toten

Mit drei Spielorten ist das Land bei der WM vertreten: Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey. Es sind auch die drei größten Städte Mexikos. Einem Land, über das das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit schreibt: "Das Vermögen ist zwischen den Landesteilen und Bevölkerungsgruppen äußerst ungleich verteilt."

Im Norden und im Zentrum des Landes würden relativ reiche Regionen mit Unternehmen liegen, die auf Weltmarktniveau produzieren. "Der Süden ist im Vergleich weniger entwickelt", heißt es weiter beim BMZ. 

Wohlhabende Industriemetropole im Nordosten 

Mexiko-Stadt ist mit über 20 Millionen Einwohnern in der Metropolregion der Mittelpunkt des Landes. Mitreißend, faszinierend, bunt und lebhaft - zu einem der Höhepunkte zählt der "Día de muertos", an dem Anfang November die Toten geehrt werden.

Mexiko-Stadt - unweit des berühmten Vulkans Popocatépetl - ist aber auch laut, die dünne Luft in über 2200 Metern Höhe durch den fast schon absurden Verkehr nicht selten stickig. Dunkle Straßen, an denen Gefahren lauern. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind offensichtlich und deutlich. 

Im Nordosten liegt Monterrey, nur gut 200 Kilometer von der Grenze zu den USA entfernt. Eine wohlhabende Industriemetropole, die in den vergangenen Jahren von größeren Gewaltausbrüchen der Drogenkartelle weitgehend verschont geblieben ist.

In der Nähe des Akron-Stadions in Zapopan wurde vor der WM ein Massengrab entdeckt.
In der Nähe des Akron-Stadions in Zapopan wurde vor der WM ein Massengrab entdeckt. Bild: Eduardo Verdugo/AP/dpa

Im Westen, rund 500 Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt liegt Guadalajara. Eine Stadt voller Kultur und Tradition, die berühmte Mariachi-Musik hat hier ihren Ursprung. Guadalajara gilt aber auch als Hochburg des Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG). Was dort erst vor wenigen Monaten im Februar passierte, befeuerte die Zweifel an der WM-Sicherheitstauglichkeit des Landes.

Gefahrenpunkt Guadalajara: Ort des ersten großen Kartells

Nach der Tötung seines Anführers Nemesio Oseguera Cervantes, genannt "El Mencho", wurde das Kartell im Februar für schwere Gewaltausbrüche im Land mit mehr als 70 Toten verantwortlich gemacht.

Vom Auswärtigen Amt in Deutschland wird von Reisen in den Bundesstaat Jalisco abgeraten - "mit Ausnahme der Metropolregion Guadalajara bei Anreise per Flugzeug und Puerto Vallarta bei Anreise per Flugzeug oder Schiff". 

Bereits Ende der 1970er Jahre entstand in der WM-Stadt das Guadalajara-Kartell. Es war das erste große Verbrechersyndikat Mexikos und arbeitete eng mit kolumbianischen Kokainhändlern zusammen. Nach der Festnahme des Drogenbosses Miguel Ángel Félix Gallardo 1989 zerfiel die Organisation in rivalisierende Gruppen. Einer der bekanntesten Akteure war "El Chapo" Guzmán. Es bildeten sich unter anderem das Sinaloa-, Tijuana-, Golf- und Juárez-Kartell, die den mexikanischen Drogenkrieg über Jahrzehnte prägten. 

Mexiko - das Land der Verschwundenen

Sicherheitsexperten gehen nicht davon aus, dass die Kartelle die WM in Mexiko gezielt als Bühne für Gewalt nutzen werden. "Sie möchten sich keinen weiteren Ärger einhandeln", sagte ein Polizeichef im Bundesstaat Jalisco der auf Drogenthemen spezialisierten Nachrichtenseite CrashOut. "Sie gehen bei ihren Aktionen klug vor und werden vorsichtig sein." 

Zudem sei eine WM auch für die Kartelle lukrativ, sagte die Forscherin Ana María Cifuentes der Zeitschrift "Proceso". Dabei geht es etwa um Drogenhandel, Prostitution und Weiterverkauf von Tickets.

In Mexiko gelten über 130.000 Menschen als verschwunden.
In Mexiko gelten über 130.000 Menschen als verschwunden. Bild: Jair Cabrera Torres/Jair Cabrera Torres

Die WM-Bühne nutzen werden aber die "Guerreros buscadores", die suchenden Krieger. Was martialisch klingen mag, hat einen tieftraurigen Hintergrund. Über 130.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst. "Befeuert wird dieses massenhafte Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle, korrupte Behörden und die fortschreitende Militarisierung", schreibt Amnesty International in einem Bericht zur WM-Endrunde und verweist auf die Massengräber, die nahe dem Stadion in Guadalajara mit mindestens 500 Leichen, entdeckt worden waren. 

Darum geht es mittlerweile auch in der Unterwelt

In der mexikanischen Unterwelt geht es inzwischen nicht mehr nur um Drogenhandel. Vor 40 Jahren, als Mexiko die WM 1986 ausrichtete, war das noch anders. Die illegalen Geschäfte haben sich mittlerweile auf zahlreiche weitere Bereiche ausgeweitet. Verbrecherorganisationen sind etwa in großem Stil in Benzindiebstahl und -Schmuggel verwickelt – ein Milliardengeschäft. Sie zapfen illegal Treibstoff aus unterirdischen Pipelines ab, verfügen über Tanklastwagen und Schiffe und korrumpieren Behörden.

Schutzgelderpressung ist ein weiteres Geschäft der Kartelle. Betroffen sind von Avocado- und Limettenanbauern bis hin zu kleinen Ladenbesitzern. Auch Produktpiraterie zählt zu den großen Einnahmequellen krimineller Gruppen. Im Zentrum von Mexiko-Stadt können Käufer gestohlene Arzneimittel oder gefälschte Hochschulabschlüsse ebenso erwerben wie gefälschte Trikots der Tri - der Fußball-Nationalmannschaft des Landes, in dem die Kartelle mit das Sagen haben. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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