Ziel Olympia - Maxi boxt sich durch

In der kommenden Woche steigt Maxi Klötzer bei den Deutschen U-21-Meisterschaften in Moers in den Ring. Ziel der 18-Jährigen ist nicht weniger als der Titel. Danach steht ein Tapetenwechsel bevor.

Chemnitz.

Eine halbe Stunde lang fliegen Maxi Klötzers Fäuste in der Trainingshalle der Chemnitzer Boxer durch den Ring. Unterbrochen von kurzen Pausen schlägt sie auf die Bratzen von Trainer René Benirschke ein. Zwei schnelle Schritte vor, zwei zurück, wieder vor - eine linke Gerade, ein rechter Haken, zwei Schritte zurück. "Meine große Stärke ist die Schlagkraft", sagt die Blondine. Und der Trainer ergänzt: "Maxis Kampfstil ist offensiv, dabei aber immer kontrolliert."

Kontrolle. Das Wort passt sehr gut zu dieser 1,57 Meter kleinen Frau, die die frühere Weltmeisterin Susi Kentikian als Inspiration für ihre Boxleidenschaft nennt. "Ich bin immer ruhig und sehr fokussiert, höre vor Wettkämpfen auch keine Musik. Ich brauche das weder, um mich zu beruhigen noch um mich anzutreiben. Vor einem Boxkampf schlafe ich lieber ein wenig, im Ring bin ich dann hellwach." Zehn Kämpfe hat sie in diesem Jahr bislang bestritten, sieben gewonnen. "An den drei Niederlagen hatte sie keinerlei Schuld", sagt Benirschke, "das waren jeweils sehr seltsame Entscheidungen der Juroren."

Ganz besonders schmerzt die Erstrundenniederlage bei der U19-Weltmeisterschaft in Budapest. Maxi musste gegen die Inderin Nitu ran, gegen die sie auch schon bei der WM 2017 verloren hatte. Die Chemnitzerin bot der späteren Weltmeisterin eine nahezu gleichwertige erste Runde, beide Damen landeten gute Treffer, beide steckten ein. Keine wankte, keine wollte auch nur einen Zentimeter preisgeben. Doch zum Kopfschütteln aller, die den Kampf sahen, zählte der Ringrichter aus den USA die Deutsche im Verlauf der drei Minuten zweimal an, brach dann quasi mit dem Pausengong den Wettkampf ab. Im Protokoll steht ein Sieg der Inderin durch technischen K.o. "Ein Unding, ein absoluter Tiefschlag", sagt der Coach, "keiner weiß, wie der Kampf weitergegangen wäre. Maxi wurde aller Chancen beraubt. Nach dieser langen, intensiven Vorbereitung mit mehreren Trainingslagern und Vorbereitungskämpfen war das wirklich sehr bitter."

Maxi nickt mit dem Kopf. Eine Niederlage, die weh tut, eine Niederlage, die aber auch anstachelt. Sie weiß, was sie will: eine nun auch im Elitebereich international erfolgreiche Athletin werden, bei Europa- und Weltmeisterschaften ins Seilquadrat steigen, und - das wäre natürlich die Krönung - bei Olympia. Dafür trainiert die Schülerin des Chemnitzer Sportgymnasiums mit Ausnahme der Wochenenden täglich, dank der Streckung ihrer Schulzeit immer vormittags. Neun bis zehn Einheiten kommen pro Woche zusammen. In den heißen Phasen wird die Intensität erhöht.

Zum Boxen kam Maxi mit zehn Jahren. Der Vater hatte das Mädchen, das bis dahin Eiskunstläuferin war, mit in die Halle genommen. Es stellte sich beim Ausprobieren geschickt an, fand schnell Gefallen an diesem so ganz anderen Sport. "Es hat mir von Beginn an Spaß gemacht", erinnert sich Maxi, "auch wenn ich bei meinen ersten Kämpfen noch nicht wirklich boxen konnte. Es war mehr eine wilde Prügelei." Die Mutter hatte bei den Kämpfen ihrer Tochter anfangs Bedenken, Oma Uta noch heute. Sie schaut sich das Ende selten in der Halle an, dafür hinterher per Video. Und ist stolz auf ihre Enkelin.

Die erlebte den bislang schönsten Tag ihrer Boxkarriere bei den U19-Europameisterschaften 2017 in Sofia: Nach dem klaren Achtelfinalsieg über die Türkin Yaruz lieferte sie sich im Viertelfinale mit der Griechin Chrysala Plea einen harten Fight, keine der Kontrahentinnen war sich nach den drei Runden des Sieges sicher. Eng war so auch das Urteil: Es fiel mit 3:2 Richterstimmen für die Sächsin aus. Lohn war Bronze - Maxis erste internationale Medaille hat zu Hause im Esszimmer einen Ehrenplatz.

K.o. gegangen ist die noch nie. "Das Wichtigste beim Boxen ist die Verteidigung", erläutert René Benirschke, "das Ausweichen, das Blocken der Schläge, das effektive Kontern." Maxi kann das alles - und deswegen ist der Traum von Olympia kein utopischer. Die nächsten Sommerspiele finden 2020 in Tokio statt. Ob Maxi Klötzer eine Chance hat, schon in Japan dabei zu sein, hängt maßgeblich auch von der Einteilung der Gewichtsklassen ab. Die Neuregelung ist aufgrund der vom IOC in allen Sportarten angestrebten Geschlechtergerechtigkeit notwendig. Acht Männergewichtsklassen gab es bei Olympia 2016 in Rio des Janeiro, aber nur drei für die Frauen. In zwei Jahren in Japan sollen die Damen nun fünf Gewichtsklassen bekommen, 2024 in Paris dann wie die Männer acht. Für Maxi heißt das ganz konkret: Gibt es ein zum Gewicht der Chemnitzerin passendes 48-Kilogramm-Limit, ist Tokio 2020 ein realistisches Ziel, wird ihre Klasse bei 51 Kilogramm begrenzt, ist das Ticket kaum zu lösen. "Zwei, drei Kilo machen da einfach immens viel aus", erklärt Maxi, "die Gegnerinnen, die sich dann auf dieses Gewicht herunterhungern, sind größer als ich, haben längere Arme." Körperliche Nachteile, die kaum auszugleichen sind.

Die Maxi aber nicht von ihrem Weg abbringen. Den geht sie unbeirrt. Noch drei Jahre sind es bis zum Abitur. Es muss ein sehr gutes werden, denn danach will sie Medizin studieren. Und sie will boxen, noch besser, noch erfolgreicher werden. Dafür wird sie im Winter wohl sogar ihre Heimatstadt verlassen. Chemnitz ist nur ein Landesstützpunkt im Boxen, wer ganz nach oben will, muss an einen Bundesstützpunkt. So einen gibt es in Frankfurt an der Oder. Dorthin wird Maxi im Februar nach Ende des Schulhalbjahrs ihrem Trainer folgen. René Benirschke, lange Jahre selbst in Reihen der Chemnitzer Wölfe im Ring aktiv, hat vom Deutschen Boxsportverband in Frankfurt eine Stelle als Bundesstützpunkttrainer für den weiblichen Bereich in Aussicht. Anfang des neuen Jahres will der 33-Jährige sie antreten. Ihrem Verein, dem BC Chemnitz, werden Maxi und René trotzdem die Treue halten.

Vorher führt die Reise beide aber erst einmal nach Moers. Wer ab Mittwoch am Niederrhein Maxis Gegnerinnen sein werden, wissen Trainer und Athletin noch nicht. Was sie wissen ist, dass alle zu schlagen sind. Mit Aggressivität, mit Offensive. Mit Kontrolle.

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