Das letzte Geheimnis einer Villa

Ein Rätsel hat das einstige Wohnhaus eines Bankdirektors mit der Restaurierung preisgegeben. Ein zweites allerdings ist schwerer zu lösen - trotz Recherchen der Besitzer.

Schlosschemnitz.

Es war Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als die Villa in dem Eckgrundstück an der Beyerstraße durch den Chemnitzer Architekten Heinrich Straumer maßgeblich umgestaltet wurde. Auftraggeber Oskar Tetzner, der damalige Direktor der Dresdner Bank in Chemnitz, hatte das Haus in Schloßchemnitz kurz zuvor erworben. Mit dem Umbau entstand 1909 ein mit Mahagoniholz getäfelter Raum im Erdgeschoss - der Musiksalon. Fotografien aus der Zeit nach der Fertigstellung haben die Eleganz des Zimmers eingefangen, zeigen ein Klavier auf einem Podest, aufwendig gestaltete Deckenlampen, und ein üppiges, gestepptes Ledersofa mit einer Stola.

Zu einer Besonderheit auch in den Augen von Denkmalschützern wird der Raum mit Kamin durch seine Decke. Dieses Geheimnis hat der Salon mit den fast bodentiefen Fenstern jetzt preisgegeben: Die 58 Quadratmeter große, beigefarbene Stuckdecke, die den gesamten Musiksalon überspannt, erinnert seit wenigen Tagen wieder an frühere Zeiten. Viele Jahre war sie durch eine Zwischendecke versteckt und dem Verfall überlassen. Aus ihrem Dornröschenschlaf hat sie Stukkateurmeister Falko Hellner geholt. Nur noch Fragmente der ursprünglichen Arbeit in 4,60 Meter Höhe seien vorhanden gewesen, erklärt der Chemnitzer. Ihm half der Umstand, dass er das Kunstwerk vor zehn Jahren zunächst in seinem Bestand gesichert und so der Nachwelt erhalten hatte. Damals habe er Fotos gemacht und Maße genommen, sagt Hellner. Mit deren Hilfe fertigte er in seiner Werkstatt die Ornamente an und setzte sie mit einem Mitarbeiter vor Ort ein. Drei Monate benötigte er für die Wiederherstellung der Decke.

Derart üppige Stuckdecken, so Dr. Ralf-Peter Pinkwart vom Landesamt für Denkmalpflege, seien nur selten zu finden. Die Tetznersche Decke sei sogar außergewöhnlich, sagt er. Meist habe ein Salon in Villen lediglich ein bisschen Stuck. Warum der Musikraum bei Tetzners derart großzügig ausgestattet wurde, lässt sich nicht mehr nachlesen. Die Aktenlage zum Gebäude sei schlecht, so die Behörde. Auch den neuen Besitzern, die nicht in der Öffentlichkeit auftreten wollen, liegen keine Unterlagen vor. "Die Akten sind verschwunden", sagen sie. Ungeachtet dessen sieht Pinkwart im Musiksalon "ein Gesamtwerk der Raumkunst, das anspruchsvolle Innenarchitektur, hochwertige Möbelkunst, Bildhauerei, Stuck- und Glasgestaltung vereint".

Es ist gerade die Glasgestaltung, die den Besitzern ein weiteres Rätsel aufgibt. Den Salon zierten einst fünf hohe, bunt bemalte Glasfenster, die nach Entwürfen des Künstlers Max Pechstein in Berlin hergestellt wurden. Drei von ihnen zeigten Frauenfiguren. "Es ist unklar, wann die Fenster herausgenommen und durch billiges Glas ersetzt wurden", sagt die Besitzerin. Sie und ihr Mann vermuten, dass die kostbaren Fenster im Zweiten Weltkrieg verschwanden. "Vielleicht wurden sie vor den Bombenangriffen 1945 vorsichtshalber ausgebaut", sagt die Inhaberin. Allerdings seien die Fenster noch 1962 in einer Fachzeitschrift besprochen worden, hat sie herausgefunden. Es sei also möglich, dass sie irgendwo lagerten. Um sie wiederzufinden, nahmen die Besitzer Kontakt mit Kunstsachverständigen auf. Bis nach Österreich und der Schweiz recherchierten sie, auch mit dem Pechstein-Museum in Zwickau haben sie gesprochen - ohne Erfolg. Noch haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich doch noch Hinweise finden. Vor ihrer Auslieferung nach Chemnitz seien die Fenster im Berliner Kaufhaus Wertheim ausgestellt gewesen. Verschwunden sind aber nicht nur die Fenster, sondern auch die Vorlagen von Max Pechstein. Möglich sei, dass ein Sammler die Handskizzen in seinem Besitz hat. Auch das Landesamt für Denkmalpflege hält die Fenster "für sehr wertvoll". Zum einen seien sie Teil des Gesamtkunstwerks Musiksalon Tetzner, zum anderen würden sie im Schaffen Pechsteins einen wichtigen Platz einnehmen, so Ralf-Peter Pinkwart. Doch ihr Verbleib ist auch dem Amt "leider unbekannt".

Die Fenster hatten Bankdirektor Tetzner am Herzen gelegen. Wie aus einem Schriftverkehr mit dem Architekten und der Handwerkerfirma zu entnehmen ist, nahm Tetzner Mehrkosten und längere Wartezeiten in Kauf. Am 21. Januar 1910 schreibt Tetzner eine Postkarte an einen unbekannten Empfänger: "Die bunten Fenster sind heute ausgepackt und eingehangen."


Architekt und Bankdirektor hinterlassen Spuren

Die Tetzner-Villa erhielt ihren Namen nach Oskar Tetzner, einem Chemnitzer Direktor der Dresdner Bank. Er kaufte das im 19. Jahrhundert erbaute Haus in Schloßchemnitz nach der Jahrhundertwende und ließ es 1908 bis 1910 durch den Chemnitzer Architekten Heinrich Straumer (1876-1937) umgestalten, unter anderem entstand der Musiksalon. Auch der Hauseingang, der sich zunächst an der Straßenseite befunden hatte, wurde verlegt. Die Wohnräume wurden nach Süden ausgerichtet, berichtet der neue Besitzer des Hauses. Genaue Angaben zu Bau und Umgestaltung der Villa seien jedoch kaum möglich, da die Bauunterlagen zum Haus verschwunden seien. In den 1930er-Jahren verkaufte Tetzner die Villa wieder.

Der in Schloßchemnitz geborene Architekt Heinrich Straumer gehörte laut Ralf-Peter Pinkwart vom Landesamt für Denkmalpflege zu den damals führenden deutschen Architekten. Das Bankgebäude am Johannisplatz, die ehemalige Dresdner Bank, entstand von 1922 bis 1924 nach seinen Plänen, ebenso das Hotel "Chemnitzer Hof" (1929-1930). Straumer entwarf auch den Berliner Funkturm, zahlreiche Villen sowie Geschäfts- und Kaufhäuser.

Zur Villa gehört ein 2500 Quadratmeter großer Garten. Er wird derzeit umgestaltet und soll nach seiner Fertigstellung an das Aussehen von früher erinnern, so der neue Besitzer. Den Musiksalon wollen die neuen Eigentümer auch weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Er kann für Veranstaltungen und private Feiern gemietet werden. (hfn)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...