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Die Auto Union AG entstand 1932 mithilfe von Staatsbürgschaften aus den angeschlagenen sächsischen Fahrzeugbauern DKW, Audi, Horch und Wanderer.Carl Hahn sen., Vater des späteren VW-Vorstands und Chemnitzer Ehrenbürgers Carl Hahn, gehörte zu den Mitbegründern.

Foto: ALIMDI.NETBild 1 / 2

Streit um ein dunkles Kapitel neu entfacht

Einer der Mitbegründer der Auto Union soll am Sonntag geehrt werden - als "Großer Chemnitzer". Kritiker hingegen sprechen von einer möglichen "Schande für die Stadt".

Von Michael Müller
erschienen am 09.09.2017

Wer vom Roten Turm in Richtung Johannisplatz läuft, findet dort kleine Metallplatten in den Weg eingelassen. Kleine Platten mit den Namen großer Chemnitzer - von Agricola bis Marianne Brandt. Am morgigen Sonntag, 11Uhr, sollen auf diesem vom Rotary Club Chemnitz verantworteten "Sächsischen Walk of Fame" zwei weitere hinzukommen: der des Urvaters der Altertumsforschung Christian Gottlob Heyne (1729-1812) und der des Mitbegründers des einst hier ansässigen Kraftfahrzeugkonzerns AutoUnion Carl Hahn (1894-1961).

Letztere Personalie sorgt für Diskussionen. Der Grund: Hahns Rolle als Vorstandsmitglied der Auto Union während der NS-Zeit. Damals beschäftigte das Unternehmen Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Forschungen zufolge sollen allein in den letzten beiden Kriegsjahren 4500 von ihnen zu Tode gekommen sein. Untersuchungen der TUChemnitz und der AudiAG in Ingolstadt belegten vor wenigen Jahren zudem, dass das Unternehmen stärker in der Kriegsrüstung engagiert war als lange Zeit bekannt.

Empört über die geplante Ehrung zeigt sich vor allem die Linke. Deren Stadtratsfraktion spricht von Hahn als einem "Potentaten der Nazidiktatur". In einer gestern veröffentlichten Erklärung bittet sie die Initiatoren, "einer möglichen Ehrung für Carl Hahn sen. eine intensive Debatte voranzustellen, um der Stadt Chemnitz, die Europäische Kulturhauptstadt werden will, eine mögliche Schande zu ersparen."

Ähnlich äußert sich die NS-Opferorganisation VVN/BdA. In einem Schreiben an die Stadt und den Rotary Club verweist sie auf die Rolle der Auto Union in der Kriegsproduktion und den Einsatz sogenannter Fremdarbeiter und Kriegsgefangener. "Durch die Verlagerung der Panzermotoren-Produktion von Siegmar-Schönau nach Leitmeritz (heute Litomerice in Tschechien) entstand das größte Außenlager des KZFlossenbürg mit 18.000Häftlingen", erläutert ein Sprecher.

Karl-Otto Grahl vom Rotary Club zeigt sich verwundert über die Aufregung. Hahn habe ab den 1930er-Jahren die am Boden liegende hiesige Automobilwirtschaft wieder zum Laufen gebracht; für nichts anderes solle er geehrt werden. Der Vorschlag sei im übrigen von der Stadtverwaltung bestätigt worden, sagte er. "Das machen wir immer so."

Das Rathaus verweist auf ein von Hahns Sohn Carl H.Hahn - langjähriger Vorstandschef von Volkswagen und seit 1994 Chemnitzer Ehrenbürger - herausgegebenes Buch über dessen Vater, das im vergangenen Jahr in Chemnitz mehrfach öffentlich vorgestellt wurde. "Schon damals hätte es die Möglichkeit zur Diskussion über diese Frage gegeben", bemerkte ein Sprecher. Der Widerspruch zwischen der unternehmerischen Leistung Hahns und dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte werde in dem Band sichtbar. Die Stadt gehe davon aus, dass dieser auch dem Rotary Club bekannt war. In Abwägung aller Umstände sei die Entscheidung getroffen worden, den Vorschlag der Rotarier zu befürworten.

Das erwähnte, reich illustrierte Buch "DKW-Hahn" enthält in einem "Chefdiplomat der Auto Union Dr.Carl Hahn" überschriebenen Kapitel mehrere Aufnahmen aus den späten 1930er-Jahren, die Hahn neben Nazi-Größen wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels zeigen. An anderer Stelle heißt es, Hahn habe den Nationalsozialisten zwiespältig gegenübergestanden. Zwar habe er "zwischen seinem katholischen Glauben und der stark atheistischen Ideologie der NSDAP eine schwierig zu überwindende Schranke" gesehen. Sein Beitritt sei dennoch schon deshalb unerlässlich gewesen, da die sächsische Parteiführung auf die als Staatsunternehmen gegründete Auto Union ab 1933 massiv Einfluss genommen habe. Martin Mutschmann, Reichsstatthalter und oberster NS-Funktionär im Land, sei praktisch in allen Grundsatzentscheidungen eingebunden gewesen.

Professor Rudolf Boch, Wirtschaftshistoriker an der TU Chemnitz, verweist in der von ihm mitverfassten Untersuchung "Kriegswirtschaft und Arbeitseinsatz bei der Auto Union AG Chemnitz im Zweiten Weltkrieg" darauf, dass Hahn "mit großer Selbstverständlichkeit an Nürnberger Reichsparteitagen" teilnahm. Die Studie zitiert zudem aus Schreiben an Hahn, in dem diesem über den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte berichtet wird. Von organisierten Übergriffen, wie sie insbesondere aus dem Werk in Siegmar überliefert sind, sei dort allerdings nichts erwähnt. "Auf höchster Unternehmensebene verschloss man vor der Gewalttätigkeit gegen Ausländer die Augen", heißt es.

"Wer solche Schuld - aktiv oder auch nur wissentlich - auf sich geladen haben soll, dem darf in Chemnitz keine Ehrentafel verlegt werden", fordert Dietmar Berger, der stellvertretende Ratsfraktionschef der Linken. Er verweist auf Ingolstadt, dem heutigen Hauptsitz der Audi AG. Dort war bis vor wenigen Jahren eine Straße nach Hahns Chemnitzer Vorstandskollegen Richard Bruhn benannt. Als dessen Verstrickungen in der NS-Zeit bekannt wurden, galt der Name nicht länger als tragbar. Die Straße wurde vor einem Jahr umbenannt.

*Das Foto wurde dem von Carl H. Hahn und Peter Kirchberg herausgegebenen Band "DKW-Hahn. Ein Manager und Unternehmer der deutschen Kraftfahrzeugindustrie" entnommen. Das Buch ist in allen "Freie Presse"-Shops erhältlich.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 09.09.2017
    22:13 Uhr

    Freigeist14: Die Entscheidung Zwangsarbeiter anzufordern ,auszubeuten und menschenunwürdig zu behandeln kann niemand die Verantwortlichen der Auto-Union freisprechen.Alles Andere ist Geschichtsfälschung und Verharmlosung des dunklen Kapitels.

    6 5
     
  • 09.09.2017
    13:35 Uhr

    FKW: Gerade die SED-Nachfolger und Mitglieder kommunistischer Vorfeldorganisationen sollten sich erinnern, dass Unternehmensleitung und Parteimitgliedschaft in Diktaturen nur sehr begrenzt frei entschieden werden durften. Vielleicht sollten wir aber einfach Carl. H. Hahn junior, der sich wie kaum ein zweiter um die Stadt und die Region verdient gemacht hat, ehren. Dann ist die Diskussion keine mehr.

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