Brandanschlag: Zwei Plauener als mutige Helfer in der Not

Als die Schüler das Feuer an der Trockentalstraße bemerkten, sprangen sie aus dem Auto. Bei ihrem Einsatz kämpften sie um mehrere Leben. Von Gaffern schlug ihnen dafür offener Hass entgegen.

Plauen.

Auf dem Rückweg vom Kino war es. Julian Walther (19) saß am Steuer seines Autos, neben ihm Kumpel Maurice Fabrizius (18). Sie waren auf eine Geburtstagsfeier eingeladen und nahmen gegen 22.40 Uhr den Weg durch die Trockentalstraße. "Auf einmal habe ich etwa fünf Menschen am Straßenrand, gesehen, sie haben gewunken und geschrien", erinnert sich Walther an den Freitag kurz vor Silvester. "Dann ist uns der Qualm aufgefallen", sagt Fabrizius.

Walther warf den Warnblinker an, fuhr rechts ran, beide sprangen aus dem Wagen. "Die Menschen haben uns angefleht, Hilfe zu holen", schildert der 19-Jährige. Im gleichen Moment sei ein Streifenwagen gekommen. Walther und zwei Polizisten rannten zum Haus, Fabrizius rief mit dem Handy die Feuerwehr. "Das ging im Sekundentakt", sagt Walther, der das Berufliche Schulzentrum Anne Frank besucht. "Es war sofort klar, dass das ganze Haus brennt. Wir haben die Hitze gespürt." Aus der Haustür sei dicker Rauch gequollen. Frauen neben ihm auf dem Gehweg, teils notdürftig bekleidet, seien in Panik gewesen. Im zweiten Stock hätten Männer Kinder an den Handgelenken aus den Fenstern gehalten. Eines fing Walther auf. "Der etwa drei Jahre alte Junge hat laut geweint, ich habe ihn in den Schal einer Frau gewickelt und ihn hin- und hergetragen."

Währenddessen habe sich ein Mann an der Hauswand hochgehangelt, um ein zweites Kind an den Knöcheln zu fassen. Beim Weg nach unten habe es sich überschlagen. Ein drittes Kind habe ein halb verbranntes Gesicht gehabt, so Walther, der den kleinen Jungen bei Rettungskräften ablieferte. "Wie in einem Bürgerkrieg", beschreibt er die Szene. "Es hat uns berührt und auch geschockt, wie viele Menschen in dem Haus waren."

Sobald Fabrizius nach dem Notruf aufgelegt hatte, hörte er Schreie. "Aus einem Fenster zur Straße rief jemand um Hilfe." Der Schüler des Diesterweg-Gymnasiums rannte hin. Am Fenster im ersten Stock: ein verstörter älterer Herr. Fabrizius ließ sich dessen Hund herausreichen, dann half er auch dem Mann aus dem brennenden Haus. Sein Nachbar, ein Rollstuhlfahrer, sei noch da drinnen, habe der ältere Herr verzweifelt gesagt. Der Mann sei dann auf den Balkon an der Rückseite gefahren und so gerettet worden.

Die beiden Abiturienten in spe packten noch weiter an: Sie halfen Feuerwehrleuten, eine Leiter hinters Haus zu schleppen. "Wir haben sie getragen, die Feuerwehrmänner sind vorangegangen und haben mit dem Bolzenschneider Zäune aufgemacht", schildert Fabrizius.

Fassungslos zeigt sich Walther, als er von Menschen auf der anderen Straßenseite berichtet: "Sie haben gefragt, warum wir den Leuten helfen." Man solle sie doch verbrennen lassen, habe es von drüben geheißen. "Wie kann jemand, wenn Menschen zugrunde gehen könnten, nur an der Seite stehen und so was rufen?", fragt der 19-Jährige. Ein Mann habe "Sieg heil" gerufen und sei dann in eins der Häuser, um hinter dem Fenster weiter zuzusehen. Andere Anwohner dagegen hätten Decken und Tee gebracht. Empört zeigt sich Walther auch über zwei Autos, die direkt hinter ihnen fuhren - aber nicht anhielten, um zu helfen.

Gegen 23.45 Uhr, als sich alles langsam beruhigte, setzten sich die beiden wieder in den Wagen. Auf der Feier trafen sie mit Rauchgeruch, verrußt und verschwitzt ein.

Bei dem Brand wurden 19 Menschen verletzt, 14 wurden obdachlos. Ein 25-Jähriger wird verdächtigt, das Feuer im Keller gelegt zu haben. Er soll Streit mit dem Vermieter gehabt haben. Gegen ihn wird nun wegen Mordversuchs ermittelt.

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1Kommentare
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  • 13
    0
    kgruenler
    09.01.2018

    Dankeschön an die beiden couragierten Helfer für Ihr schnelles und umsichtiges Eingreifen! Danke auch an die Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei!



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