Sehnsucht, Terror, Weltgeschichte

Seit 1917 wurde die Geschichte der Revolution von jedem erdenklichen Freund und Feind erzählt, aber über die Bilanz ist man sich noch immer nicht einig. Die Revolution besiegelte nicht nur das Ende des alten Russlands. Sie war der Beginn einer neuen Ära, in der alles möglich schien, was bislang nur gedacht worden war. Lenin stand für Macht und Veränderung, doch was war er für ein Mensch? Und wie gehen die Russen heute mit ihrer Vergangenheit um?

Einer, der sich mit russischer Geschichte seit Jahren befasst, ist Matthias Uhl. Der Historiker aus Thüringen studierte von 1990 bis 1995 in Halle und Moskau, war dann an der Luther-Universität in Halle/Wittenberg und in der Berliner Abteilung des Instituts für Zeitgeschichte tätig. Seit 2005 ist er Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau. Stephan Lorenz fragte ihn, was die Russen von Lenin und seiner Revolution halten und welche Rolle dabei Putin spielt.

Freie Presse: Warum war die Oktoberrevolution damals erfolgreich? Ende 1917 unkte der deutsche Kaiser Wilhelm II. über Lenin: "Der Kerl ist erledigt."

Matthias Uhl: Lenin hat es schließlich geschafft, weil er einen brutalen Willen zur Macht hatte. Er machte sich keine Illusionen darüber, wie die Kräfteverhältnisse im Lande waren. Nur mit dem rücksichtslosesten Einsatz aller Kräfte konnte er gewinnen. Aber man darf ja nicht vergessen, dass erst wenige Monate zuvor die bürgerliche Februarrevolution zur Umgestaltung des alten Zarenreiches stattgefunden hat. Lenin drehte die Geschichte weiter und ging dabei ein großes Wagnis ein.

War die Oktoberrevolution Vorbild oder Fluch für alle weiteren Revolutionen, die danach kamen?

Jede Revolution hat ihre Eigenheiten, natürlich. Aber der Oktoberumsturz wurde immer als ein Prototyp einer erfolgreichen Revolution angesehen.

Wie ist die Bilanz der Revolution?

Auf jeden Fall sehr, sehr blutig. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen hat man damit versucht, gesellschaftliche Utopien zu verwirklichen. Es war immer ein Gegenstück zum Kapitalismus. Auf jeden Fall hat die Oktoberrevolution das Antlitz der Welt radikal verändert.

Das Deutsche Reich hat Lenin anfangs finanziert, damit er an die Macht in St. Petersburg kommt. Er sollte schließlich im Ersten Weltkrieg für Frieden mit dem Reich sorgen, um Berlin die Last des Zweifrontenkrieges zu nehmen. Ist das heute in Russland auch Teil einer verschwörerischen Umdeutung der Revolution?

Es ist relativ gut belegt, dass Lenin Geld aus Berlin erhielt. Allein die Zugfahrt aus dem Exil nach Petrograd wurde von den Deutschen bezahlt. Die waren anfangs recht zufrieden mit Lenin, später lief das Ganze in St. Petersburg aus Sicht Berlins aus dem Ruder. Die Vielzahl von Dokumenten, die eine Finanzierung Lenins durch die Deutschen belegen, lässt wenig Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien. Diese sind heute in Russland in Bezug auf die Oktoberrevolution auch nicht sonderlich populär.

Putin bezeichnete 2005 den Untergang der UdSSR als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Er meinte den Verlust des Imperiums. Für Moskau war das Ende der Sowjetunion eine einschneidende Zäsur, an der die Russen bis heute nagen. Das kann man sich im Westen kaum vorstellen. Der Verlust des Weltmachtstatus ist ein Phantomschmerz, der nicht nur in politischen Kreisen, sondern auch in weiten Teilen der Gesellschaft festzustellen ist.

Wie sehen die aktuellen Versuche der Versöhnung mit 1917 aus?

Im November 2015 legte der Kulturminister Wladimir Medinski in einer Rede das verbindliche Deutungsmuster für die Revolutionsfeiern von 2017 fest. Dabei definierte er als Leitmotiv der Erinnerung nicht den politischen Umsturz, sondern die Versöhnung der Konfliktparteien. Medinski setzte wiederholt den Begriff der "Wirren" ein, bezog sich dabei auf das schwierige Interregnum in der russischen Geschichte vor der Thronbesteigung der Romanows 1613. Die Oktoberrevolution erscheint damit nicht mehr als Mythos der Gründung einer gerechteren Gesellschaft, sondern als Störfaktor in einem übergeordneten imperialen Projekt. Gesiegt habe im Bürgerkrieg das historische Russland, das als einheitlicher Sowjetstaat wiederauferstanden sei. Um es kurz zu machen: Das Projekt Medinskis ist grandios gescheitert.

Woran machen Sie das fest?

Für mehr als die Hälfte der Russen ist Lenin immer noch eine positive historische Figur. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die blutigen Folgen der Auslöschung ganzer Gesellschaftsschichten bis heute kaum kritisch hinterfragt werden. Belegt wird diese These auch durch die jetzige Leninausstellung in Moskau, die im nicht wirklich prominenten Staatsarchiv gezeigt wird. Dort lassen sich zwar die Trauringe des Revolutionsführers bewundern, nicht aber sein 1918 unterschriebener Brief zur Vernichtung des Kosakentums als Klasse. Zudem kann der heutigen konservativen Regierung kaum an der Verherrlichung der Revolution gelegen sein. Deshalb gibt es zwar Ausstellungen und wissenschaftliche Konferenzen, im öffentlichen Raum spielen 100 Jahre russische Revolution jedoch kaum eine Rolle.

Der 7. November ist kein Feiertag mehr wie früher in Russland. Dafür der 4. November. Warum?

Im Vergleich zum Weltkriegsende 1945 ist das hier doch sehr heruntergefahren. Eine große öffentliche Wertschätzung gibt es nicht. Aber der historische Ballast von 1917 wird auch nicht abgeschüttelt. Gründe? Die Russen haben den Kanal voll von Umstürzen und Revolutionen. Die Gesellschaft sehnt sich nach Ruhe. Darauf setzt Putin. Auf den 4. November - den Tag der nationalen Einheit - wurde wohl nur zurückgegriffen, weil man den Feiertag im Herbst nicht aufgeben wollte. Gesellschaftlich hat dieses Datum, das an die Befreiung Moskaus 1612 von der polnisch-litauischen Besetzung erinnert, kaum eine Bedeutung.

War Gorbatschow mit seiner Rückbesinnung auf Lenin der letzte Bolschewik?

Das ist eher in den Kontext der Niederlage im Kalten Krieg eingebettet. Zu 1917 sieht man in Russland keine Zusammenhänge. Die Perestroika ist in russischen Augen auch ziemlich diskreditiert, weil sie zur wirtschaftlichen Zerstörung des Landes und der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung geführt hatte. Deshalb ist der Name Gorbatschow im heutigen Russland kontaminiert. Er gilt hier nicht als letzter Bolschewik, sondern als Totengräber der Sowjetunion und Handlanger des Westens.

Der Einparteienstaat, den Lenin gegründet hatte, verfiel von der Spitze her. War die Zeit Jelzins eine Revolution von oben?

Ich würde die Jelzin-Zeit nicht als Revolution von oben charakterisieren. Dies hätte ja eine gewisse Planmäßigkeit der gesellschaftlichen Umgestaltungen vorausgesetzt. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war jedoch das Chaos programmiert, sodass der Demokrat Jelzin zu einem Getriebenen der Ereignisse wurde. Historisch setzte sich der erste russische Präsident jedoch klar von der Oktoberrevolution ab und deutete diese als tragischen Unfall der Geschichte. Da nun die vorrevolutionäre Zeit idealisiert wurde, musste übrigens auch die bürgerliche Februarrevolution im Schatten des "Großen Oktobers" bleiben und avancierte so auch nicht zum historischen Symbol eines neuen Russlands.

Warum scheiterte 1991 der Putsch gegen Jelzin?

Der Putsch gegen Jelzin und Gorbatschow musste scheitern, weil der Großteil der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten erkannt hatte, dass das sozialistische Gesellschaftsmodell gescheitert war und keine Perspektive mehr bot. Aus diesem Grund verweigerten selbst große Teile des KGB den Putschisten ihre Unterstützung.

Wie steht Putin zur Revolution?

Sie ist auch für ihn Teil des russischen Erbes, aber er sieht zugleich die Gefahren. Putin hat zum Beispiel mal gesagt, dass Lenin mit seiner Nationalitätenpolitik und den damit verbundenen Gefahren eine "Atombombe" gelegt hätte. Putins Verhältnis zur Oktoberrevolution ist eher gespalten: Er weiß nicht so recht, was er davon für sich positiv herausziehen kann und was eine Gefahr darstellen könnte. Er tut gut daran, die Sache, die so symbolhaft nach Umsturz riecht, ruhen zu lassen.


Ein Schuss für die Geschichtsbücher

Der Panzerkreuzer "Aurora" gibt auf Geheiß der Bolschewiki das Signal für die Erstürmung des Winterpalais, des Sitzes der Regierung - Ein Blick zurück auf die Historie

Nach der Abdankung von Zar Nikolaus II. im März 1917 setzte die Duma, das Parlament, eine Provisorische Regierung ein. Nebenbei hatte sich mit den Sowjets eine Bewegung entwickelt, die ebenfalls Ansprüche auf die Regierung erhob. Ab Juli übernahm Alexander Kerenski die Führung der Provisorischen Regierung, aber auch er sollte nur wenige Monate an der Macht bleiben. Kerenski und Lenin stammten beide aus Simbirsk (heute Uljanowsk). Ihre Väter kannten sich.

Ende August versuchte der Oberkommandierende der Armee, General Lawr Kornilow, das Land durch eine Militärdiktatur zu stabilisieren, und marschierte auf St. Petersburg (von 1914 bis 1924 hieß die Stadt Petrograd) zu. Der Putschversuch scheiterte. Jetzt schlug die Stunde der Bolschewiki. Im Oktober 1917 organisierten sie sich zum bewaffneten Aufstand gegen die Provisorische Regierung von Kerenski. Am Abend des 25. Oktobers nach altem russischen Kalender gab das Buggeschütz des Kreuzers "Aurora", der vor St. Petersburg vor Anker lag, um etwa 21.45 Uhr einen Schuss ab, der das Signal zur Erstürmung des Winterpalais, des Regierungssitzes, gegeben haben soll. Die "Aurora" wurde zum Symbol der Oktoberrevolution. Die Matrosen der "Aurora" erklärten später, lediglich einen Platzpatronenschuss abgegeben zu haben. Es kam kaum zu nennenswerten Straßenschlachten, die Revolte stieß in jenen Stunden auf relativ wenig Widerstand.

Im Deutschen Reich berichteten die Blätter über Lenins Coup schon ab dem 8./9. November auf den Titelseiten: in der Region zum Beispiel die eher bürgerlich-liberalen "Zwickauer Neueste Nachrichten" oder die Chemnitzer "Volksstimme", Vorläuferin der "Freien Presse".

Die Überschriften lauteten "Bürgerkrieg in St. Petersburg" oder "Lenin, vorläufiger russischer Präsident" in den "Neuesten Nachrichten". Das klang noch zurückhaltend und vorsichtig.

Die SPD-Zeitung "Volksstimme" meldete hingegen schon am 9. November "Diktatur des russischen Proletariats". Lenin proklamierte die Sozialistische Sowjetrepublik. Bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung erhielten die Bolschewiki nur 25 Prozent der Stimmen. Daraufhin lösten sie die Versammlung mit Waffengewalt auf. Die Folgen? Parteidiktatur und Bürgerkrieg. Nach dem Tod Lenins 1924 folgte die Ära des Stalinismus.


Der Mensch und die Macht

Mit seiner Lenin-Biografie gelingt dem britischen Historiker Victor Sebestyen ein Meisterwerk auf wissenschaftlich wohlbestelltem Boden: Dabei charakterisiert er Lenin als einen russischen Radikalen von kleinbürgerlicher Statur.

Lenin - ein Fanatiker und Putschist, ein Visionär und Held? Viele Bücher über Lenin zeigen ihn in seiner Widersprüchlichkeit und treffen damit nicht nur die persönliche Tragik des Revolutionärs, sondern die Tragik der Oktoberrevolution überhaupt. Ihr Protagonist war ein Produkt seiner Zeit und seines Landes, eines gewalttätigen, tyrannischen und korrupten Russlands. Der revolutionäre Staat, den er schuf, war weniger die soziale Utopie, von der er träumte, als vielmehr Spiegelbild der zaristischen Autokratie unter den Romanows. Dass Lenin Russe war, ist genauso bedeutsam wie seine marxistische Überzeugung. Wladimir Iljitsch Uljanow (1870 - 1924) besaß eine Menge Humor, schreibt Victor Sebestyen in seiner neuen Lenin-Biografie. Doch bei angeblichen Verfehlungen seiner Mitstreiter hörte für ihn jeder Spaß auf. Uljanow, der sich während der Exilzeit Lenin zu nennen begann, war unermüdlich, wenn es darum ging, Konkurrenten zu beschimpfen. Lenin, so lehrt es Sebestyen, verlor in Momenten der Zuspitzung jede Contenance. Die Anbahnung der Revolution in der rückständigen Heimat betrieb er kalkuliert. Sobald die 1917 im Handstreich errungene Macht aber verteidigt werden musste, brachen bei dem äußerlich unscheinbaren Intellektuellen aus Simbirsk an der Wolga sukzessive alle Dämme.

Lenin meinte, die Macht könne ihm jederzeit wieder entgleiten, was einen Teil der Geschichte des Sowjetstaates erklärt. Nachdem Lenin das Ruder übernommen hatte, galt seine Sorge für den Rest seines Lebens der Bewahrung der Macht - ein Wahn, den er seinen Nachfolgern vermachte. Die persönliche Bedürfnislosigkeit sicherte dem Organisator der Bolschewiki moralische Glaubwürdigkeit. Sein einziger Luxus war das Gästehaus in Gorki unweit von Moskau. Dort kochte übrigens Spiridon Putin, der Großvater des heutigen Staatschefs Wladimir Putin, für Lenin und seine Getreuen.

Dazu kam bei Lenin eine erstaunliche Flexibilität in ideologischen Fragen. Russland war unter der Herrschaft Nikolaus II. weit davon entfernt, auch nur die Grundzüge einer bürgerlich-liberalen Gesellschaft zu entwickeln. Sebestyen legt in seinem Werk keine neuen politischen Einsichten dar, aber er beschreibt den Menschen Lenin inmitten der dramatischen historischen Abläufe in Russland. Es gelingt dem britischen Journalisten und Historiker meisterhaft. Lenins Leben liest sich wie ein Krimi, auch wenn man das Ende kennt.

Die Verletzungen dieses wohl radikalsten aller Weltveränderer datieren zurück auf die Kindheit und Jugend. Zum frühen Tod des Vaters gesellte sich die Tragödie von Uljanows älterem Bruder Alexander, der als Verschwörer gegen das autokratische Zarenregime sein Leben ließ. Lenins Entscheidung, in den Untergrund zu gehen und den Zarismus mit vor allem illegalen Mitteln zu bekämpfen, prägte fortan sein Leben.

Sebestyen verweist auf die Parallelen zu gegenwärtigen Diskussionen über Populismus in der Politik. Er schreibt: "Lenin errang die Macht durch einen Staatsstreich, aber er operierte nicht durchweg mit Terror. In vielerlei Hinsicht war er ein durch und durch modernes Phänomen - jene Art Demagoge, der uns aus westlichen Demokratien ebenso vertraut ist wie aus Diktaturen. Auf dem Sprung zur Macht versprach er den Menschen alles und jedes. Er bot einfache Lösungen für komplexe Probleme, log schamlos und rechtfertigte sich damit, dass allein der Sieg zähle."

Man ist nach der Lektüre verblüfft: Mit dem Charisma des Bibliothekenhockers, aber dem Anschein äußerster Tatkraft zog er mehrere Generationen von linken Hasardeuren in aller Welt in seinen Bann. Auch die Rolle der Frauen an seiner Seite ist interessant. Neben seiner Frau Nadja Krupskaja, die ihm das Leben im Exil, in muffigen Zimmern mit spärlichem Mobiliar, so angenehm wie möglich gestaltete, spielte seine Mutter als Geldgeberin eine wichtige Rolle. Vor allem aber seine Geliebte Inessa Armand übte Einfluss auf ihn aus. Beim Begräbnis der bolschewistischen Feministin 1920 erlitt Lenin seinen einzigen Zusammenbruch in der Öffentlichkeit.

Lenins Kühnheit lag darin, die Revolution eben dort zu entfesseln, wo sie gemäß der eigenen Lehre nicht die geringste Chance auf Verwirklichung besaß. Der Vorgriff auf die Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft bestand in der äußersten Härte, mit der die "Sowjetmacht" Vertreter "rückständiger" Gesellschaftsgruppen unterdrückte. Der blutige Preis ist bekannt.

Buchtipp: Victor Sebestyen: "Lenin. Ein Leben"

Übersetzt vonb N. Juraschitz, K. Schuler, H. Thies

Rowohlt-Verlag, 2017

29,95 Euro

ISBN: 978-3871341656

 

Ausgewählte Bücher

Das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich widmen den revolutionären Ereignissen in Russland von 1917 bis 1922 einen Aufsatzband. Die Texte entfalten ein Kaleidoskop der Russischen Revolution aus unterschiedlichen Blickwinkeln und geben Antworten auf die Frage, warum wir uns noch heute daran erinnern sollten. Mit Beiträgen von zwölf Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz, Russland, Frankreich und Großbritannien.

Buchtipp: Deutsches Historisches Museum/ Schweizerisches Nationalmuseum: "1917. Revolution"

Sandstein Kommunikation, 2017

34 Euro

ISBN: 978-3-95498-274-5

Der britische Historiker Orlando Figes veröffentlichte 1998 den Bestseller "Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891-1924". Seitdem hat der Professor für neuere und neueste russische Geschichte am Birkbeck College an der University of London mehrere erfolgreiche Bücher über Russland herausgebracht. In diesem Jahr ist bei dtv-Taschenbuch "Hundert Jahre Revolution" erschienen. In einem historischen Moment, da in Russland unter Putin die autoritäre Staatstradition wieder auflebt, liefert Figes eine interessante Interpretation des russischen 20. Jahrhunderts.

Buchtipp: Orlando Figes: "Hundert Jahre Revolution: Russland und das 20. Jahrhundert"

dtv-Taschenbuch, 2017

14,90 Euro

ISBN: 978-3-423-34915-4

Viele werden den Schriftsteller Eugen Ruge ("In Zeiten des abnehmenden Lichts", "Follower: Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel") kennen. Sein Vater Wolfgang Ruge (1917 - 2006) war ein bekannter Historiker in der DDR. Er war 1933 als 16-Jähriger in die Sowjetunion emigriert, erlebte den "Großen Terror" in Moskau, kam 1941 als "Arbeitsarmist" in den Gulag. 1956 kehrte er in die DDR zurück, wo er bis zu seiner Pensionierung 1982 als Professor im Fachbereich Weimarer Republik an der Akademie der Wissenschaften tätig war. Aus seinem Nachlass haben Sohn Eugen und Wladislaw Hedeler, der die erste Geschichte eines Lagerkomplexes des Archipel Gulag vorlegte, 2015 eine Lenin-Biografie herausgegeben, die dem Phänomen Lenin nachgeht. Ein Alterswerk, in dem es Ruge gelingt, die Spannung und Wucht des Geschichtsprozesses auf mitunter beklemmende Weise zu entfesseln.

Buchtipp: Wolfgang Ruge, Eugen Ruge, Wladislaw Hedeler (Hg.): "Lenin. Vorgänger Stalins".

Verlag Matthes und Seitz, 2015

29,90 Euro

ISBN: 978-3-95757-117-5


Die Oktoberrevolution - Eine Zeitleiste

1887

Alexander Uljanow, der ältere Bruder Lenins, wird hingerichtet, nachdem er sich als Student an einem Komplott zur Ermordung von Zar Alexander III. beteiligt hatte. Vater Ilja Uljanow ist Schulinspektor - und wird 1882 in den erblichen Adelsstand erhoben. Mutter Maria ist die Tochter des deutschen Arztes Alexander Israel Blank.

1894

Zar Nikolaus II. besteigt nach dem Tod seines Vaters mit 36 Jahren den Thron. Er lehnt Reformen ab.

1903

Auf dem 2. Parteitag der 1898 gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) kommt es zur Spaltung. Lenins Anhänger in der Partei erreichen für ihre radikalen Positionen knapp die Mehrheit und nennen sich Bolschewiki. Ihnen entgegen stehen die gemäßigteren Menschewiki.

1905

Der "Blutsonntag" findet am 9. Januar (nach neuem russischen Kalender am 22. Januar) statt: Um gegen die Repression des Zarenregimes und die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu protestieren, demonstrieren in St. Petersburg Zehntausende. Das Militär tötet Hunderte Menschen. Das berühmte Foto dazu wird im Jahr 1925 nachgestellt. Im Oktober führt der Zar ein Parlament ein, die Duma.

1907

Wegen seiner politischen Aktivitäten muss Lenin aus Russland fliehen. Er findet unter anderem Exil in der Schweiz.

1914

Der Erste Weltkrieg beginnt wenige Wochen nach dem Attentat von Sarajevo mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914. Ab August 1914 befinden sich die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn im Krieg gegen die Entente-Staaten Frankreich, Großbritannien und Russland.

Februar 1917

Die "Februarrevolution" ist eine Massenerhebung, getragen von Hunderttausenden, gegen das diktatorische und unfähige Regime des Zaren. Petrograder Soldaten solidarisieren sich mit den Unzufriedenen, ein Drittel der Duma-Abgeordneten gründet ein Provisorisches Komitee. Parallel dazu entsteht der Arbeiter- und Soldatenrat (Sowjet) als proletarische Vertretung. Das Zarenregime wird gestürzt.

2./15. März 1917

Zar Nikolaus II. und mit ihm die Dynastie danken ab. Das Duma-Komitee proklamiert sich unter Duldung des Petrograder Sowjets als Provisorische Regierung.

3./16. April 1917

Lenin kehrt aus dem Exil in einem verplombten Zug zurück. In seinen berühmten "Aprilthesen" fordert er eine sozialistische Revolution.

25. Oktober/7. November 1917

Die Bolschewiki dringen in das Winterpalais ein und nehmen die Provisorische Regierung fest. Rote Garden besetzen strategische Plätze in Petrograd. Die "Oktoberrevolution" ist eine Art Staatsstreich mit Hilfe einiger Tausend Soldaten und Matrosen. Das berühmte Gemälde "Sturm auf das Winterpalais" von E. I. Deschalyt (Foto) gehört zur späteren Verklärung des Geschehens durch sowjetische Historiker.

Winter 1917/18

Polen, Finnland, die Ukraine und baltische Länder erklären ihre Unabhängigkeit.

Februar 1918

Der gregorianische Kalender wird eingeführt. Die Tage zwischen dem 31. Januar und 14. Februar werden gestrichen. Die "Oktoberrevolution" fand demnach am 7. November statt.

3. März 1918

In Brest-Litowsk wird der Friedensvertrag zwischen Russland und dem Deutschen Reich unterzeichnet. Lenin hatte auf einen Friedensschluss gedrängt, um die innere Stabilität Russlands zu erhalten.

17. Juli 1918

Zar Nikolaus II. und seine gesamte Familie werden in einer Villa in Jekaterinburg am Ural von den Bolschewiki ermordet. 1979 werden die Überreste der Romanows entdeckt und 1991 exhumiert.

1921/22

Russland erlebt die schlimmste Hungersnot seiner Geschichte. Millionen Menschen sind betroffen. Die Katastrophe wird ausgelöst durch die ökonomischen Folgen des Weltkrieges und des Bürgerkrieges. Nahrungsmittelrequirierungen des Staates und Dürren kommen dazu. Geschätzte fünf Millionen Menschen sterben.

30. Dezember 1922

Nach dem endgültigen Sieg im Bürgerkrieg wird die Sowjetunion gegründet.

31. Januar 1924

Lenin stirbt nach mehreren Schlaganfällen, ein erbitterter Machtkampf um seine Nachfolge entbrennt.

1927

Stalin gelingt es, seinen wichtigsten Konkurrenten Leo Trotzki aus der Partei auszuschließen und avanciert zum Alleinherrscher des Sowjetreiches.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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