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Revolutionsführer Lenin wurde auf unzähligen Gemälden als heldenhafter Redner festgehalten. Auch die Zeitungen in Chemnitz, Zwickau oder dem Erzgebirge kamen auf ihren Titelseiten an den welthistorischen Ereignissen im fernen St. Petersburg nicht vorbei.

Foto: Grafik: Uwe MannBild 1 / 2

Sehnsucht, Terror, Weltgeschichte

Seit 1917 wurde die Geschichte der Revolution von jedem erdenklichen Freund und Feind erzählt, aber über die Bilanz ist man sich noch immer nicht einig. Die Revolution besiegelte nicht nur das Ende des alten Russlands. Sie war der Beginn einer neuen Ära, in der alles möglich schien, was bislang nur gedacht worden war. Lenin stand für Macht und Veränderung, doch was war er für ein Mensch? Und wie gehen die Russen heute mit ihrer Vergangenheit um?

Von Stephan Lorenz
erschienen am 03.11.2017

Einer, der sich mit russischer Geschichte seit Jahren befasst, ist Matthias Uhl. Der Historiker aus Thüringen studierte von 1990 bis 1995 in Halle und Moskau, war dann an der Luther-Universität in Halle/Wittenberg und in der Berliner Abteilung des Instituts für Zeitgeschichte tätig. Seit 2005 ist er Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau. Stephan Lorenz fragte ihn, was die Russen von Lenin und seiner Revolution halten und welche Rolle dabei Putin spielt.

Freie Presse: Warum war die Oktoberrevolution damals erfolgreich? Ende 1917 unkte der deutsche Kaiser Wilhelm II. über Lenin: "Der Kerl ist erledigt."

Matthias Uhl: Lenin hat es schließlich geschafft, weil er einen brutalen Willen zur Macht hatte. Er machte sich keine Illusionen darüber, wie die Kräfteverhältnisse im Lande waren. Nur mit dem rücksichtslosesten Einsatz aller Kräfte konnte er gewinnen. Aber man darf ja nicht vergessen, dass erst wenige Monate zuvor die bürgerliche Februarrevolution zur Umgestaltung des alten Zarenreiches stattgefunden hat. Lenin drehte die Geschichte weiter und ging dabei ein großes Wagnis ein.

War die Oktoberrevolution Vorbild oder Fluch für alle weiteren Revolutionen, die danach kamen?

Jede Revolution hat ihre Eigenheiten, natürlich. Aber der Oktoberumsturz wurde immer als ein Prototyp einer erfolgreichen Revolution angesehen.

Wie ist die Bilanz der Revolution?

Auf jeden Fall sehr, sehr blutig. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen hat man damit versucht, gesellschaftliche Utopien zu verwirklichen. Es war immer ein Gegenstück zum Kapitalismus. Auf jeden Fall hat die Oktoberrevolution das Antlitz der Welt radikal verändert.

Das Deutsche Reich hat Lenin anfangs finanziert, damit er an die Macht in St. Petersburg kommt. Er sollte schließlich im Ersten Weltkrieg für Frieden mit dem Reich sorgen, um Berlin die Last des Zweifrontenkrieges zu nehmen. Ist das heute in Russland auch Teil einer verschwörerischen Umdeutung der Revolution?

Es ist relativ gut belegt, dass Lenin Geld aus Berlin erhielt. Allein die Zugfahrt aus dem Exil nach Petrograd wurde von den Deutschen bezahlt. Die waren anfangs recht zufrieden mit Lenin, später lief das Ganze in St. Petersburg aus Sicht Berlins aus dem Ruder. Die Vielzahl von Dokumenten, die eine Finanzierung Lenins durch die Deutschen belegen, lässt wenig Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien. Diese sind heute in Russland in Bezug auf die Oktoberrevolution auch nicht sonderlich populär.

Putin bezeichnete 2005 den Untergang der UdSSR als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Er meinte den Verlust des Imperiums. Für Moskau war das Ende der Sowjetunion eine einschneidende Zäsur, an der die Russen bis heute nagen. Das kann man sich im Westen kaum vorstellen. Der Verlust des Weltmachtstatus ist ein Phantomschmerz, der nicht nur in politischen Kreisen, sondern auch in weiten Teilen der Gesellschaft festzustellen ist.

Wie sehen die aktuellen Versuche der Versöhnung mit 1917 aus?

Im November 2015 legte der Kulturminister Wladimir Medinski in einer Rede das verbindliche Deutungsmuster für die Revolutionsfeiern von 2017 fest. Dabei definierte er als Leitmotiv der Erinnerung nicht den politischen Umsturz, sondern die Versöhnung der Konfliktparteien. Medinski setzte wiederholt den Begriff der "Wirren" ein, bezog sich dabei auf das schwierige Interregnum in der russischen Geschichte vor der Thronbesteigung der Romanows 1613. Die Oktoberrevolution erscheint damit nicht mehr als Mythos der Gründung einer gerechteren Gesellschaft, sondern als Störfaktor in einem übergeordneten imperialen Projekt. Gesiegt habe im Bürgerkrieg das historische Russland, das als einheitlicher Sowjetstaat wiederauferstanden sei. Um es kurz zu machen: Das Projekt Medinskis ist grandios gescheitert.

Woran machen Sie das fest?

Für mehr als die Hälfte der Russen ist Lenin immer noch eine positive historische Figur. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die blutigen Folgen der Auslöschung ganzer Gesellschaftsschichten bis heute kaum kritisch hinterfragt werden. Belegt wird diese These auch durch die jetzige Leninausstellung in Moskau, die im nicht wirklich prominenten Staatsarchiv gezeigt wird. Dort lassen sich zwar die Trauringe des Revolutionsführers bewundern, nicht aber sein 1918 unterschriebener Brief zur Vernichtung des Kosakentums als Klasse. Zudem kann der heutigen konservativen Regierung kaum an der Verherrlichung der Revolution gelegen sein. Deshalb gibt es zwar Ausstellungen und wissenschaftliche Konferenzen, im öffentlichen Raum spielen 100 Jahre russische Revolution jedoch kaum eine Rolle.

Der 7. November ist kein Feiertag mehr wie früher in Russland. Dafür der 4. November. Warum?

Im Vergleich zum Weltkriegsende 1945 ist das hier doch sehr heruntergefahren. Eine große öffentliche Wertschätzung gibt es nicht. Aber der historische Ballast von 1917 wird auch nicht abgeschüttelt. Gründe? Die Russen haben den Kanal voll von Umstürzen und Revolutionen. Die Gesellschaft sehnt sich nach Ruhe. Darauf setzt Putin. Auf den 4. November - den Tag der nationalen Einheit - wurde wohl nur zurückgegriffen, weil man den Feiertag im Herbst nicht aufgeben wollte. Gesellschaftlich hat dieses Datum, das an die Befreiung Moskaus 1612 von der polnisch-litauischen Besetzung erinnert, kaum eine Bedeutung.

War Gorbatschow mit seiner Rückbesinnung auf Lenin der letzte Bolschewik?

Das ist eher in den Kontext der Niederlage im Kalten Krieg eingebettet. Zu 1917 sieht man in Russland keine Zusammenhänge. Die Perestroika ist in russischen Augen auch ziemlich diskreditiert, weil sie zur wirtschaftlichen Zerstörung des Landes und der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung geführt hatte. Deshalb ist der Name Gorbatschow im heutigen Russland kontaminiert. Er gilt hier nicht als letzter Bolschewik, sondern als Totengräber der Sowjetunion und Handlanger des Westens.

Der Einparteienstaat, den Lenin gegründet hatte, verfiel von der Spitze her. War die Zeit Jelzins eine Revolution von oben?

Ich würde die Jelzin-Zeit nicht als Revolution von oben charakterisieren. Dies hätte ja eine gewisse Planmäßigkeit der gesellschaftlichen Umgestaltungen vorausgesetzt. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war jedoch das Chaos programmiert, sodass der Demokrat Jelzin zu einem Getriebenen der Ereignisse wurde. Historisch setzte sich der erste russische Präsident jedoch klar von der Oktoberrevolution ab und deutete diese als tragischen Unfall der Geschichte. Da nun die vorrevolutionäre Zeit idealisiert wurde, musste übrigens auch die bürgerliche Februarrevolution im Schatten des "Großen Oktobers" bleiben und avancierte so auch nicht zum historischen Symbol eines neuen Russlands.

Warum scheiterte 1991 der Putsch gegen Jelzin?

Der Putsch gegen Jelzin und Gorbatschow musste scheitern, weil der Großteil der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten erkannt hatte, dass das sozialistische Gesellschaftsmodell gescheitert war und keine Perspektive mehr bot. Aus diesem Grund verweigerten selbst große Teile des KGB den Putschisten ihre Unterstützung.

Wie steht Putin zur Revolution?

Sie ist auch für ihn Teil des russischen Erbes, aber er sieht zugleich die Gefahren. Putin hat zum Beispiel mal gesagt, dass Lenin mit seiner Nationalitätenpolitik und den damit verbundenen Gefahren eine "Atombombe" gelegt hätte. Putins Verhältnis zur Oktoberrevolution ist eher gespalten: Er weiß nicht so recht, was er davon für sich positiv herausziehen kann und was eine Gefahr darstellen könnte. Er tut gut daran, die Sache, die so symbolhaft nach Umsturz riecht, ruhen zu lassen.

 
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