Marlon ist acht Jahre alt und er geht natürlich zur Schule. Er kann nicht sprechen und ist körperlich und geistig weit zurück. Dennoch lernt er, vor allem sich zu verständigen.
Es ist noch früh am Morgen. Der Tag für Marlon beginnt. Er muss zur Schule. Der achtjährige Limbach-Oberfrohnaer besucht die Schule am Stadtpark. Seine Mutter Tina Ruckriegel bringt ihn jeden Morgen mit dem Auto hin. Sie muss ihn dafür immer aus dem Rollstuhl herausheben und dann wieder hineinsetzen. Ein größeres Auto, in dem er im Rollstuhl sitzend gefahren werden kann, würde den Alltag deutlich erleichtern.
7.30 Uhr übernehmen die Lehrerinnen und Lehrer und seine Schulbegleiterin Mirijam Patzelt vom Malteser Hilfsdienst. Die 36-Jährige ist seit diesem Schuljahr an Marlons Seite. Seine Klasse ist klein, sieben Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen lernen dort. Eines ist gleich: Die Kinder können kaum sprechen. Auch Marlon, der unter der Geburt eine schwere Infektion bekam, dadurch eine Blutvergiftung, Hirnblutungen und eine Hirnhautentzündung spricht nicht. Geistig ist er ungefähr auf dem Stand eines Vier- bis Fünfjährigen. Er kann nicht laufen, nicht sprechen, seinen Kopf nur unter größter Anstrengung ein wenig halten, schlecht schlucken.
Aber Marlon geht zur Schule und lernt jeden Tag ein bisschen mehr. Michél Held, einer der pädagogischen Fachkräfte der Schule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung, erklärt, wie. Überall im Schulgebäude finden sich Piktogramme. Es gibt Tablets, über die je nach Entwicklungsstand kommuniziert werden kann. Held erklärt, dass die Schule am Stadtpark Metacom nutzt. „Das ist die internationale Sprache für alle Nichtsprechenden.“
Trinken ist jeden Tag eine neue Herausforderung für Marlon
Der Tag in der Klasse startet mit dem Frühstück. Die Schnitte mit einem süßen Aufstrich, den Marlon sich an diesem Tag ausgesucht hat, wird püriert. Festes Essen ist für ihn nicht machbar. Gemeinsam mit Mirijam Patzelt, die seit 2015 als Schulbegleiterin arbeitet, werden die Brote gegessen. Dann folgt eine der schwierigsten Aufgaben für Marlon, erzählt die 36-Jährige. Trinken. Aufgrund der Schluckstörung fällt dem Jungen das schwer. „Wie viel schaffen wir heute?“, fragt sie ihren Schützling. Zehn Schlucke sollen es werden. „Marlon braucht viel Aufmerksamkeit und Unterstützung“, erzählt Patzelt.
Eine besondere Herausforderung sei es, seine Bedürfnisse zu erkennen. Aber sie üben. Ein Beispiel: Auf einem kleinen Schild sind zwei Wochentage vermerkt. Welcher Tag ist heute – Dienstag oder Donnerstag. Marlon hebt unter Anstrengung den Arm und zeigt auf das richtige Symbol. „Das ist toll“, ruft Michél Held. Hätte er den Arm nicht bewegen können, wären auch Augenbewegungen in die richtige Richtung ein Erfolg. Stück für Stück und jeden Tag ein bisschen mehr wird so eine Form der Kommunikation aufgebaut.
Tina Ruckriegel ist froh, dass Marlon diese Schule besuchen kann. 71 Kinder lernen dort aktuell. Im Schulalltag integriert sind auch Therapien. Die Logopädin schaut an diesem Tag immer wieder im Klassenraum vorbei. Auch Physiotherapie kann er hier machen“, sagt Mirijam Patzelt.
Wenn das Sitzen im Rollstuhl zu anstrengend wird
Ein Ziel ist es, dass Marlon irgendwann seinen Kopf selbstständig halten kann. Ihn in dem Spezialrollstuhl oben zu halten, strenge ihn wahnsinnig an. „Auch schon das Sitzen ist für ihn eine Herausforderung.“ Er muss zwischendurch auch immer mal liegen. Dafür gibt es nebenan eine kleine Matratzenlandschaft, auf der sich der Junge ausruhen kann.
Gelernt wird mit allen Sinnen. Auf dem Arbeitsplatz des Achtjährigen liegen verschiedene Gegenstände. Kleine Buzzer, mit denen er Ja oder Nein sagen kann, Piktogramme, ein Duftglas fürs Riechen und das für einen speziellen Wochentag steht. Sein Tagesplan ist mit tastbaren Gegenständen an der Wand aufgehängt. Ein Ring steht für den Morgenkreis, ein kleiner Becher soll daran erinnern, dass er genügend trinken muss. (aed)
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