Als auch der Berg ins Rutschen geriet

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Lebensbedrohlich wälzt sich die braune Brühe durch Sachsen. In Geyer spielt sich am Morgen des 13. Augusts 2002 ein Drama ab, mit dem keiner rechnen konnte. - "Freie Presse"-Redakteure erinnern sich an ihre Arbeit in diesen Tagen.

Geyer.

20 Jahre Wehrleiter, 10 Jahre stellvertretender Kreisbrandmeister. Ralph-Werner Hennings hat in seiner aktiven Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr Geyer einige tragische Geschichten erleben und verarbeiten müssen. An die Tage und Nächte vor genau 20 Jahren - daran kann sich der heute 61-Jährige präzise erinnern: Er leitete in seiner damaligen Funktion als diensthabender Kreisbrandmeister seit der Alarmierung der freiwilligen Feuerwehren am Montagmorgen im Kreis Annaberg die Einsätze entlang der Zschopau. Als kurz vor 7 Uhr in Burgstädtel der erste Keller unter Wasser stand, ahnte noch keiner, was wirklich auf die Erzgebirger zurollen sollte...

Die Annaberger Lokalredaktion berichtete am 15. August 2022: "Die Flut wälzte sich durch Kretscham, Crottendorf, Walthersdorf. Gegen 11 Uhr spitzte sich die Lage in Crottendorf und Walthersdorf zu. Nachdem es sich in der Nacht in diesem Gebiet beruhigte, überschlugen sich am Dienstag die Einsatzmeldungen aus Schlettau, Dörfel, Tannenberg - alle verfügbaren Kräfte waren zu diesem Zeitpunkt ohne größere Pausen im Einsatz. Wehrleiter Hennings: ,Die Situation an den Einsatzorten zu beschreiben, ist schwer. Vielleicht so: Man versucht, das Mögliche zu machen - bis man sich eingestehen muss, dass nichts mehr zu machen ist, dass passieren muss, was passiert.' Menschen und das Material gelangten an ihre Grenzen."

Es sind wenige Fotos, die die Einsätze der Geyerschen Feuerwehrleute dokumentieren. Ralph-Werner Hennings sitzt am Schreibtisch im Rathaus und öffnet die auf der Festplatte seines Computers gespeicherten Bilddateien. Er muss nicht lange überlegen: Kurz vor 7 Uhr sei er am Montag von einem Disponenten der Annaberger Leitstelle angerufen worden, erinnert er sich. In Crottendorf gebe es ein paar Probleme mit Wasser, habe es geheißen. Sandsäcke sollte er organisieren. Die wurden dann auch aus Walthersdorf angefordert. Der stellvertretende Kreisbrandmeister entschloss sich, die Zschopau abzufahren.

"Unser Zeltlager der Jugendfeuerwehr, das am 10. und 11. August stattfand, hatten wir noch trocken abbauen können. Dann begann es leicht zu regnen." Dass diese Gefahr entsteht - sozusagen über Nacht -, habe keiner ahnen können. Der Wehrleiter sagt später: "Keiner von uns hatte so etwas bisher erlebt."

Doch die Situation verschärfte sich. Henning fuhr zum Lagebericht ins Annaberger Landratsamt. Katastrophen-Voralarm wurde ausgelöst. Diese Entscheidung traf Jürgen Förster, der damalige Landrat, gegen 10.30 Uhr. An der Zwönitzer Straße in Geyer liefen die Keller voll. Das sei grotesk gewesen - Wasser im Keller in Häusern oben auf dem Berg. Es kam aus Schächten des Altbergbaus. Dann der Hilferuf aus Tannenberg. Auf einer Weide waren fünf Schafe vom Wasser der Zschopau eingeschlossen. Ralph-Werner Hennings: "Wir haben die Kameraden im Schlauchboot mittels Seilen gesichert. Aber die Strömung war so stark, dass wir die Seile nicht festhalten konnten. Ich musste den Einsatz abbrechen, die Sicherheit der Männer hatte Vorrang." Das Paradoxe: Drei Tiere überlebten die Flut.

Hennings telefonierte mit Sehmas Gemeindewehrleiter Siegfried Heinrich, ebenfalls ein Stellvertreter des Kreisbrandmeisters. Die beiden Männer teilten sich die Aufgaben. Heinrich übernahm die Koordinierung von mehr als 100 Feuerwehrleuten im Sehmatal. Diese mussten zusehen, wie die Fluten der Zschopau in Crottendorf die Brücke an der Hauptstraße wegrissen. Längst war auch Kreisbrandmeister Helmut Sigl im Einsatz. Erinnern kann sich Hennings auch, dass man in Crottendorf ein Kind vermisste, verzweifelt nach ihm suchte: "Der Junge war bei einem Schulkameraden." Entwarnung.

Was dann in Geyer passierte, damit hatte niemand rechnen können. Hinter der Firma Büsch Armaturen und dem Geyerbach, unterhalb des Mühlleitenweges, war in der Nacht zum Dienstag der Hang abgerutscht. Unbemerkt. Dass etwas nicht stimmte, stellten die Mitarbeiter erst kurz vor Arbeitsbeginn fest. "Ich weiß noch, dass aus den halb offenen Rolltoren der braune Schlamm lief und war geschockt", sagt Matthias Seidel. Der Werkleiter arbeitete damals bereits als Facharbeiter in der Firma. Wäre der Hang später ins Rutschen gekommen, hätte es sicher Tote gegeben, vermutet er. Denn genau dort, wo Unmengen Kubikmeter Schlamm in der Metallhalle zum Halten kamen, habe sich die Abteilung Zuschnitt befunden. Die CNC-Bandsäge sei verschüttet gewesen, meterhohe Regale waren umgeknickt und umgestürzt.

Später stellte sich heraus, dass der Neue-Hoffnung-Gottes-Stolln hinter der Produktionshalle das Wasser des Gebirges nicht mehr abführen konnte. Also hatte sich das gestaute Wasser mit gewaltiger Sprengkraft den Weg nach draußen gebahnt. Anfangs wurde befürchtet, das Wohnhaus am Mühlleiter Weg sei gefährdet. Das bestätigte sich nicht. Der Hang wurde 2003 von Spezialisten der Bergsicherung gesichert.


Neue Hoffnung Gottes Stolln

Der Stolln im Mühlleiter Gebirge, Gegengebirge des Geyersbergs, befindet sich im Süden der Bingestadt. Werner Alpert aus Geyer schreibt nach seiner jüngsten Befahrung im Juni 2021: "Die Zwitter- und Zinngänge der Grube liegen häufig nebeneinander und waren - außer den äußerst südlichen Zügen - reich genug für den Abbau von Tage nieder." In der Lagerstätte sind Quarz, Arsenikkies, etwas Blende, Zinnstein, Zwittertrümer (Erz und Gestein) sowie Gneis zu finden.

Das Mühlleiter Gebirge sei 1808 seit früheren Zeiten als der reichste Zwitterberg im Geyerschen Bergamtsrevier bekannt. Schon 1768 waren unzählige Bingen und Halden vorhanden, so Alpert weiter. (ka)

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