Berliner Galerie würdigt Bärbel Bohley

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die Malerin Bärbel Bohley war Gesicht und Stimme der friedlichen Revolution. Ihre Kunst ist jedoch kaum bekannt. Eine Berliner Galerie gibt daher aktuell Einblicke in das Werk der beeindruckenden Frau.

Berlin.

1989/90 kannte wohl jede und jeder erwachsene Deutsche ihren Namen. Sie war Mitbegründerin des Neuen Forum, des Runden Tisches, Mitbesetzerin der Stasi-Zentrale. Sie war Gesicht und sanfte wie konsequente Stimme der friedlichen Revolution: die Künstlerin Bärbel Bohley. Für ihre Kunst interessierte sich damals jedoch kaum jemand, und außerhalb Berlins war sie auch wenig bekannt. Das war zu dieser Zeit ganz im Sinne Bohleys, die das Malen und Zeichnen 1989/90 zugunsten ihrer politischen Arbeit aufgegeben hatte. "Ich bin keine politische Künstlerin", hat sie einmal gesagt, "ich bin ein politischer Mensch, der Kunst macht."

Einen Ausschnitt aus dem weitgehend unaufgearbeiteten künstlerischen Nachlass von Bärbel Bohley zeigt jetzt die Berliner Galerie Pankow. Und dies ist nicht nur sehenswert, sondern ergänzt das Bild dieser besonderen Frau auf berührende Weise. Die Ausstellung beschränkt sich auf Grafiken und Zeichnungen aus den Jahren 1976 bis 1990. Ihr bevorzugtes Objekt - oder eigentlich Subjekt - künstlerischer Darstellung ist der Mensch. In wenigen, manchmal fahrigen Strichen, die eher Skizzen als vollendeten Werken ähneln, zeichnet sie oft Akte, männliche und weibliche, in existenziellen Situationen. Im "Niemandsland" aus dem Jahr 1987 hocken Menschen einsam, nachdenklich, gelangweilt, untätig in einer imaginären Landschaft. Das Blatt hatte Bärbel Bohley einst über ihre Freundin, die Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly, Erich Honecker zukommen lassen. Ob er die Trübsal in dem Bild auf das Land bezogen hat, das er zu führen meinte? Ebenso berührend: das "Schweigen" aus dem Jahr 1985. Drei Figuren eng beieinander auf einer Bank, dennoch ist jede mit sich selbst beschäftigt, es gibt im Sinne des Wortes keine Berührungspunkte. Schweigen macht einsam. Oft hat Bohley zunächst sparsame Zeichnungen mit farbiger Kreide, Tusche, Gouachefarben übermalt. Die Figuren bekommen so eine innere Dynamik, sind wie im Werden oder Vergehen begriffen, unfertig, oft nach mehreren Richtungen offen, was an den Gestus der Gemälde von Francis Bacon erinnert. Dies kommt wohl auch den künstlerischen wie menschlichen Intentionen Bohleys nahe, die die Kunst als den "Versuch eines utopischen Entwurfs vom Leben" verstand. Sie experimentierte mit künstlerischen Techniken, fertigte Collagen, in denen sie Zeitungsschnipsel des "Neuen Deutschland" zu wilden Dekonstruktionen verarbeitete. Viele ihrer Bilder wirken unfertig - so, als sollte aus ihnen erst noch etwas werden. Aus dem Jahr 1989 stammt ein Blatt namens "Engel fielen vom Himmel" - "wer hilft uns jetzt" wird der Titel fortgesetzt. Da hatte Bärbel Bohley mit den Aktivisten des Neuen Forum schon begonnen, den Menschen im Land auf die Sprünge zu helfen.

Geboren in den Nachkriegswirren am 24. Mai 1945, machte Bohley nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung als Industriekauffrau, arbeitete als Einkäuferin beim VEB Starkstromanlagenbau und bei Robotron. Von 1969 bis 1974 studierte sie Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, lebte danach als freischaffende Künstlerin in Berlin. 1970 wurde ihr Sohn Anselm geboren, der heute ihren Nachlass verwaltet. 1980 lernte Bärbel Bohley Robert Havemann kennen, mit dem sie fortan eng befreundet war. Sie beteiligte sich an mehreren oppositionellen Initiativen für Frieden, Frauenrechte und Demokratie in der DDR, wurde von der Staatssicherheit observiert und im Dezember 1983 zum ersten Mal für sechs Wochen verhaftet.

Wegen zahlreicher Restriktionen gab es nur wenige Ausstellungen mit Arbeiten Bohleys. 1988 wurde sie erneut verhaftet und in die Bundesrepublik abgeschoben, reiste aber sechs Monate später wieder in die DDR ein. 1989/90 war sie maßgeblich an der Organisation der Oppositionsbewegung in der DDR beteiligt und arbeitete auch in verschiedenen politischen Gremien nach der Wende mit. Sie gründete den Verein Bürgerbüro zur Hilfe für Opfer der DDR-Willkür mit, arbeitete im Wiederaufbauprogramm für Sarajevo, half dort auch Flüchtlingsfamilien und Kriegswaisen. Am 11. September 2010 starb Bärbel Bohley an Krebs. Im Zusammenhang mit den rechten Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 flammte ihr Name im Land noch einmal auf, als sich ihre Familie und Mitstreiter der friedlichen Revolution scharf gegen die Instrumentalisierung der Wende durch rechte Populisten wandten.

Zur Kunst ist Bohley nie zurückgekehrt, obwohl sie das ursprünglich wohl vorhatte, wie aus einem Text in dem zur Ausstellung erschienenen sehr informativen und auch von persönlichen Erinnerungen geprägten Katalog hervorgeht. Für sie waren die Veränderungen mit dem Ende der DDR nicht abgeschlossen. "Ich denke, unsere Ziele haben mit dem System der DDR recht wenig zu tun. Man muss sich als Mensch überall entfalten können, mitgestalten. Nur so ist das Leben möglich. Insofern stehen die Fragen nach wie vor." Und über sich selbst als Künstlerin sagt sie im Gespräch mit ihrer Freundin Irena Kukutz: "Ich bin keine große Malerin geworden, aber ich glaube, dass ich trotzdem eine gewisse Kreativität habe, die mir auch im Umgang mit der ganzen furchtbaren Situation geholfen hat."

Eine ihrer letzten, vielleicht die letzte Arbeit aus dem November 1989 ist ein schwarzes Blatt mit dem weißen Text: "Manchmal ist die Kunst abwesend!"

Die Ausstellung "Bärbel Bohley - die Künstlerin. Grafik und Zeichnung" ist bis 11. Juli in der Berliner Galerie Pankow zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.