Murwillumbah, Australien: Gil Ofarim nach seiner Krönung.
Murwillumbah, Australien: Gil Ofarim nach seiner Krönung. Bild: RTL/dpa
Kommentar
Dschungel-König Gil Ofarim: RTL und den Zuschauern war die Sensationslust wichtiger als der Davidstern-Skandal

Einem Leipziger Hotelmitarbeiter dichtete er einen antisemitischen Vorfall an. Belohnt wurde Gil Ofarim nun mit Öffentlichkeit, Hunderttausenden Euro und dem Sieg im RTL-Dschungelcamp. Das lässt tief blicken.

Leipzig.

Er war zweifellos der umstrittenste Kandidat der aktuellen Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ (IBES): Gil Ofarim. Nun ist er Dschungel-König. Das sagt viel über RTL – aber auch über die Zuschauer.

Nach dem Leipziger Davidstern-Skandal war der einstige Teenieschwarm („Round ‚n‘ Round“) in der Öffentlichkeit unten durch. Zu sehr war man geschockt darüber, dass der Musiker einem Leipziger Hotelmitarbeiter antisemitische Diskriminierung angedichtet hatte.

Über den Mann und das Westin-Hotel ergoss sich danach ein brachialer Shitstorm. Der Rauswurf des Mannes wurde gefordert, auch mit Mord gedroht. Erst vor Gericht zwei Jahre später räumte Ofarim ein: alles nur gelogen.

Mehr antisemitische Vorfälle

Ein unfassbares Verhalten! Zumal die Zahl judenfeindlicher Vorfälle in Deutschland in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist – insbesondere nach dem Massaker der islamistischen Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel und dem nachfolgenden Militäreinsatz im Gazastreifen.

Die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus meldete 2024 über 8600 Vorfälle. Das waren rechnerisch knapp 24 pro Tag. 2023 waren es noch rund 4900.

Ofarim hatte nicht nur den tatsächlichen Opfern einen Bärendienst erwiesen, sondern beinahe das Leben eines Mannes völlig ruiniert, weil… ja, warum eigentlich? Weil er in einem Hotel wie ein Normalsterblicher warten musste? Er war danach völlig zu Recht unten durch. Und es wurde still um ihn.

Bis man sich beim für moralbefreite Trash-Formate bekannten Sender RTL offenbar dachte: Ofarim als IBES-Kandidat könnte für jede Menge Gesprächsstoff sorgen – und für Quote. Und die Kölner behielten recht: Schon vor dem Sendestart drohten IBES-Fans lautstark im Netz mit Boykott. „Gil Ofarim eine Plattform zu geben. Da habt Ihr mich definitiv verloren“, notierte etwa einer.

Und die Staffel hätte tatsächlich zeigen können, was in TV-Deutschland überwiegt: Moral und Empörung über unfassbares Verhalten oder die pure Sensationsgeilheit.

Moral egal: Sender und Zuschauer legen sich fest

Versagt man jemandem die Aufmerksamkeit, der durch eine unglaubliche Lüge fast die Existenz eines Menschen ruiniert hätte - und damit auch dem Kölner Medienkonzern, der sich von diesem Kandidaten Quote und permanente Berichterstattung verspricht – und lässt die Glotze aus?

Oder aber schaltet man immer schön fleißig ein, weil man sich halt doch einen (zumindest winzigen) Info-Happen dazu erhofft, warum Ofarim damals tat, was er getan hat. Und ob er das vielleicht bereut, was er getan hat?

Auch den Sieg im Dschungelcamp hätten die Zuschauer ihm verwehren können. Doch wie Moderatorin Sonja Zietlow während der Krönung einräumte: Zu keiner Zeit sei es für den 43-Jährigen knapp gewesen. Seit dem ersten Tag, an dem die Zuschauer anrufen konnten, habe Ofarim vorne gelegen.

Am Ende muss man sagen: Die Boykott-Fraktion war offenbar sehr, sehr klein. Denn für RTL war die Staffel ein Quotenerfolg. Und Ofarim geht um Hunderttausende Euro reicher nach Hause. Sender und Zuschauer hätten es in der Hand gehabt, die Lüge von Leipzig nicht auch noch zu honorieren.

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, schrieb Bertolt Brecht einst. Bezogen auf den Dschungel-König Ofarim könnte man sagen: „Erst kommt die Sensationslust, dann die Moral.“ (phy)

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