Im Oktober 2021 behauptete Gil Ofarim, ein Hotelmitarbeiter in Leipzig habe ihn antisemitisch diskriminiert wegen seiner Davidsternkette. Eine Lüge. Nun hat der frühere Mitarbeiter sein Schweigen gebrochen.
Vor über vier Jahren sorgte der Davidstern-Skandal rund um Gil Ofarim und einen Leipziger Hotelmitarbeiter für Schlagzeilen, einen Shitstorm gegen das Westin-Hotel sowie Morddrohungen gegen den Mitarbeiter. Vor Gericht musste Ofarim zugeben, dass alles nur gelogen war.
Am Sonntagabend verließ der einstige Teenieschwarm das RTL-Dschungelcamp als Sieger und damit um ein paar Hunderttausend Euro reicher. Nun meldet sich erstmals der Mann zu Wort, dessen Leben Ofarims Lüge einst beinahe zerstört hätte.
Die „Zeit“ traf Markus W. in Leipzig, wo er jedoch nicht mehr arbeitet. Der Hotelbranche ist der 37-Jährige treu geblieben. Das Dschungelcamp hat er sich nicht angeschaut, kam aber „natürlich nicht an den Schlagzeilen vorbei“.
Andeutungen bei RTL: „Ist es denn nie vorbei?“
Warum lehnte W. jahrelang Interview-Anfragen ab? „Ich habe immer darauf vertraut, dass in unserem Rechtsstaat die Wahrheit herauskommt“, erklärt der 37-Jährige. Und so sei es auch gewesen. „Gil Ofarim hat mir etwas unterstellt, was ich nie getan habe.“ Als man sich schließlich vor Gericht wiedersah, seien die Anwälte des Musikers auf ihn zugekommen.
„Sie sagten, dass Ofarim sich bei mir entschuldigen wolle – und fragten, ob ich unter diesen Umständen einer Einstellung des Verfahrens zustimme.“ W. habe sich darauf eingelassen, „auch weil ich die Sache endlich abschließen wollte“. Allerdings habe Ofarim im Dschungelcamp „zweifelhafte Andeutungen“ gemacht. „Das wirkt für mich sehr befremdlich, es ärgert mich massiv und ich frage mich auch: Ist es denn nie vorbei?“
Viele Zuschauer hatten während der jüngsten Staffel darauf gewartet, dass sich Ofarim zum Skandal von Leipzig äußert. Doch der 43-Jährige blieb schwammig und schob das auf eine angebliche Verschwiegenheitserklärung.
Zuletzt behauptete er gegenüber Mit-Kandidatin Simone Ballack, dass die Videoaufnahmen aus dem Hotel manipuliert gewesen seien: „Das Video, das im Umlauf ist, ist nicht das Original.“
Ofarims Drohung: Video werde viral gehen
Wie erlebte Markus W. jenen Abend im Oktober 2021, als Ofarim einchecken wollte? „Es standen viele Gäste in der Lobby, die alle einchecken wollten, aber wir hatten ein technisches Problem.“ Deshalb habe man die Zimmerkarten nicht codieren können. „Ich habe meine Kolleginnen dann unterstützt und nach und nach die Notkarten ausgegeben. Das dauerte aber länger als üblich.“
Der Musiker habe deshalb rund 20 Minuten warten müssen. Als er schließlich an der Reihe war und seine Karte bekommen sollte, habe er W. angesprochen: „Er war sehr aufgebracht, zeigte mit dem Finger auf mich und pöbelte: Was das für ein Scheißladen sei.“
Und Ofarim habe gedroht: „Wenn er in seinem Zimmer sei, werde er die Zustände hier öffentlich machen, das werde viral gehen. Ofarim klatschte dabei in die Hände und sagte: Bäm, bäm, bäm.“ Da habe Markus W. ihm den Meldeschein weggezogen und ihm gesagt, dass er unter diesen Umständen nicht Gast im Westin sein könne.
Am nächsten Morgen lud Ofarim sein Instagram-Video hoch, in dem er die Lüge verbreitete, antisemitisch von W. diskriminiert worden zu sein. Im Hotel brach daraufhin die Hölle los.
„Als ich dann in meinem Büro ankam, stand das Telefon nicht mehr still.“ Das gesamte Hotel sei in einem Ausnahmezustand gewesen. „Kollegen weinten. Sämtliche Mitarbeiter hatten es schwer, mit dieser Situation umzugehen, weil einen darauf auch niemand vorbereiten kann.“
Morddrohungen: Markus W. kam an sicheren Ort
Am Nachmittag sei W. geraten worden, nach Hause zu gehen. Denn für den Abend war eine Demo vor dem Westin geplant. „Man hatte große Sorge, dass ich nicht mehr sicher bin.“ Der Hotelmitarbeiter erstattete Anzeige gegen den Musiker wegen Verleumdung.
W. wurde nicht nur via Social Media bombardiert, ihm wurde auch mit Mord gedroht. „Mein damaliger Chef rief am Abend an, um mir anzubieten, mich für einige Tage an einen sicheren Ort zu bringen. 15 Minuten später holte mich eine Limousine ab. Es war wie in einem Film.“
Warum W. schwieg, während Ofarim damals ein Interview nach dem anderen gab? Man wäre dann in einer „Pingpong-Situation“ gewesen: „Ofarim sagt dies, ich sage das.“ Und was noch hinzukomme: „Beweisen Sie mal, dass etwas nicht stimmt. Dass Sie kein Antisemit sind. Wie macht man so etwas?“
Zur Hochzeit seines Bruders sowie zum 60. Geburtstag seiner Eltern sei er in jener Zeit nicht gegangen. „Aus Angst davor, dass irgendwer ein Foto von mir machen könnte, auf dem ich feiernd oder lachend zu sehen bin.“
Dass Ofarim nun behaupte, das Video aus der Hotellobby sei manipuliert, macht den 37-Jährigen fassungslos. „Weder das Gericht noch der Videogutachter haben die Glaubwürdigkeit der Aufnahmen in Zweifel gezogen.“ Und: „Es gibt übrigens auch keinen Schweigedeal oder eine Verschwiegenheitsverpflichtung, obwohl Herr Ofarim das nahelegt.“
20.000 Euro Schadenersatz noch nicht erhalten
Der Musiker könne über die Vorgänge in der Lobby sprechen. „Das Einzige, was er nicht wiederholen darf, ist die Unwahrheit über mich.“ Ofarim habe im Zuge des Vergleichs vor Gericht eine Unterlassungserklärung abgegeben. „Das bedeutet, er darf nicht mehr sagen, dass ich ihn wegen des Tragens einer Davidstern-Kette des Hotels verwiesen hätte. Und er darf auch keine ähnlichen Aussagen tätigen, die andeuten, dass eine antisemitische Äußerung stattgefunden habe.“
Ofarim bekommt für seine Teilnahme am Dschungelcamp mindestens 275.000 Euro, in anderen Berichten ist von über 300.000 Euro die Rede. Wie sein Anwalt kürzlich öffentlich machte, muss der 43-Jährige 20.000 Euro Schadenersatz an W. zahlen. Das Geld habe W. noch nicht erhalten, wie er nun berichtet.
Die RTL-Show verließ Ofarim als Sieger, ist der amtierende „Dschungelkönig“. Markus W. wird mit Blick auf die Art, wie sich der Musiker im Dschungelcamp darstellte, unwohl. Es hinterlasse „bei mir den Eindruck, dass die öffentliche Wahrnehmung dieses Falles wieder kippt“.
Die Staatsanwaltschaft habe Tatsachen ermittelt, die vor Gericht Bestand hatten. Ofarim habe diese Tatsachen irgendwann bestätigt, indem er sich bei W. entschuldigte und das Video löschte. „Nun habe ich den Eindruck, dass all das wieder infrage gestellt wird. Er inszeniert sich wie ein Opfer, obwohl ich das bin, und das ist schwer für mich.“ (phy)





