Mehr Tempo mit Biden

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Die faustdicke Überraschung kam zum Schluss. Joe Biden und Angela Merkel hatten schon eine ganze Weile freundlich, aber wenig spektakulär geredet, als eine Reporterin den amerikanischen Präsidenten nach der Einreisesperre fragte, die seit 16 Monaten auch vollständig geimpfte Europäer am Besuch der USA hindert. Eigentlich schien die Reaktion vorhersehbar: "Wir folgen dem Rat der Wissenschaft." Das ist zwar offensichtlicher Unsinn, weil Flugreisende aus der Türkei, Saudi-Arabien oder selbst vielen Ländern Lateinamerikas ungehindert ins Land dürfen. Aber es ist die Standardantwort des Weißen Hauses seit Wochen.

Doch Joe Biden erwiderte anders. Die Kanzlerin habe das Thema angesprochen und er seinen Corona-Beauftragten hinzugezogen. Die Frage befinde sich nun in der Prüfung: "Ich werde sie innerhalb der nächsten Tage beantworten können."

Ganz unabhängig von der Auswirkung, die eine Lockerung des Travel Ban für Menschen mit Angehörigen dies- und jenseits des Atlantiks sowie für deutsche US-Firmen, die auf Personal aus der Heimat angewiesen sind, haben würde, ist der Kursschwenk eine kleine Sensation. Als Abschiedsbesuch mit vor allem symbolischer Bedeutung war Merkels Reise eigentlich ausgeflaggt worden. Dass der mächtigste Mann der Welt eine eigene Position öffentlich überdenkt, ist da sehr bemerkenswert. Und es verschärft den Kontrast zum Vorgänger Donald Trump, der gemeinsame Auftritte mit der Kanzlerin allenfalls zum Deutschland-Bashing nutzte.

Allen unterschiedlichen Interessen in der Chinapolitik oder bei der Ostseepipeline Nord Stream 2 zum Trotz: Merkels Besuch hat gezeigt, dass Berlin im Weißen Haus wieder einen Freund sitzen hat. Wie die Mehrheit in Deutschland glaubt Biden an demokratische Werte und eine regelbasierte Weltordnung. Er räumt dem Kampf gegen den Klimawandel und die Coronapandemie eine hohe Priorität ein. Und er behandelt Verbündete mit Achtung und Respekt. Das mag wenig spektakulär klingen. Seit Trump wissen wir, wie wenig selbstverständlich das ist. Trotzdem ist Biden ebensowenig der liebe Onkel aus Washington wie Barack Obama ein selbstloser Heilsbringer war. Der 78-Jährige regiert ein Land, in dem mehr als die Hälfte der Republikaner unverändert glauben, der rechtmäßige Präsident heiße Trump. Er steht unter enormem Druck des Kongresses, der den Verzicht auf Nord-Stream-Sanktionen mit allen Mitteln torpediert. Er hat mit Haiti und Kuba zwei Krisenherde vor der Tür und in der Flüchtlingspolitik mehr als die Hälfte der Bevölkerung gegen sich. Er stößt mit seiner Impfkampagne auf den ideologischen Widerstand ganzer Landesteile. Und er muss eine demokratische Partei zusammenhalten, die zunehmend ungeduldig wird.

Biden braucht dringend politische Erfolge. Und die kann er nur mit Verbündeten erzielen. Es liegt im ureigensten deutschen Interesse, wo immer möglich mit dem Präsidenten zusammenzuarbeiten. Weder der globale Klimawandel, noch die weltweite Coronapandemie, die Bedrohung der Demokratie durch national-populistische und autoritäre Bewegungen oder die wachsenden Gefahren durch unkontrollierbare Cyber-Attacken lassen sich im regionalen Alleingang bekämpfen. Und sämtliche dieser Entwicklungen erfordern rasches Handeln.

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