Vanessa ging noch zur Schule, als ihre Mutter Anja Dittrich aus Brand-Erbisdorf mit dem Hubschrauber in die Uniklinik geflogen werden musste. Jetzt muss sie sie erneut im Krankenhaus besuchen.
Sanft drückt sie ihrer Mutter ein Küsschen auf die Wange. „Hey Mutsch!“, sagt Vanessa. Anja freut sich. Es ist ihr Begrüßungsritual.
Vanessa, 19, ist die Tochter von Anja Dittrich (38) aus Brand-Erbisdorf. Anja, lebenslustig, aber vom Schicksal schwer getroffen, ist die Frau, die mit 36 erst gegen einen Tumor im Herzen gekämpft und mit 37 einen schweren Schlaganfall erlitten hat. Während ihre Tochter gerade ins Erwachsenenleben startet, kämpft Anja darum, ihr Leben wieder meistern zu können.
Vanessa, schlank, blond mit auberginefarbenen Akzenten im Haar, die Augen: wie ihre Mama. Sie ist gerade aus Dresden gekommen, stellt die Tasche ab, zieht den Mantel aus. In Dresden macht sie ihre Ausbildung zur Erzieherin. Wie stark kann ein Teenager sein, der seine Mutter gleich zweimal an schwere Krankheiten verliert? Dass sie an diesem Mittwoch ihre Mutter nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus besucht, war am Wochenende noch nicht absehbar.
Mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus
Noch am Samstag ging es Anja gut. Mit ihrem Mann Lukas (36) besuchte sie den Stollenmarkt in Brand-Erbisdorf. Sie saß im Rollstuhl, eingemummelt in ihre rote Decke und mit ihrer Lieblings-Grinch-Mütze auf dem Kopf. Sie aßen, gingen dann aber nach Hause, weil sich beide nicht gut fühlten. Anja hatte Bauchschmerzen. Als es am Sonntag schlimm wurde und Fieber dazukam, rief Lukas den ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Die Galle, vermutete der Arzt“, sagt Lukas. Anja wurde ins Krankenhaus gebracht. Lukas sollte zu Hause bleiben; er tigerte durch die Wohnung. Wie schlimm ist es? Soll er Vanessa informieren?
Wie Vanessa vom Schlaganfall ihrer Mutter erfuhr
Vier Stunden später erhielt er einen Anruf aus dem Krankenhaus: Anja sei stabil und auf die Überwachungsstation verlegt worden. Er entschied, Vanessa erst am Morgen zu informieren. Beide wissen noch genau, wie es ihnen nach der Nacht im Mai 2024 ging, als Anja mit schwerem Schlaganfall in die Uniklinik Dresden geflogen wurde.
„Ich war mit einem Freund unterwegs nach Leipzig, als Lukas mir schrieb, dass er mich sprechen muss“, erzählt Vanessa von jenem Tag. „Sie war 37 und ich 17. Ich war am Boden zerstört“, sagt sie. Sofort seien sie umgekehrt. „Als 17-jähriges Mädchen willst du nicht hören, dass die Mama einen Schlaganfall hat.“ Nach der Trennung ihrer Eltern hat sich Vanessa entschieden, beim Vater zu leben. Ihr Mutter trifft sie regelmäßig. Obwohl sie noch zur Schule ging, ist sie 14 Tage lang jeden Tag mit Lukas zu ihr in die Uniklinik gefahren. Sie besuchten Anja in der Reha in Kreischa; später dann in einer Intensivpflegeeinrichtung. „Wir sind sowas wie eine Schicksalsgemeinschaft“, sagt Lukas. Sie nickt. „Wir haben ein gutes Verhältnis“, sagt sie. Seit Ende Mai 2025 kümmert sich Lukas zu Hause um Anja.
Eine besondere und doch normale Mutter-Kind-Beziehung
Vanessa pendelt jeden Tag nach Dresden und zurück. Wenn sie es zeitlich schafft, besucht sie ihre Mama einmal die Woche. „Das ist ganz schön herausfordernd mit den Öffis von Dresden nach Brand“, sagt die 19-Jährige. Anja bedeutet das viel. Sie schaut sie an und sagt: „Ich bin ihre Mutter, aber wir haben eine freundschaftliche Beziehung.“ Stolz schwingt mit. Und Dankbarkeit. Sie grinsen sich an und lachen laut.
Mittlerweile geht es Anja besser. Die Schmerzmittel wirken, sie hat mehrere Untersuchungen hinter sich. „Die Ärzte haben jetzt die Bauchspeicheldrüse in Verdacht“, meint Lukas. Anja knautscht ihren Kuschelaffen namens Ogni, der sie überallhin begleitet. „Lieber liege ich jetzt hier als an Weihnachten“, sagt sie. Weil sie beim Sprechen für Fremde noch schwer zu verstehen ist, hat sie ihren Sprachcomputer dabei. Auf dem kann sie antippen, was sie sagen möchte. Dann spricht eine Computerstimme und die Schwestern können sie verstehen. Vanessa und Lukas brauchen die Computerstimme nicht. Sie verstehen Anja einfach so. (cor)






